Gott kommt nahe

Jesaja 57, 14 – 21

14 Und er spricht: Machet Bahn, machet Bahn! Bereitet den Weg, räumt die Anstöße aus dem Weg meines Volks!

Diese Sätze sind so vertraut. Macht Bahn! Es ist sofort im Ohr: Bereitet dem Herrn den Weg. Aber hier geht es um freie Bahn für das Volk und nicht um freie Bahn für Gott. Israel soll der weg freigeräumt werden, der vorher versperrt war. Israel soll nicht mehr ins Stolpern kommen.

15 Denn so spricht der Hohe und Erhabene, der ewig wohnt, dessen Name heilig ist: Ich wohne in der Höhe und im Heiligtum und bei denen, die zerschlagenen und demütigen Geistes sind, auf dass ich erquicke den Geist der Gedemütigten und das Herz der Zerschlagenen.

Denn – damit schließt der folgende Satz nach vorne an. Es scheint so, dass jetzt gesagt wi9rd, was das Stolpern Israels beenden kann. Gott ist der Erhabene, der Heilige, der in der Höhe wohnt, dem man sich nicht ohne weiteres nahen kann. Zugleich ist er der, der sich nach unten neigt, der sich erbarmt, der aufrichtet und zurecht bringt. Aus dem unnahbaren Gott ist nicht ein nahbarer geworden, sondern ein naher. Die Nähe Gottes geht auf seine Bewegung zurück und und nicht auf meine, unsere. Gott ist nahe, ob ich es merke und glaube oder nicht.

Diese beiden „Wohnorte Gottes“ – oben und unten – zusammen zu bringen, das war wohl zu allen Zeiten etwas, was Menschen in Denkschwierigkeiten gestürzt hat und was sie auch lebensmäßig nicht auf die Reihe gekriegt haben. Der hohe und erhabene Gott, der allmächtige ist unser Bild, oft genug gesucht und auch hergenommen, um die Welt stabil zu halten, oben und unten in der Gesellschaft zu begründen und zu zementieren. Wenn dieser hohe Gott sich nach unten neigt, zu den Gedemütigten, Geschlagenen, Verzagten, dann gerät das Weltbild durcheinander.

16 Denn ich will nicht immerdar hadern und nicht ewiglich zürnen; sonst würde ihr Geist vor mir verschmachten und der Lebensodem, den ich geschaffen habe. 17 Ich war zornig über die Sünde ihrer Habgier und schlug sie, verbarg mich und zürnte. Aber sie gingen treulos die Wege ihres Herzens. 18 Ihre Wege habe ich gesehen, aber ich will sie heilen und sie leiten und ihnen wieder Trost geben; und denen, die da Leid tragen, 19 will ich Frucht der Lippen schaffen. Friede, Friede denen in der Ferne und denen in der Nähe, spricht der HERR; ich will sie heilen.

Dieser nahe Gott sucht mich, so wie ich bin, getrieben von den Ängsten und Wünschen meines Herzens, gebannt von meinen Wegen, geschlagen von meiner Schuld. Und seine Antwort: Gott will seinen gerechten Zorn fahren lassen. Gott will die Irrwege und Treulosigkeiten seines Volkes beantworten mit seiner durchgehaltenen Treue und neuem Weggeleit. Aller Vorgeschichte zum Trotz, in der Israel so oft den eigenen Weg gesucht hat, will Gott sie auf seinen Weg leiten. Macht Bahn klingt so wie eine Selbstaufforderung an Gott. Es liegt alles für einen neuen Weg Israels daran, dass er sein Herz nicht verschließt, dass er festhält an diesem halsstarrigen und eigensinnigen Volk. Er tritt nahe zu seinem Volk. Er nimmt menschliche Gestalt an, damit wir nicht vor der Hoheit seines Wesens erschrecken und vergehen. Es bleibt ja auch so noch genug Schrecken, wenn ich den erkenne, der sich mir so menschlich naht: „Gehe von mir, denn ich bin ein sündiger Mensch.“ (Lukas 5, 8)

Es ist seine Gabe, dass Friede wird, dass Worte gute Folgen haben können. Das ist das Ziel Gottes mit seinem Volk: Frieden, Shalom, Leben, das den Namen verdient. Dieser Friede wird nur, wo wir ihn empfangen, uns beschenken lassen, in leere Hände hinein. Weil Gott sich selbst gibt, gibt es Leben für meinesgleichen und mich, Sünder und Gottlose.

20 Aber die Gottlosen sind wie das ungestüme Meer, das nicht still sein kann und dessen Wellen Schlamm und Unrat auswerfen. 21 Die Gottlosen haben keinen Frieden, spricht mein Gott.

Von uns aus ist das alles – Frieden und Gerechtigkeit – nicht zu haben. Hier wird nicht eine andere Gruppe von Menschen aus den Gaben Gottes ausgeschlossen. Es sind die gleichen Leute, von denen eben die Rede ist und es ist die Erinnerung die wir nie loswerden: Der Friede ist nicht unser Recht und auch nicht unser „Produkt“. Er ist ganz Gabe. Was wir hervorbringen aus uns selbst ist wie Schlamm und Unrat, der aus dem Meer ans Land gespült wird.

Wie gut                                                                                                                     mein Gott                                                                                                                  dass Du uns nicht festlegst auf das                                                                              was war                                                                                                                   auf die alten Wege                                                                                                      auf den Eigensinn                                                                                                         auf das trotzige Herz.

Wie gut                                                                                                                   mein Gott                                                                                                                  dass Du Dich nicht entzieht in den hohen Himmel                                                         in das Heiligtum                                                                                                    unzugänglich                                                                                                           verborgen in der Höhe und dem Glanz der Herrlichkeit.

Wie gut                                                                                                                    mein Gott                                                                                                                   dass Du Dich herab beugst                                                                                         bei uns wohnen willst                                                                                                    in dem verzagten Sinn                                                                                            dem gebrochenen Herzen                                                                                            den tausend Fragen und Klagen.

Ich danke Dir                                                                                                              dass Du zu mir trittst in meinen Schmerz                                                                       meine Angst                                                                                                         meine Schuld und festhältst an mir und nicht nur an mir. Amen