Mehr als Fasten

Jesaja 58, 1- 14

1 Rufe getrost, halte nicht an dich! Erhebe deine Stimme wie eine Posaune und verkündige meinem Volk seine Abtrünnigkeit und dem Hause Jakob seine Sünden! 2 Sie suchen mich täglich und begehren meine Wege zu wissen, als wären sie ein Volk, das die Gerechtigkeit schon getan und das Recht seines Gottes nicht verlassen hätte. Sie fordern von mir Recht, sie begehren, dass Gott sich nahe. 3 »Warum fasten wir und du siehst es nicht an? Warum kasteien wir unseren Leib und du willst’s nicht wissen?«

Fasten ist eine religiöse Übung. Kultische Enthaltsamkeit zur Selbstreinigung. Wer hat etwas davon? Gott? Der Fastende? In der Tradition ist Fasten immer ein Weg, um sich für Gott zu bereiten, um ihm nahe kommen zu können. Dahinter steht die Einsicht: wir sind beschmutzt vom Alltag der Welt, von der Wirklichkeit des Lebens. Wir sind angefüllt und festgehalten von Dingen, Erfahrungen Gedanken. Es braucht die Leere, damit Gott zu uns kommen, sprechen, uns berühren kann. Wer volle Hände hat, kann nicht empfangen.

Aber: Das funktioniert nicht immer. Es läuft oft genug ins Leere. Der Gewinn, den das Fasten bringen soll, bleibt aus. Die Gotteserfahrung bleibt leer. Warum entzieht sich Gott?

Siehe, an dem Tag, da ihr fastet, geht ihr doch euren Geschäften nach und bedrückt alle eure Arbeiter. 4 Siehe, wenn ihr fastet, hadert und zankt ihr und schlagt mit gottloser Faust drein. Ihr sollt nicht so fasten, wie ihr jetzt tut, wenn eure Stimme in der Höhe gehört werden soll. 5 Soll das ein Fasten sein, an dem ich Gefallen habe, ein Tag, an dem man sich kasteit, wenn ein Mensch seinen Kopf hängen lässt wie Schilf und in Sack und Asche sich bettet? Wollt ihr das ein Fasten nennen und einen Tag, an dem der HERR Wohlgefallen hat?

Jesaja legt den Finger auf die Wunde. In eurem Fasten sucht ihr euch selbst. Gott braucht nicht, dass ihr fastet, euch selbst quält, euren Körper schindet, die guten Gaben der Schöpfung verschmäht. Wer sich selbst so quält, der wird auch andere kasteien und quälen. Wer sich selbst so schindet, der ist oft genug in Gefahr, auch ein Leute-Schinder zu werden.

6 Das aber ist ein Fasten, an dem ich Gefallen habe: Lass los, die du mit Unrecht gebunden hast, lass ledig, auf die du das Joch gelegt hast! Gib frei, die du bedrückst, reiß jedes Joch weg! 7 Brich dem Hungrigen dein Brot, und die im Elend ohne Obdach sind, führe ins Haus! Wenn du einen nackt siehst, so kleide ihn, und entzieh dich nicht deinem Fleisch und Blut!

Es geht nicht um religiöse Übungen für ein ganzes Volk. Jesaja spricht nicht die möglichen Teilnehmer von Einkehrtagen an, sondern das Volk Israel. Es geht um Gerechtigkeit, um soziale Verantwortung. Den Hungrigen Brot geben, den Elenden ein Dach, denen ohne Ort eine Bleibe. Das ist ein Programm für das Volk und nicht ein Aufruf zu individueller Barmherzigkeit und zu mehr Almosen.

Wer sich das vor Augen hält: was ich habe, das habe ich empfangen, der kann und darf die Augen nicht mehr zumachen vor der Not um ihn herum. Wer sich bei Gott bedanken lernt, der wird nicht anders können als dann auch teilen zu lernen mit denen, deren Mangel und Not manchmal zum Himmel schreit. Wer Gott anfängt zu danken, der muss auch anfangen zu helfen, die Not um sich herum zu lindern – ob es auf dem Weg eigener Hilfe ist oder im Ringen um gerechtere Verhältnisse.

Auch so herum können wir es sagen: Gott hat uns alles gegeben, damit es durch uns an die richtige Anschrift kommt   und die richtige Anschrift sind die sozial Schwachen, die Armen, die nicht mitgekommen sind oder die aus eigener Schuld den Anschluss verpasst haben. Aber darüber wird hier kein Wort verloren, über die Vorgeschichte eines jeden Menschen. Sondern darum geht es Gott: dass geholfen wird, dass der Segen, den er ausgeteilt hat, weitergeht und weiter wirkt.

Das ist die Herausforderung: Es genügt nicht, Hartz-IV-Sätze zu haben, die das Verhungern verwehren. Diese Worte zielen auf Herstellen von Menschenwürde, auf Teilhabe, auf Respekt, auf den Mehrwert, den das Leben in den Augen Gottes hat und der nicht darin aufgeht, was einer alles leistet und an Erfolgen vorweisen kann. Dieser Mehrwert des Lebens fordert die Barmherzigkeit und die Solidarität gleichermaßen heraus – aber nicht herzlos, sondern von Herzen.

Gott                                                                                                                         wir beuten keinen aus                                                                                            machen keinen fertig                                                                                            höchstens uns selbst                                                                                            Wir haben keine Sklaven                                                                                       die wir zur Arbeit treiben                                                                                     höchstens uns selbst                                                                                               Wir beugen nicht das Recht                                                                              niemandem den Rücken                                                                                  bleiben niemandem etwas schuldig                                                                    höchstens uns selbst                                                                                              Wir suchen keinen Streit                                                                                       üben keine Gewalt                                                                                               höchstens gegen uns selbst

Gott                                                                                                                     übersehen wir die anderen                                                                                         die auf dem Weg müde Gewordenen                                                                        die am Leben Verzagten                                                                                           die von Sorgen Geplagten                                                                                         weil wiruns selbst nicht mehr wahrnehmen                                                           uns selbst nicht spüren                                                                                          uns nie Dir lassen können?

Gott                                                                                                                        fasten wir                                                                                                         plagen wir unseren Leib                                                                                       feiern wir Gottesdienste                                                                                      vollbringen wir Bußleistungen                                                                                damit wir nicht still halten müssen vor Dir                                                             damit wir nicht die Armut anderer sehen und uns selbst                                          arm und bloß?

Gib uns den Mut                                                                                                      Dir und der Wirklichkeit standzuhalten                                                                       Öffne uns die Augen                                                                                           Wandle uns das Herz                                                                                               Leite uns                                                                                                                 Deinen Willen zu tun. Amen

8 Dann wird dein Licht hervorbrechen wie die Morgenröte, und deine Heilung wird schnell voranschreiten, und deine Gerechtigkeit wird vor dir hergehen, und die Herrlichkeit des HERRN wird deinen Zug beschließen. 9 Dann wirst du rufen und der HERR wird dir antworten. Wenn du schreist, wird er sagen: Siehe, hier bin ich. Wenn du in deiner Mitte niemand unterjochst und nicht mit Fingern zeigst und nicht übel redest, 10 sondern den Hungrigen dein Herz finden lässt und den Elenden sättigst, dann wird dein Licht in der Finsternis aufgehen, und dein Dunkel wird sein wie der Mittag.

Das ist das große Versprechen, das Gott in diesem Wort aufrichtet: wenn Ihr eure Gaben, die ich Euch gegeben habe, die Ihr durch mein Geben manchmal mühsam erarbeitet habt, teilt – wenn ihr Hunger stillt, Nackte kleidet, Gebeugte aufrichtet, Nieder geschlagene auf die Beine stellt   dann will ich euch selbst erfahren lassen, wie ich euch neu segne.

Das wird wohl der Abschied von den bösen Sprüche sein, von den harten Urteilen, von den schnellen Vorurteilen: Wenn du in deiner Mitte niemand unterjochst und nicht mit Fingern zeigst und nicht übel redest,… Das ist der Respekt vor denen, deren Weg ich nicht wirklich verstehe und die doch auch zu mir gehören. Ein Volk zeigt seine Tragkraft, seine menschliche Qualität vor allem in der Sorge um die, die unten sind, nicht in der Bewunderung derer, die oben sind und es geschafft haben.

Wer das Fasten als Enthaltsamkeit nicht auf seine heimlichen und offenen Machtansprüche ausdehnt, der fastet in Wahrheit gar nicht. Fasten wird da ernst, wo es zum Verzicht auf Herrschaft wird, zum Gehorsam gegen Gott und zum Dienst am Nächsten.

11 Und der HERR wird dich immerdar führen und dich sättigen in der Dürre und dein Gebein stärken. Und du wirst sein wie ein bewässerter Garten und wie eine Wasserquelle, der es nie an Wasser fehlt. 12 Und es soll durch dich wieder aufgebaut werden, was lange wüst gelegen hat, und du wirst wieder aufrichten, was vorzeiten gegründet ward; und du sollst heißen: »Der die Lücken zumauert und die Wege ausbessert, dass man da wohnen könne«.

In diesem Fasten erfüllen sich dann auch Verheißungen Gottes. Wer sich so unter seine Herrschaft beugt, dass er frei lässt und freigibt, dass er leere Hände riskiert und den Verzicht auf Macht, der erfährt Gottes rettende, durch-tragende und bewahrende Gegenwart. An ihm wird erkennbar, wie reich Gott seine Schöpfung macht, wie viel Lebenskraft ihr innewohnt. Es ist sicher kein Zufall, dass Jesaja hier paradiesische Bilder anklingen lässt. Wo der Friede Gottes Land gewinnt, leuchtet der Schein von Eden auf.

13 Wenn du deinen Fuß am Sabbat zurückhältst und nicht deinen Geschäften nachgehst an meinem heiligen Tage und den Sabbat »Lust« nennst und den heiligen Tag des HERRN »Geehrt«; wenn du ihn dadurch ehrst, dass du nicht deine Gänge machst und nicht deine Geschäfte treibst und kein leeres Geschwätz redest, 14 dann wirst du deine Lust haben am HERRN, und ich will dich über die Höhen auf Erden gehen lassen und will dich speisen mit dem Erbe deines Vaters Jakob; denn des HERRN Mund hat’s geredet.

Zur Gerechtigkeit tritt der Gehorsam, tritt das Vertrauen auf das Gebot, das so wenig zu bedeuten scheint. Was liegt schon am Sabbat. Der ist doch nur ein Hindernis für eine wirtschaftliche Entwicklung, nur ein Relikt aus alten Tagen. Aber der Sabbat ist nicht Einschränkung sondern Freiraum nicht Ödnis sondern Leuchtfeuer. Und den Sabbat halten ist nichts anderes als Anteil gewinnen an der göttlichen Ruhe und damit selbst aus einer tiefen Geborgenheit Schritte des Lebens tun können.