Enttäuschter Schmerz

2. Petrus 2, 1 – 22

1 Es waren aber auch falsche Propheten unter dem Volk, wie auch unter euch sein werden falsche Lehrer, die verderbliche Irrlehren einführen und verleugnen den Herrn, der sie erkauft hat; die werden über sich selbst herbeiführen ein schnelles Verderben. 2 Und viele werden ihnen folgen in ihren Ausschweifungen; um ihretwillen wird der Weg der Wahrheit verlästert werden. 3 Und aus Habsucht werden sie euch mit erdichteten Worten zu gewinnen suchen. Das Gericht über sie bereitet sich seit langem vor, und ihr Verderben schläft nicht.

Hier hat die Sorge das Wort und ein bisschen auch die Erfahrung. Zu allen Zeiten gibt es falsche Propheten, gibt es Täuscher und Schönredner. Davor ist die Gemeinde Christi nicht automatisch bewahrt. Aber es ist doch auch schwierig mit diesen Worten. Will `Petrus’ warnen?Dann ist das nicht wirklich der richtige Weg, weil es so unausweichlich, fast schicksalhaft klingt. Es müssen ja falsche Lehrer kommen – aber warum das sein muss, dazu sagt er nichts. Dahinter scheint mir das Bild von der Bewährung und der großen Scheidung zu stehen. Damit sich zeigt, wer es ernst meint, muss es zu diesen Auftritten der Verführer kommen. So ähnlich sieht es auch Paulus, wenn er von den notwendigen Spaltungen redet (1. Korinther 11, 19)

4 Denn Gott hat selbst die Engel, die gesündigt haben, nicht verschont, sondern hat sie mit Ketten der Finsternis in die Hölle gestoßen und übergeben, damit sie für das Gericht festgehalten werden; 5 und hat die frühere Welt nicht verschont, sondern bewahrte allein Noah, den Prediger der Gerechtigkeit, mit sieben andern, als er die Sintflut über die Welt der Gottlosen brachte; 6 und hat die Städte Sodom und Gomorrha zu Schutt und Asche gemacht und zum Untergang verurteilt und damit ein Beispiel gesetzt den Gottlosen, die hernach kommen würden; 7 und hat den gerechten Lot errettet, dem die schändlichen Leute viel Leid antaten mit ihrem ausschweifenden Leben.

Das ist ein merkwürdig einseitiger Griff in die Geschichte Gottes mit der Welt: Sintflut und der Untergang von Sodom und Gomorrha. Es gibt auch andere Geschichten, die von der Lust Gottes erzählen, Leben zu schenken, auch den Gottlosen. Mir scheint, dass diese Auswahl mehr über die Untergangs-Phantasien des `Petrus’ erzählt als über den wechselvollen Weg Gottes mit seinem Volk.

8 Denn der Gerechte, der unter ihnen wohnte, musste alles mit ansehen und anhören und seine gerechte Seele von Tag zu Tag quälen lassen durch ihre bösen Werke. 9 Der Herr weiß die Frommen aus der Versuchung zu erretten, die Ungerechten aber festzuhalten für den Tag des Gerichts, um sie zu strafen, 10 am meisten aber die, die nach dem Fleisch leben in unreiner Begierde und jede Herrschaft verachten. Frech und eigensinnig schrecken sie nicht davor zurück, himmlische Mächte zu lästern, 11 wo doch die Engel, die größere Stärke und Macht haben, kein Verdammungsurteil gegen sie vor den Herrn bringen.

Da hoffe ich einen Augenblick auf einen neuen Ton in diesen Worten. Es gibt Gerechte in einer ungerechten Welt. Es gibt Fromme, die ihre Frömmigkeit durchhalten. Es gibt auch Ungerechte. Und Gott hält sie alle. Das wäre doch eine Botschaft, die zumindest mir gut tut. So klingt es ja auch bei Jesus: „Gott lässt seine Sonne aufgehen über Böse und Gute und lässt regnen über Gerechte und Ungerechte.“ (Matthäus 5, 43)Ich halte ja auch nichts davon, die Welt in ihrem Zustand rosarot zu färben. Aber eben auch nicht schwarz – und das Gefühl habe ich hier: Da wird nur noch schwarz gesehen.

12 Aber sie sind wie die unvernünftigen Tiere, die von Natur dazu geboren sind, dass sie gefangen und geschlachtet werden; sie lästern das, wovon sie nichts verstehen, und werden auch in ihrem verdorbenen Wesen umkommen 13 und den Lohn der Ungerechtigkeit davontragen. Sie halten es für eine Lust, am hellen Tag zu schlemmen, sie sind Schandflecken, schwelgen in ihren Betrügereien, wenn sie mit euch prassen, 14 haben Augen voll Ehebruch, nimmer satt der Sünde, locken an sich leichtfertige Menschen, haben ein Herz getrieben von Habsucht – verfluchte Leute! 15 Sie verlassen den richtigen Weg und gehen in die Irre und folgen dem Weg Bileams, des Sohnes Beors, der den Lohn der Ungerechtigkeit liebte, 16 empfing aber eine Strafe für seine Übertretung: Das stumme Lasttier redete mit Menschenstimme und wehrte der Torheit des Propheten. 17 Das sind Brunnen ohne Wasser und Wolken, vom Wirbelwind umhergetrieben, ihr Los ist die dunkelste Finsternis. 18 Denn sie reden stolze Worte, hinter denen nichts ist, und reizen durch Unzucht zur fleischlichen Lust diejenigen, die kaum entronnen waren denen, die im Irrtum ihr Leben führen, 19 und versprechen ihnen Freiheit, obwohl sie selbst Knechte des Verderbens sind. Denn von wem jemand überwunden ist, dessen Knecht ist er geworden.

Die Hoffnung auf freundliche Worte hat getrogen. Wie ein Sturzbach ist das. Alles wird mitgerissen in einem Strom, der alle Dämme brechen lässt. Moralischer Verfall, menschliche Defizite, nichts als Untergang. Besonders beängstigend: Das ist nicht draußen vor der Tür. „..wenn sie mit euch prassen“ – offensichtlich geht es um Menschen, die zumindest im Kontakt zur Gemeinde stehen, wenn nicht um Gemeindemitglieder. Das Bild von der reinen Gemeinde in den Anfangsjahren wird hier gründlich zerstört. Aber es wird in einer Weise zerstört, die mich zugleich fragen lässt: Ist das nicht die Überzeichnung von Untergangsbildern? Hier versucht jemand, mit solchen Schreckensgemälden die Leute bei der Stange zu halten.

Ernsthaft betrachtet ist das ein Angriff auf die Integrität der Gemeinde. Der sachliche Gehalt ist dabei die Auseinandersetzung über die Freiheit. Offensichtlich gibt es eine Position in der Gemeinde, die ein weiteres Freiheitskonzept vertritt, „liberaler“ ist, freizügiger als es `Petrus’ gutheißen kann und will. Hier erinnert mich der Konflikt an das, was Paulus in Korinth andauernd zu klären hat, wo die Grenzen der Freiheit der Christen liegen und dass man sie nicht zu eng und nicht zu weit ziehen darf. Und Paulus antwortet auf die Frage nach Grenze und Weite mit dem Hinweis auf die Bindung an Christus. Jedes mal steht die Frage nach den Eckpunkten ethischen Verhaltens im Hintergrund. Wenn die Welt vergeht und das Ende nahe ist, dann ist es Zeit, im Heute zu leben und nur im Heute.

20 Denn wenn sie durch die Erkenntnis unseres Herrn und Heilands Jesus Christus entflohen sind dem Unrat der Welt, werden aber wiederum in diesen verstrickt und von ihm überwunden, dann ist’s mit ihnen am Ende ärger geworden als vorher. 21 Denn es wäre besser für sie gewesen, dass sie den Weg der Gerechtigkeit nicht erkannt hätten, als dass sie ihn kennen und sich abkehren von dem heiligen Gebot, das ihnen gegeben ist. 22 An ihnen hat sich erwiesen die Wahrheit des Sprichworts: Der Hund frisst wieder, was er gespien hat; und: Die Sau wälzt sich nach der Schwemme wieder im Dreck.

Das ist jetzt eine Debatte, die sich auch durch andere Schriften des NT zieht: Was ist mit denen, die einen Anfang im Glauben gemacht haben und dann wieder abfallen? Die Frage nach der zweiten Umkehr beschäftigt das junge Volk der Christenheit. Sie ist existentiell, weil es im Standhalten in Bedrängnis geht, um Abfall und Abschwören. `Petrus’ gehört zu denen, die glauben, dass der Abfall vom Glauben schlimmer ist als die Zeit vorher. Für diese Zeit gilt die Entschuldigung der Unwissenheit. Für den Abfall gibt es diese Entschuldigung nicht mehr. Da bleibt nichts zu hoffen: „Wenn nun das Salz nicht mehr salzt, womit soll man salzen? Es ist zu nichts mehr nütze, als dass man es wegschüttet und lässt es von den Leuten zertreten.“

Die andere Frage ist, warum man so bitter harte Worte wählen muss. Wie viel enttäuschter Schmerz findet da zur Sprache. Das ist eine Art „Selbstschutz“, die gleichzeitig unendlich verletzend sein muss. Wenn ich mir vorstelle, dass jemand diesen Brief liest, der sich auf dem Weg einer Auseinandersetzung mit der Gemeinde befindet – schrecklich. Da wird die letzte Tür zugeschlagen – etwas, was Jesus nie und nimmer gewollt hat.

Gott                                                                                                                             lass mich meine Worte prüfen                                                                                     Lass mich vor allem meine Worte prüfen                                                                    mit denen ich über die rede                                                                                          die mir quer liegen                                                                                                         anders denken                                                                                                           meinen Glauben in Frage stellen

Es ist leicht liebe voll zu reden über die und mit denen                                                   die mit mir einig sind

Hilf Du mir                                                                                                                   dass ich mich um liebevolle Worte mühe                                                                        – mit denen und über die                                                                                               die mir fern stehen                                                                                                      deren Glauben ich fragwürdig finde                                                                               die ich für unverantwortlich halte                                                                           denen ich nicht traue und darum aus dem Weg gehe

Es sind nicht meine Feinde                                                                                      Menschen wie ich                                                                                                        die Du, mein Gott lieb hast                                                                                            für die Du, Jesus, Dich hingegeben hast.

Lass mich an ihnen festhalten so wie Du mich festhältst. Amen