Sehnsucht über die Welt hinaus

  1. Thessalonicher 1, 1 – 10

1 Paulus und Silvanus und Timotheus an die Gemeinde in Thessalonich in Gott, dem Vater, und dem Herrn Jesus Christus: Gnade sei mit euch und Friede!

             Es ist der übliche Anfang eines Briefes in der Antike. Und doch gleich mit dem Anfang ein wichtiges Signal. Es sind drei, die den Brief zusammen schreiben. Das Bild des einsamen Missionars Paulus wird allein dadurch schon ein wenig korrigiert. Er schreibt zusammen mit Silvanus und Timotheus, seinen Weggefährten, Schülern (?), Brüdern auf dem Weg des Glaubens.

Es kann auffallen: Paulus wird hier nicht als Apostel vorgestellt, wie er es sonst selbst tut – 1. Und 2. Korintherbrief, rief an die Galater, Brief an die Römer. Hier nicht. Hier erscheint er als einer unter dreien, wenn auch als der erste. „Paulus ist bei der Abfassung des ältesten uns überlieferten urchristlichen Briefes einer in einer Gruppe von dreien. Er ist noch nicht der alles überragende Apostel, von dem uns weitere Briefe überliefert sind und der die christliche Theologie wie kein anderer biblischer Verfasser geprägt hat.“ (H. Roose, Der erste und zweite Thessalonicherbrief, Neukirchen, 2016, S. 6) 

Der Brief geht nach Thessalonich, dem heutigen Saloniki in Nordgriechenland. In der Apostelgeschichte, wird die Stadt als Ort erwähnt, an dem Paulus eher auf der Durchreise von Philippi nach Athen in der Synagoge predigt. Drei Sabbate lang: Das Ergebnis: „Einige von ihnen ließen sich überzeugen und schlossen sich Paulus und Silas an, auch eine große Menge von gottesfürchtigen Griechen, dazu nicht wenige von den angesehensten Frauen.“ (Apostelgeschichte 17,4) Aber es entsteht auch tumultartiger Widerspruch, dem Paulus entgeht, weil ein gewisser Jason bürgt. Die Brüder schicken dann die Gefährten und Gefährdeten weiter nach Beröa. In der Apostelgeschichte ist der Aufenthalt in Saloniki fast nicht mehr als eine flüchtige Episode.  „Sehnsucht über die Welt hinaus“ weiterlesen

Ein Strom lebendigen Wassers

Hesekiel 47, 1 -12

Sommer 1969 auf Schloss Mittersill. Meine erste Begegnung mit diesem Abschnitt, meine erste Begegnung überhaupt mit dem Buch des Propheten Hesekiel. Staunend. Völlig überrascht von dem, was ich aus dem Mund des Auslegers – Hans-Heinz Damm, Pfarrer im Märkischen Viertel in Berlin -, zu diesen Worten hörte, die mir wie eine unverständliche Fremdsprache vorkamen.

1 Und er führte mich wieder zu der Tür des Tempels.

             Lange stand Hesekiel in der Haupthalle des Tempels. Jetzt wird er wieder geführt. Von dem, der vor seinen Augen den Tempel vermessen hatte. Der ihn durch die Räume des Tempels führte. Er tritt an die Tür des Tempels. Sein Blick richtet sich nun von innen nach außen.

 Und siehe, da floss ein Wasser heraus unter der Schwelle des Tempels nach Osten; denn die vordere Seite des Tempels lag gegen Osten. Und das Wasser lief unten an der südlichen Seitenwand des Tempels hinab, südlich am Altar vorbei. 2 Und er führte mich hinaus durch das Tor im Norden und brachte mich außen herum zum äußeren Tor im Osten; und siehe, das Wasser entsprang seiner südlichen Seitenwand.

             Ein Wasser tritt hervor, sucht sich seinen Weg unter der Schwelle des Tempels hindurch nach Osten. Der Mann, der Hesekiel jetzt wieder führt,  führt ihn um den Tempel herum, damit er dem Wasserlauf folgt. Die Frage liegt nahe: Woher kommt dieses Wasser? Wo ist die Quelle? „Der heutige Besucher des aram in Jerusalem wird vergeblich nach ihr suchen, wie denn ja auch das Aufbrechen einer Quelle ausgerechnet am höchsten Punkt des Tempelberges wenig wahrscheinlich ist.“ (W. Zimmerli, Ezechiel, BKAT XIII/2, Neukirchen 1969, S. 1192) Das mag Hinweis genug sein, dass es hier nicht um die Wasserversorgung Jerusalems geht, auch darauf, dass nicht versehentlich der Quellort der Siloahquelle auf den Tempelberg verlegt worden ist.

Näher liegt ein anderer Bezug: „Und es geht aus von Eden ein Strom, den Garten zu bewässern, und teilt sich von da in vier Hauptarme. Der erste heißt Pischon, der fließt um das ganze Land Hawila und dort findet man Gold; und das Gold des Landes ist kostbar. Auch findet man da Bedolachharz und den Edelstein Schoham. Der zweite Strom heißt Gihon, der fließt um das ganze Land Kusch. Der dritte Strom heißt Tigris, der fließt östlich von Assyrien. Der vierte Strom ist der Euphrat.“ (1. Mose 2,10 – 14)  Das Paradies, Eden, so sagt dieser Abschnitt ist der Ursprungsort aller großen Ströme. Wasser ist Leben – so weiß jeder in Israel. Und ohne Wasser verdorrt alles Leben. „Ein Strom lebendigen Wassers“ weiterlesen

Gottes Ort

Hesekiel 42, 15  – 43, 12

15 Und als er den Tempel im Inneren ganz ausgemessen hatte, führte er mich zum Osttor hinaus und maß den ganzen Umfang des Tempels. 16 Er maß die Ostseite mit der Messrute: fünfhundert Ellen; 17 und die Nordseite maß er auch: fünfhundert Ellen; 18 desgleichen die Südseite auch: fünfhundert Ellen. 19 Und er wandte sich zur Westseite und maß auch fünfhundert Ellen. 20 Nach allen vier Windrichtungen maß er. Und es war eine Mauer ringsherum, fünfhundert Ellen im Geviert, damit das Heilige von dem Unheiligen geschieden sei.

             Die Vermessung ist abgeschlossen. Nach allen Seiten, in alle Himmelsrichtungen. Noch einmal wird die Regelmäßigkeit des gesamten Areals und Baus hervorgehoben. Und die Mauer, die das Heilige von Unheiligen trennt,. Die Außenmauer „ist dringend notwendig, damit die Heiligkeit des Temenos (=Heiliger Bezirk, erg. Lenz) nach außen hin geschützt bleibt.“ (K.F. Pohlmann, Der Prophet Hesekiel, Kap. 20 – 48 ATD 22,2, Göttingen 2001, S. 570)

Ist diese Mauer eine Trennmauer des Heiligen vom Profanen? Oder nur des Guten vom Bösen? Dann wäre sie gewissermaßen ein ethischer Schutzwall, damit das alltäglich Böse nicht in den Tempel eindringen kann, damit es keinen „Mord im Dom“ (T.S.Eliot) geben kann. Es scheint um mehr zu gehen: „Die göttliche Ordnung, nach welcher das Heilige nicht verunreinigt, nicht unbesehen mit dem Profanen vermengt und verwechselt werden soll, weil es Gottes ist und weil Gott nicht mit der Welt verwechselt sein will, wird in der Bauanlage sichtbar.“ (W. Zimmerli, Ezechiel, BKAT XIII/2, Neukirchen 1969, S. 1069)

 Damit aber wird ein Problem unserer Zeit markiert: bei uns wird gern behauptet, dass es keine Trennung mehr zwischen heilig und profan gibt. So wird es uns als die christliche Position  dargestellt: „Die Grenze zwischen heilig und profan wird relativiert, im Gegensatz zur strengen Trennung der beiden im Judentum: Gott ist Geist, damit erübrigt sich die Frage nach dem rechten Ort für die Anbetung, rein und unrein ist weniger wichtig als die Liebe zum Nächsten (Gleichnis vom Samariter), das Prädikat heilig gilt nicht nur den Priestern, sondern allen Christen.“(Wikipedia, Aufruf 19.7.17) Ist es von da aus nur noch ein kleiner Schritt zu dem Satz und vor allen zu dem Verhalten: Nichts ist mehr heilig? Und umgekehrt bleibt die Frage: können wir Menschen überhaupt leben, ohne dass uns dies oder jenes „heilig“ ist, unantastbar, nicht mehr verhandelbar.

Zumindest der Gedanke stellt sich bei mir ein: Es könnte doch sein, dass der „Gottesverlust“ unserer Zeit damit zusammen hängt, dass wir die Heiligkeit Gottes verloren haben, dass wir weithin von ihr nicht mehr zu sprechen wissen, dass es den „frommen Schauer“ nur noch als eine Art romantisches Naturgefühl gibt, aber nicht mehr als das Erschrecken vor dem Heiligen Gott. Der Ausruf: „Weh mir, ich vergehe! Denn ich bin unreiner Lippen und wohne unter einem Volk von unreinen Lippen; denn ich habe den König, den HERRN Zebaoth, gesehen mit meinen Augen.“(Jesaja 6,5) wirkt für unsere Zeit nicht nur fremd, sondern befremdend. Furcht vor Gott – das darf nicht sein. Der ist doch lieb. Harmlos. Ehrfurcht vor dem Heiligen – das muss nicht sein.  „Gottes Ort“ weiterlesen

Gottes Maß

Hesekiel 40, 1 – 16

1 Im fünfundzwanzigsten Jahr unserer Gefangenschaft, im Anfang des Jahres, am zehnten Tag des Monats, im vierzehnten Jahr, nachdem die Stadt eingenommen war, eben an diesem Tag kam die Hand des HERRN über mich und führte mich dorthin, –  2 in göttlichen Gesichten führte er mich ins Land Israel und stellte mich auf einen sehr hohen Berg; darauf war etwas wie der Bau einer Stadt gegen Süden.

Zurück nach Jerusalem – 25 Jahre später. Wenn man so will: es ist Halbzeit. Die Hälfte der Jahre bis  zum „Erlassjahr“, das alle 50 Jahre zu begehen ist, sind vergangen. Hesekiel wird zurückgeführt  in göttlichen Gesichten – nicht auf dem langen Marsch durch die Wüste geschieht diese Rückkehr. „Es handelt sich um reale, visionär zugängliche Erlebnisse, die Gott möglich macht, aber nicht um eine körperliche Entrückung.“ (G. Maier,  Der Prophet Hesekiel, 2. Teil, 25 – 48, Wuppertaler Studienbibel, Wuppertal 2000, S. 251)

Kein Zweifel. Dorthin meint Jerusalem, die gefallen Stadt. Hesekiel aber sieht anders, mehr. Etwas wie den Bau einer Stadt auf einen sehr hohen Berg.  Der sehr hohe Berg erinnert an die parallel überliefert Weissagung: „Es wird zur letzten Zeit der Berg, da des HERRN Haus ist, fest stehen, höher als alle Berge und über alle Hügel erhaben.“ (Jesaja 2 – Micha 4)  Ist das, was Hesekiel sieht, so schon von Anfang an ein Blick weit über die unmittelbare Zukunft hinaus? Es ist eine erste Andeutung: es geht nicht nur um das irdische Jerusalem. Es geht um mehr.

3 Und als er mich dorthin gebracht hatte, siehe, da war ein Mann, der war anzuschauen wie Erz. Er hatte eine leinene Schnur und eine Messrute in seiner Hand und stand im Tor. 4 Und er sprach zu mir: Du Menschenkind, sieh her und höre fleißig zu und merke auf alles, was ich dir zeigen will; denn dazu bist du hierher gebracht, dass ich dir dies zeige, damit du alles, was du hier siehst, verkündigst dem Hause Israel.

             Ein Mann, anzuschauen wie Erz. Das ruft frühere Visionen in Erinnerung: „Und ich sah, und siehe, da war eine Gestalt wie ein Mann, und abwärts von dem, was wie seine Hüften aussah, war es wie Feuer, aber oberhalb seiner Hüften war ein Glanz zu sehen wie blinkendes Kupfer.“((8,2) Eher ein Himmelsbote als eine irdische Gestalt. Mit Messinstrument in der Hand. 

 Noch bevor er irgendetwas tut, fordert er Aufmerksamkeit von Hesekiel. Er soll genau sehen, fleißig hören – aber es wird nichts mehr gesagt! – und alles merken. Er ist gefordert mit allen Sinnen. Damit nichts, was er wahrnehmen wird, nur ein oberflächlicher Eindruck bleibt, sich rasch in Nichts auflöst. Aufmerksamkeit auch deshalb, weil er das Wahrgenommene dem Haus Israel verkündigen soll. Also auch hier: Keine Privat-Offenbarung. Die Bibel hat es nicht so mit den religiösen Erlebnissen, die das eigene Ich bereichern.   „Gottes Maß“ weiterlesen

Alle werden es sehen

Hesekiel 37, 15 – 28

15 Und des HERRN Wort geschah zu mir: 16 Du Menschenkind, nimm dir ein Holz und schreibe darauf: »Für Juda und die Israeliten, die sich zu ihm halten.« Und nimm noch ein Holz und schreibe darauf: »Für Josef, das Holz Ephraims, und das ganze Haus Israel, das sich zu ihm hält.« 17 Und füge eins an das andere, dass es ein Holz werde in deiner Hand.

             Ein neues Wort. Als wäre noch nicht alles gesagt. Eine Zeichenhandlung soll Hesekiel vornehmen. Auf den ersten Blick nichts Auffälliges. Fast wie die Spielerei eines, der nichts Besseres zu tun hat. Hölzer  beschriften ist wie „auf die Erde schreiben“ (Johannes 8, 6.8) In den Sand malen. Die Zeichenhandlungen der Propheten sind nicht unbedingt immer ein Spektakel.

Zwei Hölzer – eines für Juda und das andere für das ganze Haus Israel. Wie nachgetragen jedes Mal: die sich zu ihm halten, das sich zu ihm hält. Sind das andere Gefährten, Weggenossen, die sich mit Israel verbunden haben? Das hebräische Wort chātêr steht sonst für „Gefährten, Mithirten, Kameraden, Spießgesellen.“ (W. Zimmerli, Ezechiel, BKAT XIII/2, Neukirchen 1969, S. 911) Vielleicht geht es nicht nur um die formale Zugehörigkeit, sondern auch um innere Verbundenheit.

Die beiden beschrifteten Hölzer soll Hesekiel zusammen führen, so dass in seiner Hand daraus ein Holz wird. Zwei Puzzle-Teile werden zu einem.

 18 Wenn nun dein Volk zu dir sprechen wird: Willst du uns nicht zeigen, was du damit meinst?, 19 so sprich zu ihnen: So spricht Gott der HERR: Siehe, ich will das Holz Josefs, das in der Hand Ephraims ist, nehmen samt den Stämmen Israels, die sich zu ihm halten, und will sie zu dem Holz Judas tun und ein Holz daraus machen, und sie sollen eins sein in meiner Hand.

             Es weckt Neugier – so hofft Gott. So hofft wohl auch der Prophet. Die ihm zusehen, geraten ins Fragen. Steckt hinter dieser scheinbaren Spielerei doch ein verborgener Sinn? Dein Volk wird fragen. Es sind Hesekiels Leute – er ist einer von denen, um die es geht. Da ist keine Distanz von Gott her zwischen dem Propheten und dem Volk. Was Hesekiel zu antworten hat ist ein Gotteswort. Er wird die Hölzer zusammenfügen. Er wird aus den zweien eins machen. Sie sollen eins sein in meiner Hand. Eine Deutung ist damit noch nicht erfolgt, wohl aber ein Versprechen. „Von Jahwe selbst wird die Verheißung ausgesprochen, dass er persönlich das Getrennte in seiner Hand wieder zur Einheit zusammenfassen werde.“ (W. Zimmerli, aaO. S. 912) „Alle werden es sehen“ weiterlesen

Der die Toten ins Leben ruft

Hesekiel 37, 1 – 14

 1 Des HERRN Hand kam über mich, und er führte mich hinaus im Geist des HERRN und stellte mich mitten auf ein weites Feld; das lag voller Totengebeine. 2 Und er führte mich überall hindurch. Und siehe, es lagen sehr viele Gebeine über das Feld hin, und siehe, sie waren ganz verdorrt.

             Ein Visionsbericht – entstanden „in einem Zeitpunkt resignierter Zerschlagenheit der Menschen in der Umgebung des Propheten.“ (W. Zimmerli, Ezechiel, BKAT XIII/2, Neukirchen 1969, S. 891) Wann? fragen wir. Wo? fragen wir. Und bleiben ohne Antwort. Ohne Jahreszahl. Ohne Ortsangabe. Schon der Anfang hat so etwas Schwebendes an sich. Hesekiel wird aus dem normalen Alltagsbereich herausgeführt. Es ist die Hand des HERRN und es ist der Geist des HERRN, die hier am Werk sind. Nur Gott. Das ganze nachfolgende Geschehen hängt an ihm – Jahwe.

Was Hesekiel erfährt, vielleicht müsste man sogar sagen: erleidet, ist ein Hinausgeführt werden auf ein weites Feld. Vielleicht schwingt mit: Hinaus aus der Enge. Hinaus aus den gedanklichen Festlegungen. Hinaus aus der Hoffnungslosigkeit: Keine Zukunft mehr. Zugleich aber  wird er in dieser Weite konfrontiert mit einen Schreckensbild: das Feld lag voller Totengebeine. Mehr noch: an diesen Gebeinen ist nichts Lebendiges mehr.   

Ganz verdorrt. Das meint doch: sie liegen schon lange da, diese Knochen. Unbegraben, vielleicht abgenagt. So lange, dass sie ausgebleicht sind. Da ist nichts mehr zu erwarten von diesem Totengebein. Sie sind so tot, dass nicht einmal mehr die wilden Tiere sich darüber hermachen.

3 Und er sprach zu mir: Du Menschenkind, meinst du wohl, dass diese Gebeine wieder lebendig werden? Und ich sprach: HERR, mein Gott, du weißt es.

             Was für eine Frage! Was soll aus einem solchen Totenfeld noch an Leben kommen können? Muss das gefragte Menschenkind, der gefragte Menschensohn nicht über dieser Frage zusammenzucken? Es ist „eine ungeheuerliche, fast ist man versucht zu sagen, lächerliche Frage.“(W. Zimmerli, aaO. S. 893) Was will der Fragende – der HERR – mit seiner Frage? Testet er Hesekiel auf sein Vertrauen? Oder will er ihn sagen hören: Unmöglich. „Der die Toten ins Leben ruft“ weiterlesen

Ein neues Volk

Hesekiel 36, 16 – 32

16 Und des HERRN Wort geschah zu mir:

             Gott wird nicht müde darin und wird es nicht leid, sein Wort an Hesekiel zu richten. 49-mal heißt im Hesekiel-Buch: des HERRN Wort geschah zu mir. Wieder und wieder. Und immer wieder ist Hesekiel der Adressat dieses Wortgeschehens. Es ist ein Zeichen der Treue Gottes, dass er nicht aufgibt, sein Volk nicht aufgibt. Vielleicht ist es kein abwegiger Gedanke: es sind genau neunundvierzig Jahre bis zum Erlassjahr, zum Jahr, in dem in Israel wieder die gerechte Landverteilung Gottes hergestellt wird. Ob sich das in dieser Anzahl der Wortergehungs-Ereignisse abbildet?

 17 Du Menschenkind, als das Haus Israel in seinem Lande wohnte und es unrein machte mit seinem Wandel und Tun, dass ihr Wandel vor mir war wie die Unreinheit einer Frau, wenn sie ihre Tage hat, 18 da schüttete ich meinen Grimm über sie aus um des Blutes willen, das sie im Lande vergossen, und weil sie es unrein gemacht hatten durch ihre Götzen. 19 Und ich zerstreute sie unter die Völker und versprengte sie in die Länder und richtete sie nach ihrem Wandel und Tun.

             Es ist fast, als würde Gott sich rechtfertigen, dem Propheten, dem Menschenkind gegenüber. Er erklärt ihm, warum Israel in die Zerstreuung musste. „Gott beginnt bei der langjährigen Schuldgeschichte Israels.“ (G. Maier, Der Prophet Hesekiel, 2. Teil, 25 – 48, Wuppertaler Studienbibel, Wuppertal 2000, S. 188)  Es hat das Land verunreinigt. Mit seinem fortgesetzten Götzendienst. Über Jahrhunderte hin. Was hier zur Sprache kommt, ist ein Rückblick in die Zeit vor 586, wohl auch vor 597. Es geht nicht um Ausrutscher, die auch einmal passieren, es ist ihr Wandel und Tun durch lange Zeit hin.

Es ist Gott, der HERR, der sie zerstreut hat. Damit wird eine Frage beantwortet, die quälend auf den Exilierten lastet: „Ist die Geschichte des Heimatverlustes nicht der Gegenbeweis gegen Jahwe?“ (W. Zimmerli, Ezechiel, BKAT XIII/2, Neukirchen 1969, S. 874) Ist der Gott Israels zu schwach, um sein Volk zu schützen? Vielleicht muss man sagen: Je länger das Volk im Exil ist, umso bedrängender wird diese Frage.

Darum mag es schon so sein, dass diese Passage es nahelegt, „mit der Ansetzung von 16-32 tiefer in die Exilzeit hinunterzugehen als bei den Worten, die noch unmittelbar den Schock des Falls von Jerusalem spiegeln.“ (W. Zimmerli, ebda.) Auch das Hesekielbuch findet wohl seine Endgestalt über einen längeren Zeitraum hinweg. „Ein neues Volk“ weiterlesen

Ein Ende für alle Notzeiten

 Hesekiel  34, 23 – 31

23 Und ich will ihnen einen einzigen Hirten erwecken, der sie weiden soll, nämlich meinen Knecht David. Der wird sie weiden und soll ihr Hirte sein, 24 und ich, der HERR, will ihr Gott sein. Und mein Knecht David soll der Fürst unter ihnen sein; das sage ich, der HERR.

             Voraus gehen Worte, die die Herde in den Blick nehmen. Sie sind ohne Hirten so verwildert, dass ein Schaf das andere bedrängt, dass ein Schaf dem anderen die Weide nicht gönnt. „Das Gute für uns selbst, aber selbst das weniger Gute den anderen noch missgönnen, das ist die Devise der Gottlosen.“ (G. Maier,  Der Prophet Hesekiel, 2. Teil, 25 – 48, Wuppertaler Studienbibel, Wuppertal 2000, S. 165) Der Zustand der Herde schreit regelrecht nach einem Hirten, einem guten Hirten.

Diesen Notschrei beantwortet Gott: ich will ihnen einen einzigen Hirten erwecken, meinen Knecht David. Wie denn nun, fragt man als Leser erstaunt. Nimmt Gott jetzt etwa zurück, was er zuvor gesagt hat? „Ich selbst will meine Schafe weiden“(34, 15) Jetzt aber doch nur mein Knecht David? Nimmt Gott also seine Zusage zurück? „Die Ankündigung, dass Jahwe seinen Knecht David mit dem Hirtenamt betraut, es also dann wohl doch nicht selbst wahrnimmt, gerät in deutlichen Widerspruch zu den bisherigen Ausführungen in 1 – 15.“ (K.F. Pohlmann, Der Prophet Hesekiel, Kap. 20 – 48 ATD 22,2, Göttingen 2001, S. 467)

             Es ist gut, sich zu erinnern: Wer führt Israel aus Ägypten? Der Auftrag an Mose ist eindeutig: „So geh nun hin, ich will dich zum Pharao senden, damit du mein Volk, die Israeliten, aus Ägypten führst.“(2. Mose 3, 10) Genauso eindeutig ist aber das Bekenntnis, das in Israel gelehrt werden soll: „Der HERR hat uns mit mächtiger Hand aus Ägypten, aus der Knechtschaft, geführt.“(2. Mose 13,16) Und Gott kann sagen: „Ihr habt gesehen, was ich an den Ägyptern getan habe und wie ich euch getragen habe auf Adlerflügeln und euch zu mir gebracht.“(2. Mose 19,4) Wie also beantwortet sich die Frage? Natürlich Gott, natürlich Mose. Mose ist der Handlanger Gottes. Genauso wird der Hirte David Handlanger Gottes sein.     „Ein Ende für alle Notzeiten“ weiterlesen

Hirten füreinander?

Hesekiel 34, 1 – 16

 1 Und des HERRN Wort geschah zu mir:

             Eine neue Botschaft. Ohne Zeitangabe. Aber es muss nicht gesagt sein, dass sie deshalb weit nach dem Tag ergeht, an dem Hesekiel seine Redefähigkeit wieder gewonnen hat. Wenn da ein Wort an ihn ergeht, dann hat er ja auch wirklich zu sagen. Wortereignisse an einen Stummen wären ja irgendwie in sich selbst widersprüchlich, fast paradox.

 2 Du Menschenkind, weissage gegen die Hirten Israels, weissage und sprich zu ihnen: So spricht Gott der HERR: Wehe den Hirten Israels, die sich selbst weiden! Sollen die Hirten nicht die Herde weiden?

             Du Menschenkind – Menschensohn übersetzt Zimmerli immer! – schon in der Ankündigung des Auftrags wird seine Stoßrichtung benannt. Gegen die Hirten Israels. Das gibt den Worten noch einmal zusätzlich Gewicht. Weissagen soll der Prophet. Prophezeien. προφήτευσον übersetzt die griechische Septuaginta. Das ist nicht einfach nur über Zukunft informieren, Kommendes ansagen, sondern hier schwingt schon mit: Diese Zukunftsansagen sind Gericht.

Sofort wird der Anklagepunkt genannt: Die Hirten sind ihrem Auftrag untreu. Die Herde sollen sie weiden, sie aber weiden sich selbst. Sie kümmern sich nicht um die, für die sie dasein sollen. Ihre ganze Sorge ist selbstbezogen.

Wer sind diese Hirten, von denen die Rede ist? „Hirte und Herde sind im Alten Orient eine verbreitete Metapher für einen Herrscher und dessen Verhältnis zu seinen Untertanen.“ (K.F. Pohlmann, Der Prophet Hesekiel, Kap. 20 – 48 ATD 22,2, Göttingen 2001, S. 463) Ist also nur das Königshaus aus dem Geschlecht Davids gemeint? Dann wäre aber die ganze nachfolgende Rede rückwärtsgewandt, sozusagen ein Erklärungsversuch für  den Untergang, nicht nur des Hauses Davids, sonders ganz Israels. So ganz überzeugt mich das nicht.

Ich ziehe die andere Antwort vor. Hirten – das sind „Statthalter (Verwaltungsbeamte) Propheten, Priester, die überlebenden Heerführer, die Ältesten der Exilsgemeinde und andere führende Persönlichkeiten. Sowohl im Israelland als auch im babylonischen und ägyptischen Exil gab es ja halbautonome jüdische Selbstverwaltungen.“ (G. Maier,  Der Prophet Hesekiel, 2. Teil, 25 – 48, Wuppertaler Studienbibel, Wuppertal 2000, S.155) Das alles sind Leute, die eine besondere Verantwortung für das leidende Volk haben – und sie nicht wahrnehmen! „Hirten füreinander?“ weiterlesen

Nur schöne Worte

Hesekiel 33, 21 – 33

21 Und es begab sich im zwölften Jahr unserer Gefangenschaft am fünften Tag des zehnten Monats, da kam zu mir ein Entronnener von Jerusalem und sprach: Die Stadt ist genommen. 22 Und die Hand des HERRN war über mich gekommen am Abend, bevor der Entronnene kam, und er tat mir meinen Mund auf, als jener am Morgen zu mir kam. Und mein Mund wurde aufgetan, sodass ich nicht mehr stumm sein musste.

Am 19. 1. 586, im zwölften Jahr unserer Gefangenschaft am fünften Tag des zehnten Monats, – so genau können biblische Daten sein – kommt einer, der dem Chaos in Jerusalem entronnen ist. Ein Entronnener – peljōt. Es wirkt, als wäre er zu Hesekiel gesandt worden – von wem auch immer. Seine Nachricht: Die Stadt ist genommen. Man datiert die Einnahme Jerusalems auf den 29. 7. 587. Ein halbes Jahr später also kommt der Mann. Das ist „eine durchaus wahrscheinliche Zeitspanne zwischen dem Ende Jerusalems und dem Eintreffen des ersten Augenzeugen in Tel Abib.“ (W. Zimmerli, Ezechiel, BKAT XIII/2, Neukirchen 1969, S. 812)

             Hesekiel ist nicht unvorbereitet für diesen Kommenden. Schon am Tag zuvor beginnt Gott an ihm zu handeln. Die Hand des HERRN war über mich gekommen am Abend. Vielleicht darf man es so verstehen,  dass an diesem Abend „ein Zustand der Starre und Wortunfähigkeit auf den Propheten fiel“ (W. Zimmerli, aaO. S. 813), der am Morgen mit dem Kommen des Entronnenen gelöst wird. Jedenfalls, als der da ist, ist die Zeit seines Verstummens zu Ende. „Der Prophet wird von seiner Sprechunfähigkeit erlöst und zum Auftun des Mundes befreit.“ (W. Zimmerli, ebda.) Das ist nicht nebensächlich, war es doch Gott selbst, der ihm den Mund verschlossen hat. Jetzt kann der Prophet wieder reden, nicht nur mit dem Entronnenen, dem Gast des nächsten Tages, sondern auch mit dem Volk „Jetzt war seine Predigttätigkeit für das ganze Volk  (wieder) freigegeben.“ (G. Maier,  Der Prophet Hesekiel, 2. Teil, 25 – 48, Wuppertaler Studienbibel, Wuppertal 2000, S. 146)

Wir wissen nicht, wie lange diese Zeit des Verstummens, der Unfähigkeit zu reden, gedauert hat. Im Buch Hesekiel wird sie früh angekündigt! „Und ich will dir die Zunge an deinem Gaumen kleben lassen, dass du stumm wirst und sie nicht mehr zurechtweisen kannst; denn sie sind ein Haus des Widerspruchs.“( 3, 26) Es legt sich der Eindruck nahe, dass Hesekiel bis hierhin immer wieder einmal die gottverhängte und zugleich vom menschlichen Widerstand her bestimmte Worthinderung hat erfahren müssen.“ (W. Zimmerli, ebda.) Was für eine Zumutung für einen, der sich zum Wächter und Warner gerufen weiß.

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