Ecken und Kanten

2. Korinther 11, 7 – 15

7 Oder habe ich gesündigt, als ich mich erniedrigt habe, damit ihr erhöht würdet? Denn ich habe euch das Evangelium Gottes ohne Entgelt verkündigt. 8 Andere Gemeinden habe ich beraubt und Geld von ihnen genommen, um euch dienen zu können. 9 Und als ich bei euch war und Mangel hatte, fiel ich niemandem zur Last. Denn meinem Mangel halfen die Brüder ab, die aus Mazedonien kamen. So bin ich euch in keiner Weise zur Last gefallen und will es auch weiterhin so halten. 10 So gewiss die Wahrheit Christi in mir ist, so soll mir dieser Ruhm im Gebiet von Achaja nicht verwehrt werden. 11 Warum das? Weil ich euch nicht lieb habe? Gott weiß es.

Es ist ein hohes Gut, niemand zu irgendetwas verpflichtet zu sein. Autokratie nennt man so etwas bezogen auf Staaten. Paulus hat immer darauf geachtet, dass er sich nicht den Vorwurf einhandelt: Du lebst vom Evangelium. Er lebt für das Evangelium und natürlich lebt er geistlich auch vom Evangelium. Aber was sein Auskommen angeht – da will er sich nur auf seiner Hände Arbeit stützen und auf den Spender-Kreis in Mazedonien. Aber keinesfalls in Korinth.

Ich verstehe das und frage mich gleichzeitig: empfinden Menschen das nicht möglicherweise auch als Zurückweisung? Da ist der Apostel, der davon spricht, dass wir alle vom Gnaden-Geschenk Gottes leben – aber er will sich auf keinen Fall beschenken lassen mit Fürsorge. Ist das nicht eine zwiespältige Botschaft, wo das achten auf die eigene Unabhängigkeit einen schiefen Ton erzeugt?

12 Was ich aber tue, das will ich auch weiterhin tun und denen den Anlass nehmen, die einen Anlass suchen, sich zu rühmen, sie seien wie wir. 13 Denn solche sind falsche Apostel, betrügerische Arbeiter und verstellen sich als Apostel Christi. 14 Und das ist auch kein Wunder; denn er selbst, der Satan, verstellt sich als Engel des Lichts. 15 Darum ist es nichts Großes, wenn sich auch seine Diener verstellen als Diener der Gerechtigkeit; deren Ende wird sein nach ihren Werken.

Was hier steht, lässt mich erschrecken. Die Härte, mit der Paulus über andere spricht – „falsche Apostel“ – klingt in meinen Ohren intolerant. Maßt Paulus sich hier nicht an, was ihm nicht zusteht, zu unterscheiden zwischen zwischen gutem Samen und Unkraut? Es sind doch Menschen, die für das Evangelium eintreten, die er als Diener Satans bezeichnet. Es sind doch Leute, denen die Gemeinde in Korinth Gehör und Vertrauen schenkt, die er so angreift und abstempelt.

Was Paulus angreift, ist unklar. Es wird wohl auch um die Lehre gehen, um theologische Sätze. Aber es geht eben auch darum, dass sie anders leben. Sie lassen sich versorgen – und hätten wohl gerne, dass Paulus ist wie sie. Sie wollen Diener der Gerechtigkeit sein und preisen dabei Freiheiten im Lebenswandel an, wo Paulus eher „eng“ denkt. Unterschiedliche Vorstellungen vom Leben aus dem Evangelium prallen aufeinander. Paulus sieht bei ihnen ein Aufweichen der Forderungen der Christus-Nachfolge, des Gehorsams aus dem Glauben. Was wir lehren, wirkt sich im Leben aus. Was wir leben, wirkt sich auf unser Lehren aus.

Das gilt auch für Paulus. Die Maßlosigkeit im Urteil fällt auf seine geistliche und theologische Sicht zurück. Wer im Urteilen über das Leben so keine Gnade kennt, steht der noch für das Evangelium von der Gnade. Und wer so radikal ist in seinen Urteilen, ist der womöglich auch theologisch allzu radikal? Wenn einer im menschlichen Miteinander so eklatante Schwäche hat – ist er dann in geistlichen Dingen noch ein guter Wegweiser?

Herr Jesus                                                                                                             ich sehe das immer mehr                                                                                        auch ein Paulus hat seine Ecken und Kanten                                                      seine Macken gehabt                                                                                         Auch ein Paulus hat manchmal geurteilt                                                                   wo er sich besserzurück genommen hätte

Und doch hast Du ihn erwählt                                                                              gebraucht                                                                                                            durch ihn Deine Gemeindevorwärts gebracht                                                   Seine Schwächen waren Dir nicht im Weg

Das lässt mich hoffen für uns                                                                                  für mich                                                                                                                    Du kannst uns                                                                                                    brauchen für Dein Werk                                                                                            auch mit unseren Schwächen. Amen