Nur der ganze Gott

Jesaja 59, 1 – 15a

1 Siehe, des HERRN Arm ist nicht zu kurz, dass er nicht helfen könnte, und seine Ohren sind nicht hart geworden, sodass er nicht hören könnte, 2 sondern eure Verschuldungen scheiden euch von eurem Gott, und eure Sünden verbergen sein Angesicht vor euch, dass ihr nicht gehört werdet.

Versperrt Gott uns den Zugang zu sich? Wie oft höre ich diese Frage. Gott entzieht sich. Gott ist Taub. Gott ist zu weit weg. In diesen Worten Jesajas wird ein anderer Blick deutlich: wir selbst versperren uns den Zugang. Wir selbst sind es, die Hindernisse aufrichten. Es ist die zutiefst menschliche Erfahrung: Dem, dem ich etwas schuldig geblieben bin, dem gegenüber ich irgendwie mich vergriffen habe, den ich vernachlässigt habe – zu dem finden ich keinen Zugang mehr. Ich gehe ihm aus dem Weg, weil diese Geschichte zwischen mir und ihm steht. Das liegt nicht an ihm, das liegt an mir. So ist es eben auch im Verhältnis zu Gott. Versäumnisse, Schuld, Sünden machen ihn für uns unzugänglich, weil wir uns fürchten vor den Fragen, vor den Blicken, vor dem Auge Gottes.

3 Denn eure Hände sind mit Blut befleckt und eure Finger mit Verschuldung; eure Lippen reden Falsches, eure Zunge spricht Bosheit. 4 Es ist niemand, der eine gerechte Sache vorbringt, und niemand, der redlich richtet. Man vertraut auf Nichtiges und redet Trug; mit Unheil sind sie schwanger und gebären Verderben. 5 Sie brüten Natterneier und weben Spinnweben. Isst man von ihren Eiern, so muss man sterben, zertritt man sie aber, so fährt eine Schlange heraus. 6 Ihre Gewebe taugen nicht zu Kleidern, und ihr Gespinst taugt nicht zur Decke. Ihre Werke sind Unheilswerke, an ihren Händen ist Frevel. 7 Ihre Füße laufen zum Bösen, und sie sind schnell dabei, unschuldig Blut zu vergießen. Ihre Gedanken sind Unheilsgedanken, auf ihren Wegen wohnt Verderben und Schaden. 8 Sie kennen den Weg des Friedens nicht, und Unrecht ist auf ihren Pfaden. Sie gehen auf krummen Wegen; wer auf ihnen geht, der hat keinen Frieden.

Jetzt wird aufgezählt, was es da an Verschuldungen, Verfehlungen, Versäumnissen gibt. Aber es geht noch eine Etage tiefer. Die Anklagen bringen nicht nur die einzelnen Taten zur Sprache. Sie zeigen Wesensarten auf. Es ist eine Analyse menschlichen Fehlverhaltens, das mehr an den Wurzeln als an den Früchten orientiert ist. Falschheit, Unheilsgedanken, Bosheit – die Reihe lässt sich beliebig erweitern. Wenn es gesellschaftlich nach oben geht, geht es moralisch oft bergab. Lug und Trug, Rechtsbeugung und Gewalt sind an der Tagesordnung, getarnt hinter glatten Fassaden. Es hat etwas Bedrohliches, was da alles benannt wird. Es ist wie ein großes Netz, in dem man sich verfängt und an dem man mit knüpft. „Nur der ganze Gott“ weiterlesen

Mehr als Fasten

Jesaja 58, 1- 14

1 Rufe getrost, halte nicht an dich! Erhebe deine Stimme wie eine Posaune und verkündige meinem Volk seine Abtrünnigkeit und dem Hause Jakob seine Sünden! 2 Sie suchen mich täglich und begehren meine Wege zu wissen, als wären sie ein Volk, das die Gerechtigkeit schon getan und das Recht seines Gottes nicht verlassen hätte. Sie fordern von mir Recht, sie begehren, dass Gott sich nahe. 3 »Warum fasten wir und du siehst es nicht an? Warum kasteien wir unseren Leib und du willst’s nicht wissen?«

Fasten ist eine religiöse Übung. Kultische Enthaltsamkeit zur Selbstreinigung. Wer hat etwas davon? Gott? Der Fastende? In der Tradition ist Fasten immer ein Weg, um sich für Gott zu bereiten, um ihm nahe kommen zu können. Dahinter steht die Einsicht: wir sind beschmutzt vom Alltag der Welt, von der Wirklichkeit des Lebens. Wir sind angefüllt und festgehalten von Dingen, Erfahrungen Gedanken. Es braucht die Leere, damit Gott zu uns kommen, sprechen, uns berühren kann. Wer volle Hände hat, kann nicht empfangen.

Aber: Das funktioniert nicht immer. Es läuft oft genug ins Leere. Der Gewinn, den das Fasten bringen soll, bleibt aus. Die Gotteserfahrung bleibt leer. Warum entzieht sich Gott?

Siehe, an dem Tag, da ihr fastet, geht ihr doch euren Geschäften nach und bedrückt alle eure Arbeiter. 4 Siehe, wenn ihr fastet, hadert und zankt ihr und schlagt mit gottloser Faust drein. Ihr sollt nicht so fasten, wie ihr jetzt tut, wenn eure Stimme in der Höhe gehört werden soll. 5 Soll das ein Fasten sein, an dem ich Gefallen habe, ein Tag, an dem man sich kasteit, wenn ein Mensch seinen Kopf hängen lässt wie Schilf und in Sack und Asche sich bettet? Wollt ihr das ein Fasten nennen und einen Tag, an dem der HERR Wohlgefallen hat?

Jesaja legt den Finger auf die Wunde. In eurem Fasten sucht ihr euch selbst. Gott braucht nicht, dass ihr fastet, euch selbst quält, euren Körper schindet, die guten Gaben der Schöpfung verschmäht. Wer sich selbst so quält, der wird auch andere kasteien und quälen. Wer sich selbst so schindet, der ist oft genug in Gefahr, auch ein Leute-Schinder zu werden.

6 Das aber ist ein Fasten, an dem ich Gefallen habe: Lass los, die du mit Unrecht gebunden hast, lass ledig, auf die du das Joch gelegt hast! Gib frei, die du bedrückst, reiß jedes Joch weg! 7 Brich dem Hungrigen dein Brot, und die im Elend ohne Obdach sind, führe ins Haus! Wenn du einen nackt siehst, so kleide ihn, und entzieh dich nicht deinem Fleisch und Blut!

Es geht nicht um religiöse Übungen für ein ganzes Volk. Jesaja spricht nicht die möglichen Teilnehmer von Einkehrtagen an, sondern das Volk Israel. Es geht um Gerechtigkeit, um soziale Verantwortung. Den Hungrigen Brot geben, den Elenden ein Dach, denen ohne Ort eine Bleibe. Das ist ein Programm für das Volk und nicht ein Aufruf zu individueller Barmherzigkeit und zu mehr Almosen.

Wer sich das vor Augen hält: was ich habe, das habe ich empfangen, der kann und darf die Augen nicht mehr zumachen vor der Not um ihn herum. Wer sich bei Gott bedanken lernt, der wird nicht anders können als dann auch teilen zu lernen mit denen, deren Mangel und Not manchmal zum Himmel schreit. Wer Gott anfängt zu danken, der muss auch anfangen zu helfen, die Not um sich herum zu lindern – ob es auf dem Weg eigener Hilfe ist oder im Ringen um gerechtere Verhältnisse. „Mehr als Fasten“ weiterlesen

Gott kommt nahe

Jesaja 57, 14 – 21

14 Und er spricht: Machet Bahn, machet Bahn! Bereitet den Weg, räumt die Anstöße aus dem Weg meines Volks!

Diese Sätze sind so vertraut. Macht Bahn! Es ist sofort im Ohr: Bereitet dem Herrn den Weg. Aber hier geht es um freie Bahn für das Volk und nicht um freie Bahn für Gott. Israel soll der weg freigeräumt werden, der vorher versperrt war. Israel soll nicht mehr ins Stolpern kommen.

15 Denn so spricht der Hohe und Erhabene, der ewig wohnt, dessen Name heilig ist: Ich wohne in der Höhe und im Heiligtum und bei denen, die zerschlagenen und demütigen Geistes sind, auf dass ich erquicke den Geist der Gedemütigten und das Herz der Zerschlagenen.

Denn – damit schließt der folgende Satz nach vorne an. Es scheint so, dass jetzt gesagt wi9rd, was das Stolpern Israels beenden kann. Gott ist der Erhabene, der Heilige, der in der Höhe wohnt, dem man sich nicht ohne weiteres nahen kann. Zugleich ist er der, der sich nach unten neigt, der sich erbarmt, der aufrichtet und zurecht bringt. Aus dem unnahbaren Gott ist nicht ein nahbarer geworden, sondern ein naher. Die Nähe Gottes geht auf seine Bewegung zurück und und nicht auf meine, unsere. Gott ist nahe, ob ich es merke und glaube oder nicht.

Diese beiden „Wohnorte Gottes“ – oben und unten – zusammen zu bringen, das war wohl zu allen Zeiten etwas, was Menschen in Denkschwierigkeiten gestürzt hat und was sie auch lebensmäßig nicht auf die Reihe gekriegt haben. Der hohe und erhabene Gott, der allmächtige ist unser Bild, oft genug gesucht und auch hergenommen, um die Welt stabil zu halten, oben und unten in der Gesellschaft zu begründen und zu zementieren. Wenn dieser hohe Gott sich nach unten neigt, zu den Gedemütigten, Geschlagenen, Verzagten, dann gerät das Weltbild durcheinander. „Gott kommt nahe“ weiterlesen

Wer auf Gott vertraut

Jesaja 56, 9 – 57, 13

9 Ihr Tiere alle auf dem Felde, kommt und fresst, ihr Tiere alle im Walde! 10 Alle ihre Wächter sind blind, sie wissen alle nichts. Stumme Hunde sind sie, die nicht bellen können, sie liegen und jappen und schlafen gerne. 11 Aber es sind gierige Hunde, die nie satt werden können. Das sind die Hirten, die keinen Verstand haben; ein jeder sieht auf seinen Weg, alle sind auf ihren Gewinn aus und sagen: 12 Kommt her, ich will Wein holen, wir wollen uns vollsaufen, und es soll morgen sein wie heute und noch viel herrlicher!

Priesterkritik. Kritik an den Führern des Volkes. Das ist nicht die Offenheit, die Gott will und die er für sein Bethaus proklamiert. Hier wird das Volk Gottes schutzlos, weil die, die es schützen sollen, nur sich selbst kennen. Sie sind untauglich wie ein Hund, den man zum Jagen tragen muss. Hirten ohne Sinn und Verstand, Hirten ohne Zucht und Moral. Hirten, die keine Verantwortung kennen, sondern nur noch sich selbst. „Ein jeder sieht auf seinen Weg“ Was hier von den Hirten gesagt wird, das ist im Gottesknecht-Lied ( 53, 6) die Klage über das ganze Volk: weil die Hirten versagen, verlaufen sich die Schafe.

1 Der Gerechte ist umgekommen und niemand ist da, der es zu Herzen nimmt, und fromme Leute sind hingerafft und niemand achtet darauf. Ja, der Gerechte ist weggerafft durch die Bosheit 2 und geht zum Frieden ein. Es ruhen auf ihren Lagern, die recht gewandelt sind.

Die Folge ist der Tod. Unbeachtet und unbeklagt. Einfach umgekommen. So sieht es vor den Augen der Welt aus. Die Frommen kommen unter die Räder und die Bösen sind obenauf. Es ist wie ein sehr leiser Protest, dass Jesaja sagt: Aber die, die so unbemerkt davon gehen, ruhen im Frieden. Sie sind aufgehoben im Shalom Gottes, auch wenn sie hier nie um Frieden leben konnten. „Wer auf Gott vertraut“ weiterlesen

Einladend weit – weit einladend

Jesaja 56, 1 – 8

1 So spricht der HERR: Wahrt das Recht und übt Gerechtigkeit; denn mein Heil ist nahe, dass es komme, und meine Gerechtigkeit, dass sie offenbart werde. 2 Wohl dem Menschen, der dies tut, und dem Menschenkind, das daran festhält, das den Sabbat hält und nicht entheiligt und seine Hand hütet, nichts Arges zu tun!

Das sind Grundlagen für das Gedeihen des Volkes: Recht und Gerechtigkeit. Beides aber wird begründet oder abgeleitet aus Gott: Weil sein Heil kommt, weil seine Gerechtigkeit offenbar werden will, deshalb soll sein Volk dem entsprechen. Und wer das als Glied des Volkes, als einzelner, ob Mann oder Frau tut, wer so lebt, der fördert das Leben. Und ein Zeichen für das Leben in der kommenden Gerechtigkeit Gottes ist das Halten des Sabbat. Der Sabbat als Identitätsmerkmal ist in in der Verbannung immer wichtiger geworden. Sehr offen formuliert ist: wer seine Hand hütet, nichts Arges zu tun! Klar aber ist: hier findet eine Einweisung in einen Lebensstil statt, der dem Glauben an den Gott Israels entspricht und der darum Zukunft hat.

3 Und der Fremde, der sich dem HERRN zugewandt hat, soll nicht sagen: Der HERR wird mich getrennt halten von seinem Volk. Und der Verschnittene soll nicht sagen: Siehe, ich bin ein dürrer Baum. 4 Denn so spricht der HERR: Den Verschnittenen, die meine Sabbate halten und erwählen, was mir wohlgefällt, und an meinem Bund festhalten, 5 denen will ich in meinem Hause und in meinen Mauern ein Denkmal und einen Namen geben; das ist besser als Söhne und Töchter. Einen ewigen Namen will ich ihnen geben, der nicht vergehen soll. 6 Und die Fremden, die sich dem HERRN zugewandt haben, ihm zu dienen und seinen Namen zu lieben, damit sie seine Knechte seien, alle, die den Sabbat halten, dass sie ihn nicht entheiligen, und die an meinem Bund festhalten, 7 die will ich zu meinem heiligen Berge bringen und will sie erfreuen in meinem Bethaus und ihre Brandopfer und Schlachtopfer sollen mir wohlgefällig sein auf meinem Altar; denn mein Haus wird ein Bethaus heißen für alle Völker. 8 Gott der HERR, der die Versprengten Israels sammelt, spricht: Ich will noch mehr zu der Zahl derer, die versammelt sind, sammeln.

Provozierend gefragt: Hat Gott dazu gelernt? Oder anders: Muss Israel dazu lernen? Soviel scheint mir klar: Der Heilswille Gottes macht nicht mehr an den natürlichen Grenzen halt, Die alten Ausschlussformeln für das Volk Gottes gelten nicht mehr. Bis dahin waren Krüppel und Fremde zwar schutzwürdig, aber nicht heilsfähig. Sie durften mit dem Volk leben, aber sie gehörten nicht in seine Mitte und waren ausgeschlossen aus seiner Mitte, aus dem Tempel.

In welche Debatte hinein werden diese Worte gesprochen? Es wird in Israel Stimme gegeben haben, die jetzt, nach dem Exil, das reine Israel fordern. Keine Gemeinschaft mit den Fremden. Kein Zutritt für Verschnittene zum Tempel – obwohl der doch noch gar nicht wieder aufgebaut war. Esra ist so eine Stimme in seinem Streit gegen die Mischehen (Esra 9-10). „Einladend weit – weit einladend“ weiterlesen