Wie halten wir es mit dem Staat?

Römer 13, 1 – 7

             Ein bisschen unvermittelt und darum überraschend kommt Paulus auf das Thema Obrigkeit zu sprechen. Vielleicht verbindet es sich für ihn mit seinem Blick auf die gesellschaftliche Umwelt. Die Obrigkeit ist für die Gemeinde in Rom ja ein realer Faktor. Der römische Historiker Sueton berichtet über Claudius (Kaiser von 41 – 54 n.Chr.): Die Juden vertrieb er aus Rom, weil sie, von Chrestus aufgehetzt, fortwährend Unruhe stifteten.“ (Sueton, Cäsarenleben, Hrsg. M. Heinemann, Stuttgart 1957; S. 307) Dieses Edikt des Claudius hat direkt Folgen für die Gemeinde in Rom: „Danach verließ Paulus Athen und kam nach Korinth und fand einen Juden mit Namen Aquila, aus Pontus gebürtig; der war mit seiner Frau Priszilla kürzlich aus Italien gekommen, weil Kaiser Klaudius allen Juden geboten hatte, Rom zu verlassen.“ (Apostelgeschichte 18, 1 – 2) Es gibt also genug Anlass, sachlich und personenbezogen, für jemanden, der einen Brief an die Gemeinde in Rom schreibt, sich auch mit dem Verhältnis der Christen zum Staat, zur Macht in Rom zu beschäftigen. „Der ganze Abschnitt spricht im Stil eines jüdischen Weisheitslehrers und wendet ich daher ausdrücklich an das kritische Urteilsvermögen des Lesers.“ (O. Michel, Der Brief an die Römer, KEK NT,  Göttingen 1955, S. 281)

1 Jedermann sei untertan der Obrigkeit, die Gewalt über ihn hat. Denn es ist keine Obrigkeit außer von Gott; wo aber Obrigkeit ist, die ist von Gott angeordnet. 2 Wer sich nun der Obrigkeit widersetzt, der widerstrebt der Anordnung Gottes; die ihr aber widerstreben, ziehen sich selbst das Urteil zu.

Paulus kann anschließen an das, was er zuvor gesagt hat. Zum Frieden mit jedermann hat er aufgefordert und gemahnt, nicht hoch hinaus zu wollen. Jetzt fordert er von jedermann, also allen, Unterordnung, sich einfügen. Ich finde eine Übersetzung, die das so anstößige Wort untertan vermeidet: „Jedermann soll übergeordneten Gewalten Folge leisten.“ (U. Wilckens, Der Brief an die Römer, EKK VI/3, Neukirchen 1982. S. 29) Das griechische Wort ξουσα, das in der Luther-Bibel mit Obrigkeit und sofort anschließend mit Gewalt wiedergegeben wird,  heißt auf Lateinisch „potestas“, autorità heißt es in der italienischen Übersetzung La Parola ề vita. Es bezeichnet die Amts-Gewalt. Es ist auch das Wort, das wir am Schluss des Matthäus-Evangeliums hören – aus dem Mund Jesu: „Mir ist gegeben alle Gewalt im Himmel und auf Erden.“(Matthäus 28,18)   

Das hält Paulus schon durch seine Wortwahl durch: Alle Macht geht auf Gott zurück. Alle Obrigkeit hat ihr Mandat von Gott. Deshalb fordert er von den Christen ein Einfügungen in die Ordnungen der Obrigkeit, ein sich diesen Obrigkeiten, ihrer Gewalt unterstellen. Und stellt klar: „Widerstand gegen die Staatsgewalt ist Auflehnung gegen Gott.“(K. Haacker; aaO. S. 266)Das ist schon ein steiler Satz, der es nicht so einfach macht, sich mit den Gedanken des Paulus anzufreunden. Erst recht in einer Zeit, in der jederzeit der Protest aufflammen kann weil das Gesetz der Gewalten nicht der eigenen Einsicht entspricht. „Wie halten wir es mit dem Staat?“ weiterlesen

Vom Zutrauen Gottes

Römer 12, 14 – 21

14 Segnet, die euch verfolgen; segnet, und flucht nicht.

Von der Fremdenliebe kommt Paulus, ein wenig assoziativ, zur Feindesliebe. „Eine Ähnlichkeit mit einem synoptischen Jesuswort ist unverkennbar.“ (O. Michel, Der Brief an die Römer, KEK NT,  Göttingen 1955, S. 273)Dass Paulus darauf zurückgreifen kann, spricht dafür, dass es schon früh in der Gemeinde überliefert ist und als Wort Jesu besondere Autorität hat: „Aber ich sage euch, die ihr zuhört: Liebt eure Feinde; tut wohl denen, die euch hassen; segnet, die euch verfluchen; bittet für die, die euch beleidigen.“(Lukas 6,27-28) Daran knüpft Paulus an. Und wird den Gedanken gleich wieder aufgreifen.

Die Sprengkraft dieses knappen Satzes ist groß. Sie widerspricht einer gewöhnliche Fluch-Praxis – Gegner und Feinde zu verfluchen. Mehr aber noch und bedeutsamer:  Der Segen „macht nicht an der Grenze der christlichen Gemeinde Halt, sondern umfasst auch die Außenstehenden. Ja sogar die Widerstrebenden und Verfolger.“ (O. Michel, aaO. S. 274))Es ist das bleibende Kennzeichen der christlichen Gemeinde, dass sie im Segen und Segnen nicht Mauern hochzieht, sondern abbricht, dass sie der Feindschaft im eigenen Herzen durch das Gutes-Reden – das ist ja segnen – benedicare –  entgegentritt.

15 Freut euch mit den Fröhlichen und weint mit den Weinenden. 16 Seid eines Sinnes untereinander. Trachtet nicht nach hohen Dingen, sondern haltet euch herunter zu den geringen. Haltet euch nicht selbst für klug.

Nach dem „Höhenflug“ wird  Paulus erst  einmal „allgemein“. Es sind einfache Regeln für ein gutes Miteinander. Übt Menschlichkeit. Gewährt Nähe. Seid nahe bei den Menschen. Mitfreude und Mitleiden sind elementare Verhaltensweisen, die in der Christenheit in hohem Ansehen stehen. Nicht zuletzt, weil sie ja im eigenen Leben wiederholen, was Gott in Christus getan hat: Sich einlassen auf das Mitleiden und Mitfreuen: „Er, der in göttlicher Gestalt war, hielt es nicht für einen Raub, Gott gleich zu sein, sondern entäußerte sich selbst und nahm Knechtsgestalt an, ward den Menschen gleich und der Erscheinung nach als Mensch erkannt.“(Philipper 2,6-7) Es geht um Einüben von Anteilnahme, von Eintracht im wahrsten Sinn des Wortes. Dass sich der andere wiederfinden kann in meinem Empfinden, meinem Mittragen, meinem bei ihm, bei ihr Bleiben.  „Vom Zutrauen Gottes“ weiterlesen

Vom Glauben im Alltag

Römer 12, 9 – 13

9 Die Liebe sei ohne Falsch. Hasst das Böse, hängt dem Guten an. 10 Die brüderliche Liebe untereinander sei herzlich. Einer komme dem andern mit Ehrerbietung zuvor.

Paulus bleibt bei seinem Blick auf die Gemeinde. Hat er sie eben in ihrer Vielfalt beschrieben, so betont er jetzt, was sie zusammenhält, was ihr Miteinander bestimmt: Die Liebe. Wenn man so will: Er gibt seinen Leser*innen eine „Beschreibung der Liebeder γπη.“ (O. Michel, Der Brief an die Römer, KEK NT,  Göttingen 1955, S. 269) Sie  unterscheidet. Sie ist nicht blind für das Böse, sondern parteiisch für das Gute. Aber sie ist vor allem anderen herzlich. Nicht nur formal, nicht geheuchelt, nicht nur in Worten, sondern von innen heraus, aus dem Herzen. φιλστοργος  meint zärtlich liebend, eine Liebe voll Zärtlichkeit, die auf die Verwandtschaft zurückgeht.(vgl. Gemoll Griech.-Deutsches Schul- u. Handwörterbuch, München 1957, S. 787)

 In der Liebe zu den Brüdern und Schwestern spiegelt sich die empfangene Liebe Christi und die Liebe zu Christus. Sie ist ihr Reflex. Das alles zeigt sich im Umgang miteinander, in der Ehrfurcht und der Ehrerbietung. Wir würden heute sagen: in der wechselseitigen Wertschätzung. In dem Signal an den Anderen, die Andere: Schön, dass Du da bist. „Vom Glauben im Alltag“ weiterlesen

Vom vernunftgemäßen Gottesdienst

Römer 12, 1 – 8

 1 Ich ermahne euch nun, liebe Brüder, durch die Barmherzigkeit Gottes, dass ihr eure Leiber hingebt als ein Opfer, das lebendig, heilig und Gott wohlgefällig ist. Das sei euer vernünftiger Gottesdienst.

Nach dem überschwänglichen Lobpreis wird es nun wieder ausgesprochen nüchtern. Es geht um das Leben in der Welt, um Hingabe, um Opfer, um Einsatz, würden wir wohl heute sagen. Es geht darum, so denke ich, dass Paulus jetzt Konsequenzen zieht aus seinem langen Anlauf, den er genommen hat. Was in den folgenden Kapiteln gesagt wird, ist kein ethischer Anhang, sondern es ist Weitersagen und Weiter-Buchstabieren des Evangeliums in das konkrete Handeln hinein. Es geht „um die praktischen Konsequenzen der Lehre, die Paulus in Kapitel 1 – 11 entfaltet hat.“(K. Haacker; aaO. S. 252)

Das wird schon durch diese Wendung deutlich: durch die Barmherzigkeit Gottes. Sie ist die Grundlage, auf der Paulus ermahnt, ermutigt, herzlich bittet. Παρακαλ – „ich ermahne, ermutige, traue euch das zu, erbitte von euch.“ – das ist alles möglich als Übersetzung.  Ich finde es gerade darum irritierend, dass auch die neuesten Übersetzungen bei „ermahnen“ bleiben als wüssten sie nicht, welche Assoziationen vom erhobenen Zeigefinger das auslöst.

Dem Erbarmen Gottes verdanken die die Christen unter den Römern, dass sie zu Christus gehören, dass sie freien Zugang zu Gott haben. Dem Erbarmen Gottes verdankt es Paulus, dass er aus dem Christenverfolger zum Apostel gewandelt worden ist. Das ist die Autorität, die hinter den Worten des Paulus steht: das Erbarmen Gottes. οκτιρμν το θεοῦ. Was er sagt, sagt er nicht begründet durch seine Autorität als Apostel, auch nicht durch seine menschliche Authentizität, sondern durch das Erbarmen Gottes. Ihm ist das Erbarmen Gottes Grundlage für sein Reden und es bestimmt gleichzeitig die Art und Weise, wie er versucht, mit Menschen zu reden und umzugehen. Eine andere Autorität als dieses Erbarmen Gottes kennt Paulus nicht.

Es versteht sich von daher fast wie von selbst, dass sein Ermahnen nicht der erhobene Zeigefinger ist, nicht eine tadelnde oder gar züchtigende Ermahnung. Παρακαλ kann sowohl für gebieterisches Aufrufen als auch für tröstliches Zureden gebraucht werden. Es ist dringlich, wesentlich, was Paulus sagt, nicht nebensächlich. Ermutigung, Zuspruch und ernsthafte, hoffnungsvolle Erwartung.

Opfer – θυσαsagt Paulus. Hingabe höre ich, Hinwendung zu Gott. Seine Leser kennen Opfer zur Genüge. Manche aufgeklärten Leute halten auch damals schon die blutigen Opfer in den Tempeln für unvernünftig, unangemessen. Stattdessen fragen sie nach vernünftigen Opfern und vernünftigen Gottesdiensten. Dieser Gottesdienst nimmt den ganzen Menschen in Beschlag. Deshalb: Leib. σώμα, Ich lese Leib nicht als altes Wort für Körper, sondern als ein anderes Wort für mich selbst. Gebt euch „ganz Gott zur Verfügung“ (W. Klaiber, aaO. S. 203) ganz ihm hin, mit Leib und Seele. Mit allen Kräften und von ganzem Gemüt.      

            Es ist kein Opfer mehr, um Gott gnädig zu stimmen, um sich mit ihm ins Reine zu bringen. Sondern es ist Opfer als Hingabe, die der Hingabe Gottes antwortet. Der Gabe des Sohnes an uns soll unsere Hingabe an Gott entsprechen. Die Hingabe der befreiten Sünder, der gerechtfertigten Gottlosen. Gott wird sich das gefallen lassen. Darauf hofft Paulus. „Vom vernunftgemäßen Gottesdienst“ weiterlesen

Bis ans Ende

Matthäus 28, 11 – 20

11 Als sie aber hingingen, siehe, da kamen einige von der Wache in die Stadt und verkündeten den Hohenpriestern alles, was geschehen war.

            Bevor Matthäus seine Leser*innen nach Galiläa leitet, richtet er seinen Blick noch einmal auf Jerusalem. Die Wachen, die in Ohnmacht gefallen waren, wie tot, erstatten Bericht bei ihren Auftrag-Gebern. Nicht bei Pilatus, dem sie unterstellt sind, sondern bei den Hohenpriestern. Wer sorgfältig gelesen hat, fragt sich: Was können sie erzählen? Sie waren doch nicht bei Sinnen. Wahrnehmungsunfähig. Was sie sagen könnten: Erdbeben, eine Engelerscheinung, eine leeres Grab. Nicht gerade überzeugend.

12 Und sie kamen mit den Ältesten zusammen, hielten Rat und gaben den Soldaten viel Geld 13 und sprachen: Sagt, seine Jünger sind in der Nacht gekommen und haben ihn gestohlen, während wir schliefen. 14 Und wenn es dem Statthalter zu Ohren kommt, wollen wir ihn beschwichtigen und dafür sorgen, dass ihr sicher seid.

            Einmal mehr kommt es zu einem Beschluss, der mit Geld unterfüttert wird. Die Soldaten sollen einfach erzählen, was logisch erscheint. Seine Jünger haben die Leiche gestohlen. Es ist die Betrugsthese, die sie schon dem Pilatus vorgetragen hatten.

Wenn die Soldaten sich auf diesen Plan der Ältesten einlassen, riskieren sie viel: Schlafen auf der Wache ist ein schweres Vergehen. Dies zu gestehen, könnte ihr eigenes Todesurteil sein. Deshalb die Beschwichtigung: Wir werden uns vor Pilatus für euch verwenden.

15 Sie nahmen das Geld und taten, wie sie angewiesen waren. Und so ist dies zum Gerede geworden bei den Juden bis auf den heutigen Tag.

Die Soldaten lassen sich auf den Handel ein. Vielleicht auch, weil sie das Risiko gering schätzen. Wissen sie doch auch, dass Pilatus jedes Interesse an der Affäre Jesus verloren hat. Seitdem aber ist dieses Gerede in der Welt. „Die Rede vom Raub des Leichnams Jesu geht auf einen hinterlistigen Bestechungsversuch zurück. Die schlafenden Wachen haen für diese Anschuldigung viel Geld erhalten.“(H.-G. Gradl, Das (leere) Grab, in: Welt und Umwelt der Bibel, Stuttgart 1/2019, S. 12)Lügenhafte Gegenpropaganda gegen die Botschaft von der Auferstehung. Dieser Satz macht deutlich, was die Gemeinde glaubt: Die Auferstehungs-Botschaft bestreiten kann nur, wer der Lügen-Botschaft glaubt.   „Bis ans Ende“ weiterlesen

Nach Galiläa

Matthäus 28, 1 – 10

 1 Als aber der Sabbat vorüber war und der erste Tag der Woche anbrach, kamen Maria von Magdala und die andere Maria, um nach dem Grab zu sehen.

            Der Sabbat ist vergangen. Der erste Tag der Woche bricht an. Morgendämmerung, zwischen Nacht und Tag. Maria von Magdala und die andere Maria, zuletzt (27,56; 27,61) mehrfach namentlich erwähnt, sind auf dem Weg zum Grab. Um danach zu sehen. Andere Evangelisten wissen anderes: Um den Leichnam zu salben (Markus 16,2) Ähnlich Lukas: „sie trugen bei sich die wohlriechenden Öle, die sie bereitet hatten.“ (Lukas 24,1) Matthäus bleibt, wie öfters karg und zurückhaltend.

 2 Und siehe, es geschah ein großes Erdbeben. Denn der Engel des Herrn kam vom Himmel herab, trat hinzu und wälzte den Stein weg und setzte sich darauf. 3 Seine Gestalt war wie der Blitz und sein Gewand weiß wie der Schnee. 4 Die Wachen aber erschraken aus Furcht vor ihm und wurden, als wären sie tot.

            Achtung, sagt Matthäus. Und siehe. Ein großes Erdbeben. Hinweis auf das Handeln Gottes. Auf sein Eingreifen. Es sind Zeichen rund um die Auferstehung, die wir hier erzählt bekommen, nicht die Auferstehung selbst. Ein Engel, aber nicht irgendein Engel, sondern der Engel des Herrn übernimmt die Regie. Er wälzt den Stein vom Grab und setzt sich auf diesen Stein. Seine Gestalt ist wie der Blitz und sein Gewand weiß wie der Schnee.  Dieses Gewand erinnert an die Verklärungserzählung. Auch da heißt es: „Seine Kleider wurden weiß wie das Licht.“(17, 2) Beide Male λευκός -„leuchtend, glänzend“(Gemoll, Griech.-Deutsches Schul- u. Handwörterbuch, München 1957, S. 470) Ein Glanz zum Fürchten. So ist es kein Wunder, dass die Wachen in Ohnmacht fallen – nicht aber die Frauen.

Wie tot werden die Wachen. Sie bekommen nichts mit als den Einbruch aus der himmlischen Welt. Sie sind als Zeugen untauglich. Sie machen eine numinose, erschreckende, unheimliche Erfahrung. Aber sie werden nicht fähig sein, sie zu deuten. Man kann Engel erleben und doch nichts mit ihnen anfangen können.

Es ist nicht das Wissen der Wächter, es ist das Glaubenswissen der christlichen Gemeinde: „Alles erinnert an die Zeichen, die sonst für das Kommen des Herrn und beim Anbruch des Gottesreiches erwartet werden.“(E. Schweizer, aaO.  S. 343) 

 5 Aber der Engel sprach zu den Frauen: Fürchtet euch nicht! Ich weiß, dass ihr Jesus, den Gekreuzigten, sucht. 6 Er ist nicht hier; er ist auferstanden, wie er gesagt hat. Kommt her und seht die Stätte, wo er gelegen hat; 7 und geht eilends hin und sagt seinen Jüngern, dass er auferstanden ist von den Toten.

            Der Engel öffnet den Frauen den Weg aus der Furcht. Fürchtet euch nicht! Und öffnet ihnen so einen Weg zum Verstehen. Die Botschaft der Auferstehung ist Engel-Botschaft von Anfang an. Nicht Erfahrungssatz der Frauen: Auf jedes Stirb folgt ein Werde!

Es ist eine kaum merkliche Korrektur in den Worten des Engels: Ihr sucht Jesus den Gekreuzigten! Ihr werdet ihn nicht finden, nicht hier. Er ist auferstanden. γρθη, eine Passiv-Form vonγερω ist genauer zu übersetzen: Er ist auferweckt worden. Im Passiv wird das Handeln Gottes angezeigt. Er ist es, der Jesus nicht im Tod, nicht unter den Toten lässt. Geschehen ist also, was Jesus angesagt hatte, wie er gesagt hat Das heißt doch, weit über die knappe Botschaft des Engels hinaus auch: alle seine Worte sind zuverlässig, tragfähig. Auch die anderen, die in Gleichnissen und Verheißungen. „Nach Galiläa“ weiterlesen

Ein ehrendes Gedächtnis

Matthäus 27, 57 – 66

 57 Am Abend aber kam ein reicher Mann aus Arimathäa, der hieß Josef und war auch ein Jünger Jesu. 58 Der ging zu Pilatus und bat um den Leib Jesu. Da befahl Pilatus, man sollte ihm ihn geben.

Am Abend taucht wieder ein Jünger auf. Keiner von den Zwölfen, die mit Jesus unterwegs waren. Aber doch ein Jünger. „Der einzige Jünger, der, da Jesus stirbt, sich zu ihm hält, ist der sonst ganz unbekannte Joseph von Arimathäa.“(J. Schniewind, aaO.  S. 272) Er ist reich. Vielleicht hat er die Jesus-Bewegung aus dem Hintergrund unauffällig unterstützt?  Dieser reiche Mann geht zu Pilatus und erbittet den Leichnam Jesu. Damit macht er sich erkennbar als Sympathisant des Hingerichteten. Das ist kein  ganz risikoloser Schritt. Aber seine Bitte wird ohne weiteres Nachfragen durch Pilatus gewährt. Für ihn ist die Akte Jesus geschlossen.

59 Und Josef nahm den Leib und wickelte ihn in ein reines Leinentuch 60 und legte ihn in sein eigenes neues Grab, das er in einen Felsen hatte hauen lassen, und wälzte einen großen Stein vor die Tür des Grabes und ging davon. 61 Es waren aber dort Maria von Magdala und die andere Maria; die saßen dem Grab gegenüber.

            Josef ordnet das Begräbnis Jesu. Der Leichnam wird vom Kreuz abgenommen, in ein sauberes Tuch gehüllt und in ein Grab gelegt, das dem Josef gehört. Es ist ein neues Grab, noch nicht mit anderen Leichen belegt. In Felsen gehauen und durch einen großen Rollstein gesichert. An einer näheren Bestimmung des Grabortes hat Matthäus, wohl wie die Gemeinde der Christen der ersten Jahrhunderte insgesamt, kein Interesse. Nur so viel: „Die Bestattung dient als sinnfälliger Beweis für den wirklichen Tod Jesu.“(H.-G. Gradl, Das (leere) Grab, in: Welt und Umwelt der Bibel, Stuttgart 1/2019, S. 11) Mehr nicht. Es bleibt der Frömmigkeits-Geschichte späterer Generationen vorbehalten, den Ort des Grabes genau bestimmen zu wollen. Für die ersten Christen ist das Grab Jesu nur eine Zwischenstation. Darum auch geht Josef nach getaner Arbeit einfach davon.

Die Frauen aber, Maria von Magdala und die andere Maria, verweilen noch gegenüber diesem Grab. Wie lange, bleibt unklar.

Um das Tuch, σινδών, in das Jesu Leichnam eingehüllt wurde, hat sich in der Folge des „Turiner Grabtuches“ eine riesige Diskussion, eine eigene Wissenschaftsdisziplin, „Sindonologie“ = Lehre vom Tuch, entwickelt. Den einen ist das Grabtuch ein Beweis für die Auferstehung Jesu. Anderen bedeutet es nur den Hinweis: In dieses Tuch war jemand eingehüllt. Und den Dritten sagt es gar nichts. Ich lese, zustimmend: „Als Exeget kann ich nur – zu meiner eigenen Erleichterung – feststellen, dass ich vom NT her  zu dieser Disziplin nichts beizutragen habe.“(U. Luz, aaO. , S. 80) Ich als Pfarrer in Ruhe auch nicht.  „Ein ehrendes Gedächtnis“ weiterlesen

Wenn Du stirbst

Matthäus 27, 45 – 56                                                                                                      

 45 Und von der sechsten Stunde an kam eine Finsternis über das ganze Land bis zur neunten Stunde. 46 Und um die neunte Stunde schrie Jesus laut: Eli, Eli, lama asabtani? Das heißt: Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?

             „Zur selben Zeit, spricht Gott der HERR, will ich die Sonne am Mittag untergehen und das Land am hellen Tage finster werden lassen.“(Amos 8,9) Matthäus wird diese Worte gekannt haben. Aber unabhängig davon: Die ganze Schöpfung wird vom Sterben dieses Gerechten berührt. Sie verliert ihr Licht. Man könnte auch sagen: Während Menschen noch spotten, trauert die Schöpfung. So lese ich.

In diese Dunkelheit hinein der Ruf Jesu. Eli, Eli, lama asabtani? Die äußere Dunkelheit der verfinsterten Welt findet ihre Entsprechung in der Gottesferne, in die Jesus hinein gerät, in der inneren Dunkelheit. Der nach und nach von den Menschen Verlassene, erst von den Mitläufern, dann den Jüngern, zuletzt  Petrus,  erlebt sich in diesem letzten Augenblick völlig verlassen, auch von Gott.

Als Leser*in des Evangeliums staunt man ja ein wenig über die gelassene Souveränität des Weges Jesu nach Jerusalem, wie sie sich in den Leidens-Ansagen zeigt, wie sie noch spürbar ist im Gebets-Kampf von Gethsemane. Davon ist hier nichts mehr übrig. „Jesus schreit vielmehr sein Leiden und seine innere Verlassenheit heraus, laut und vernehmbar, nicht resigniert oder gottergeben.“  (U. Luz, aaO.   S. 343)

Aber er schreit nicht unartikuliert. Nicht ins Leere. Sein Schreien hat Richtung:  Eli, Eli…  Mein Gott, mein Gott. Er schreit nach dem Gott, nach seinem Gott, den er in dieser letzten Dunkelheit nicht mehr spürt, nicht mehr wahrnimmt. Seltsam genug: Dieser Ruf hält daran fest, dass Gott hört. Er hält an Gott fest, auch wenn Gott nicht mehr zu verstehen, zu begreifen ist. Auch nicht für Jesus.

Ich halte es für eine gedankliche Sackgasse, wenn dieser Ruf mit Hilfe des Endes von Psalm 22 umgedeutet wird in einen Gebetsruf, der schon fast ein Triumphruf ist. Jesus habe, so die Erklärung, den ganzen Psalm im Sinn gehabt, auch wenn er nur den ersten Satz „zitiert.“ Der Psalm redet ja in der zweiten Hälfte vom Sieg des Beters. Solche Erklärung ist der Zwei-Naturen-Lehre geschuldet: Jesus ist wahrer Gott und wahrer Mensch zugleich. (Konzil zu Chalcedon (451) Weil Gott nach dem Urteil vieler Lehrer der Alten Kirche απάθης ist, nicht vom Leiden berührt werden kann, kann Jesus nicht so in die Gottesferne geraten sein. Dann stirbt und leidet nur der Mensch. Der „wahre Gott“ aber bleibt unberührt. „Wenn Du stirbst“ weiterlesen

Der einsame Christus am Kreuz

Matthäus 27, 31 – 44

31 Und als sie ihn verspottet hatten, zogen sie ihm den Mantel aus und zogen ihm seine Kleider an und führten ihn ab, um ihn zu kreuzigen.

Der Weg zum Ort der Kreuzigung beginnt. Es ist nur eine Kleinigkeit, aber sie wird vermerkt: das Theater ist vorbei. Die „Königs-Insignien“ werden eingesammelt, abgelegt. Keine Parodie mehr. Der Delinquent Jesus wird wieder in die eigenen Kleider gehüllt. Jetzt ist blutiger Ernst angesagt.

 32 Und als sie hinausgingen, fanden sie einen Menschen aus Kyrene mit Namen Simon; den zwangen sie, dass er ihm sein Kreuz trug.

   „Ein zufällig Vorübergehender wird zur Hilfeleistung erpresst.“(J. Schniewind, aaO.  S. 268) Das Markus-Evangelium weiß noch mehr von Simon von Kyrene:  Er ist der „Vater des Alexander und des Rufus.“(Markus 15,21) Das deutet darauf hin, dass diese beiden zur Gemeinde der Christen gehören, die Markus kennt. Ob Rufus identisch ist mit dem Rufus, der in Römer 16,13 in der Grußliste des Paulus auftaucht, wage ich nicht zu entscheiden. So ganz selten ist der Name nicht.

Es ist eine sehr nüchterne Feststellung. Da wird irgendeiner mit dem Allerweltsnamen Simon, Matthäus hat offensichtlich auch kein näheres Interesse an ihm, gezwungen, den Kreuzweg Jesu zu teilen, wenigsten eine Wegstrecke weit. Das ist etwas ganz anderes als die Nachfolge-Worte Jesu es wollen: „Will mir jemand nachfolgen, der verleugne sich selbst und nehme sein Kreuz auf sich und folge mir.“ (16,24)  Es ist eines der Verhängnisse in der Geschichte der Christenheit, dass die Christen öfters die Soldaten des Hinrichtungskommandos nachgeahmt und Menschen gezwungen haben, das Kreuz Christi auf sich zu nehmen. Dass sie vergessen haben, dass Glauben keinen Zwang verträgt.

33 Und als sie an die Stätte kamen mit Namen Golgatha, das heißt: Schädelstätte, 34 gaben sie ihm Wein zu trinken mit Galle vermischt; und als er’s schmeckte, wollte er nicht trinken. 35 Als sie ihn aber gekreuzigt hatten, verteilten sie seine Kleider und warfen das Los darum. 36 Und sie saßen da und bewachten ihn.

Für die Nicht-Ortskundigen und nicht Sprachkundigen unter den Leser*innen des Evangeliums wird der Name Golgatha erklärt: Schädelstätte. Warum der Ort diesen Namen trägt, wird nicht erklärt. Weil es nicht klar ist, ob der Name von der Form des Hügels kommt oder von seiner Funktion als Hinrichtungsort. Als städtische Müllhalde für die, die das Leben verwirkt haben. „Der einsame Christus am Kreuz“ weiterlesen

Mit guten Gewissen unterwegs

Matthäus 27, 15 – 30

15 Zum Fest aber hatte der Statthalter die Gewohnheit, dem Volk einen Gefangenen loszugeben, welchen sie wollten.

Es ist ein Brauch, den die Römer wohl nicht eingeführt haben, schon gar nicht Pilatus, aber vielleicht gerne übernommen und weitergeführt haben. Zum „Fest der Verschonung“ einen Gefangenen freizulassen. Gewohnheitεἰώθει – und als solche nicht einklagbar. Eine Großzüggkeit. Das ist in einem unruhigen Land ein politisch geschickter Akt, der  helfen kann, Sympathien zu gewinnen. Dabei wird hier deutlich markiert: wem dieses Los zukommt, bestimmt das Volk. Es wird vor eine Wahl gestellt, die auf die Vorauswahl des Statthalters zurückgreift.

16 Sie hatten aber zu der Zeit einen berüchtigten Gefangenen, der hieß Jesus Barabbas. 17 Und als sie versammelt waren, sprach Pilatus zu ihnen: Welchen wollt ihr? Wen soll ich euch losgeben, Jesus Barabbas oder Jesus, von dem gesagt wird, er sei der Christus? 18 Denn er wusste, dass sie ihn aus Neid überantwortet hatten.

Pilatus trifft seine Auswahl. Er stellt neben Jesus, von dem gesagt wird, er sei der Christus einen gleichnamigen Gefangenen Jesus Barabbas. Berüchtigt – übersetzt die Luther-Bibel mit allen anderen Übersetzung im Gleichklang. Ἐπίσημον muss nicht zwangsläufig so wiedergegeben werden. Auch „bekannt, berühmt“, ja sogar „angesehen“(Gemoll, aaO. S.315) sind als Bedeutung möglich. Ein bisschen ist das berüchtigt wohl dem Urteil des Lukas geschuldet, der ihn als einen kennt, der „wegen eines Aufruhrs in der Stadt und wegen Mordes ins Gefängnis geworfen“ war. (Lukas 23,19)

 Bei Matthäus ist Barabbas einfach eine Alternative des Pilatus zu Jesus. Wie auch immer das Volk sich entscheiden würde – Pilatus müsste dem nicht folgen. Aber es wäre nicht klug, sich gegen den Willen des Volkes zu stellen. Mit dieser Wahl, die er ermöglicht, gibt Pilatus die Situation ein Stück weit aus der Hand. Obwohl er, so notiert Matthäus, um niedere Motive der Ankläger Jesu weiß. Ihren Neid – φθνος, „Missgunst, Neid, Übelwollen, Groll.“(Gemoll, Griech.-Deutsches Schul- u. Handwörterbuch, München 1957, S. 783) Worauf dieses Wissen des Pilatus gegründet ist, spielt für den Evangelisten keine Rolle. Es beeinflusst sein Tun ja auch nicht. „Mit guten Gewissen unterwegs“ weiterlesen