Kredit geben

Lukas 6, 27 – 35

 27 Aber ich sage euch, die ihr zuhört: Liebt eure Feinde; tut wohl denen, die euch hassen; 28 segnet, die euch verfluchen; bittet für die, die euch beleidigen. 29 Und wer dich auf die eine Backe schlägt, dem biete die andere auch dar; und wer dir den Mantel nimmt, dem verweigere auch den Rock nicht. 30 Wer dich bittet, dem gib; und wer dir das Deine nimmt, von dem fordere es nicht zurück. 31 Und wie ihr wollt, dass euch die Leute tun sollen, so tut ihnen auch!

Entscheidend ist, wer hier spricht. Es ist kein Lehrer der Moral. Es ist keiner, der nur sagt: So geht es. Jesus ist der, „der nicht widerschmähte, als er geschmäht wurde, nicht drohte, als er litt, er stellte es aber dem anheim, der gerecht richtet; (1.Petrus 2,23) Er sagt, was er selbst lebt und lebt, was er sagt. Es geht bei diesen Worten um eine Einweisung in das Leben in seiner Spur. Er hat vorgemacht, was er hier vor-sagt. Er ist ja der, der noch am Kreuz bitten wird: Vater vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun (23,34). Er ist der, der mitgeht und es aushält, dass er unverstanden bleibt.

     Seine Worte greifen auf die Seligpreisung zurück: Wie naheliegend wäre eine Antwort, die nur Echo ist. Erst recht, wenn man sich die Situation Angegriffener vor Augen hält. Es kann helfen, diese Verankerung in der Lebenswirklichkeit wahrzunehmen. Es geht nicht um ein immer und überall gültiges Gesetz, sondern um eine Einweisung in eine konkrete Lebens-Situation. „Kredit geben“ weiterlesen

Seligpreisungen

Lukas 6, 17 – 26

 17 Und er ging mit ihnen hinab und trat auf ein ebenes Feld. Und um ihn war eine große Schar seiner Jünger und eine große Menge des Volkes aus ganz Judäa und Jerusalem und aus dem Küstenland von Tyrus und Sidon, 18 die gekommen waren, ihn zu hören und von ihren Krankheiten geheilt zu werden; und die von unreinen Geistern umgetrieben waren, wurden gesund.

        Vom Ort der Gottesbegegnung geht der Weg hinab in die Begegnung mit dem Volk. Jesus bleibt nicht in der Zweisamkeit mit dem Vater. Auch nicht in der exklusiven Schar der zwölf Apostel. Er wendet sich den Menschen zu – seinen Jüngern, dem Volk aus Judäa und Jerusalem und denen aus den heidnischen Gegenden. Jesus hat Zulauf aus allen Ecken.

Es ist die Mischung, die in Zukunft das Volk Gottes ausmachen wird – keine reine Schar, sondern gemischt, herkunftsmäßig zusammen gesetzt aus vielen Ecken. Sie alle kommen zu ihm – es ist eine Bewegung aufeinander zu – er kommt herab, sie kommen zu ihm. Ihre Motivation: Geheilt werden, befreit werden und das Wort hören, das neue Perspektiven schenkt. Und schließlich: Anteil gewinnen an seiner Kraft. Es ist die Sehnsucht nach dem größeren, dem freien Leben, die die Menschen zu Jesus treibt.

Das Geschehen spielt sich wohl in der Nähe von Kapernaum ab. Heute steht am vermuteten Ort die eindrucksvolle Kirche der Seligpreisungen. „Seligpreisungen“ weiterlesen

Ein bunter Haufen

Lukas 6, 12 – 16

12 Es begab sich aber zu der Zeit, dass er auf einen Berg ging, um zu beten; und er blieb die Nacht über im Gebet zu Gott. 13 Und als es Tag wurde, rief er seine Jünger und erwählte zwölf von ihnen, die er auch Apostel nannte:

 Zu der Zeit – in diesen Tagen, in denen die Pharisäer ihre Pläne gegen Jesus schmieden. Es ist nicht ausgemacht, ob Jesus weiß, was sich da schon gegen ihn zusammenbraut. Aber er lässt sich davon nicht bestimmen. Er folgt einem anderen Lebensmuster.

Jesus trifft seine Entscheidungen aus dem Gebet. Er ordnet seinen Weg aus dem Gebet. Er hält sein Leben betend dem Vater hin. Das ist das Zentrale – es geht dem betenden Jesus immer zuerst und zutiefst um die Beziehung zum Vater. Nur so bleibt ja auch der Wille Gottes kein fremdes Gesetz. In der unauflöslichen, beständigen Beziehung ist die Übereinstimmung des Willens nichts, was gesucht werden muss – sie ergibt sich aus der Einheit des Sohnes mit dem Vater. Dann erst kann ich den zweiten Satz sagen: Er sucht im nächtlichen Gebet die Übereinstimmung mit dem Willen Gottes, indem er sein Eins-Sein mit dem Vater lebt.

Der Morgen bringt es an den Tag. Die Wahl seiner Jünger trifft Jesus aus einer Nacht des Gebetes heraus. Im Matthäus-Evangelium heißt es vor (!) der Berufung der Jünger: „Bittet den Herrn der Ernte, dass er Arbeiter in seine Ernte sende. (9,38). Das wird er selbst getan haben – so die nonverbale Botschaft des Lukas. Es wird nicht gesagt, was der Inhalt des Betens Jesu ist. Das muss auch nicht sein. Es reicht: Eine Nacht auf dem Berg, dem Ort der Gottesbegegnung, und eben eine Nacht des Gebetes geht seiner Wahl voraus. „Ein bunter Haufen“ weiterlesen

Sabbat – Wohltat

Lukas 6, 6 – 11

6 Es geschah aber an einem andern Sabbat, dass er in die Synagoge ging und lehrte.

               Wieder und wieder: es geschah. Es begab sich. Es fügte sich. Es scheint eine stilistische Lieblingswendung des Lukas zu sein, fast ein wenig eintönig und einfallslos. γνετο. Wie ein roter Faden zieht sie sich durch das Evangelium und sagt, unaufhörlich: was hier geschieht, hat seinen Ursprung in Gott. Es begab sich ist nicht wie im Märchen: es war einmal. Sondern es ist der leise Hinweis: hier hat Gott seine Hand im Spiel. Was jetzt geschieht, trägt den Stempel seines Willens. Zugleich glaube ich: genau darin, dass das Geschehen sich dem Willen Gottes „verdankt“, gründet die unglaubliche Freiheit Jesu, diese Souveränität, in der er mit dem Regelwerk Israels umgeht.  Weil er im Letzten gebunden ist, an den Willen des Vaters, ist er in allem Vorletzten, auch im Gesetz frei.

Jesus ist ein Synagogenwanderer. Darum ist er am Sabbat in der Synagoge. Es ist ein bisschen unbestimmt: ein anderer Sabbat: Dafür klingt es umso bestimmter. In der Synagoge. Gemeint ist aber ein typisches Verhalten – wo sollte Jesus am Sabbat auch sonst sein als in der Synagoge? Das ist sein Ort, denn hier folgt er seiner Berufung: Er lehrt. Er sagt seine Botschaft. Er stärkt Menschen den Rücken, mit Worten und Werken. „Sabbat – Wohltat“ weiterlesen

Freiheitder Kinder Gottes

Lukas 6, 1- 5

Und es begab sich an einem Sabbat, dass er durch ein Kornfeld ging; und seine Jünger rauften Ähren aus und zerrieben sie mit den Händen und aßen.

    Der Sabbat ist mehr als nur ein Ruhetag und den Sabbat zu halten ist mehr als nur ein Gebot zu achten. Wenn ganz Israel einmal den Sabbat halten wird, dann vollendet sich die Schöpfung. Wer den Sabbat nicht hält, der hält also auf, dass die Schöpfung Gottes an ihr Ziel kommt. Nur wenn wir das im Blick haben, verstehen wir, dass hier eine Hoffnung auf dem Spiel steht, nicht nur ein bisschen Rechthaberei oder kleinliches Moralisieren.

Die Frage ist berechtigt, ob die Jünger sich bei ihrem Tun etwas gedacht haben, ob sie überhaupt nachgedacht haben. Ich kann mir gut vorstellen, dass sie bei der Wanderung einfach gedankenlos Ähren ausgerissen und gegessen haben, so wie wir das früher auch gemacht haben. Man denkt sich nicht bei allem etwas, schon gar nicht, wenn man so vor sich hin läuft.

2 Einige der Pharisäer aber sprachen: Warum tut ihr, was am Sabbat nicht erlaubt ist?

 Der möglichen Gedankenlosigkeit der Jünger steht das scharfe Beobachten der Pharisäer gegenüber. Sie jedenfalls denken sich etwas bei dem, was sie da sehen. Sie haben ein Koordinatensystem, in das sie alles Tun einordnen: Erlaubt, unerlaubt. Und sie sind nicht gewillt, für eine Lappalie zu halten, was sie da wahrnehmen. Es gibt immer die Versuchung, mit kleinen Schritten ein großes Gebot auszuhebeln. Erntearbeit ist untersagt – und ist das Ausraufen von Ähren nicht der Anfang der Erntearbeit? Initiis obsta! Wehret den Anfängen! So denken die Pharisäer, die aus Sorge um den Kern der Gebote immer noch ein paar „Schutzregeln“ zusätzlich einzuführen versuchen, damit keiner versehentlich ein Gebot übertritt. „Freiheitder Kinder Gottes“ weiterlesen