Gottes Verlockung: Ich bin da

Jesaja 48, 12 – 22

 12 Höre mir zu, Jakob, und du, Israel, den ich berufen habe: Ich bin’s, ich bin der Erste und auch der Letzte. 13 Meine Hand hat die Erde gegründet, und meine Rechte hat den Himmel ausgespannt. Ich rufe und alles steht da.

             Eine knappe Erinnerung: auf das Wort des HERRN ist Verlass. Wie schon zuvor häufig folgt die Begründung: Ich bin’s, ich bin der Erste und auch der Letzte. Und er, der sein Volk anspricht, ist der Schöpfer. „Damit wird, wie es in Jesaja 40 – 55 immer wieder geschieht, das rettende Wirken Jahwes in den weiten Rahmen seines schöpferischen Tuns gestellt.“(H.J. Kraus, aaO. S. 104)  

              Das mag, auch für uns heute, ein Hinweis sein: Alles Reden von Gott als dem Schöpfer dient nicht zuerst der Erklärung, wie die Welt entstanden ist, sondern vorrangig ist es ein Aufruf zum Vertrauen – jetzt, hier und heute. Der Glaube an den Schöpfer zeigt sich im Weltvertrauen und im Gottvertrauen und nicht in theoretischer Debatte über unterschiedliche Vorstellungen von der Weltentstehung.

 14 Versammelt euch alle und hört: Wer ist unter ihnen, der es verkündigt hat? Er, den der HERR liebt, wird seinen Willen an Babel beweisen und seinen Arm an den Chaldäern. 15 Ich, ja, ich habe es gesagt, ich habe ihn gerufen, ich habe ihn auch kommen lassen, und sein Weg soll ihm gelingen. 16 Tretet her zu mir und hört dies! Ich habe von Anfang an nicht im Verborgenen geredet; von der Zeit an, da es geschieht, bin ich auf dem Plan.

             Was jetzt geschieht, entspringt dem Willen Gottes.  Er, Kyrus, ist es, der diesen Willen an Babylon zu vollstrecken hat. „Neu ist, dass von Kyrus gesagt wird, dass Jahwe ihn liebt – was für ein Anstoß für das erwählte und geliebte Eigentumsvolk Gottes!“(D. Schneider, aaO. S. 155) Aber auch was für ein Hinweis darauf, dass der Liebe Gottes keine Grenzen gesetzt sind.

Wichtiger aber noch: in seinen Worten ist er selbst gegenwärtig. Der Gott Israels ist kein verborgener Gott, irgendwo hinter den Sternen. Sondern in seinem Wort und im Geschehen ist er auf dem Plan. „Gottes Verlockung: Ich bin da“ weiterlesen

Contrafaktischer Glaube

Jesaja 46, 1 – 13

1 Bel bricht zusammen, Nebo ist gefallen, ihre Götzenbilder sind den Tieren und dem Vieh aufgeladen, dass sie sich müde tragen an dem, was eure Last war. 2 Ja, sie können die Last nicht wegbringen. Die Götzen sind gefallen und alle zusammengebrochen und müssen in die Gefangenschaft gehen.

 Jesaja sieht, was kommen wird. Er sieht es, als wäre es schon Gegenwart. Bel und Nebo sind „Hauptgötter“ Babylons. Bel – der Gott des Himmels, Nebo der Gott der neubabylonischen chaldäischen Dynastie.

Jesaja sieht sie, die von ihren Bildern repräsentiert werden, auf Fluchtfahrzeuge aufgeladen und stürzen und mit ihnen das Reich, das sie doch halten sollten. Die Flucht misslingt, in ihrem Stürzen werden sie zur nicht mehr tragbaren Last für die, die doch von ihnen geschützt und getragen werden sollten. Sie werden abgeführt in die Gefangenschaft.

Was man dem Text nicht sofort ansieht: Er ist ein Siegeslied. Ein Siegeslied, das „angestimmt ist, während die Statuen noch stehen und die Götter noch in mächtigen Hymnen Tag für Tag gefeiert werden  aus die Hohen und Mächtigen! Das Siegeslied ist also in Wahrheit Ankündigung und nimmt in unbedingter Gewissheit das Ereignis des Sturzes voraus, der kommen muss.“(C. Westermann, aaO.  S. 145)

 Die Frage, die sich dem unbefangenen Leser stellt: wie kommt Jesaja zu dieser Sicht? Ist das das Ergebnis einer scharfsinnigen Analyse der politischen Lagen? Verdankt es sich der Einsicht, dass der kommende König einfach militärisch und politisch stärker ist? Mir liegt das andere näher: Es sind Worte und Einsichten, die ihm zuwachsen, als Botschaft aus einem Hören auf Gott, aus seinem Stillhalten vor Gott. Auch wenn er hier nicht sagt: So spricht der HERR. Letztlich sind seine Worte auf das Sprechen des HERRN  und auf das Hören des Jesaja auf diesen HERRN zurückzuführen. Das kann man – vielleicht – „Inspiration“ nennen. Aber man muss es nicht. Mir genügt: Diese Worte kommen Jesaja zu und er sagt sie weiter. „Contrafaktischer Glaube“ weiterlesen

Israel ist „nur“ der Anfang

Jesaja 45, 18 – 25

18 Denn so spricht der HERR, der den Himmel geschaffen hat – er ist Gott; der die Erde bereitet und gemacht hat – er hat sie gegründet; er hat sie nicht geschaffen, dass sie leer sein soll, sondern sie bereitet, dass man auf ihr wohnen solle: Ich bin der HERR, und sonst keiner mehr.

             Wieder und wieder: Der HERR ist der Schöpfer. Des Himmels und der Erde. Nicht nur des Ortes der Seligen im Himmel, auch des Ortes, an dem das Leiden wohnt – der Erde. Dieses beständige Wiederholen mag auch auf eine Auseinandersetzung mit anderen Schöpfungserzählungen hindeuten. In Babylon hat man sicherlich anders vom Anfang der Welt erzählt als in Israel. Den Anfang anderen Göttern zugeschrieben. „Im babylonischen Schöpfungsmythos heißt das Meer „Erzeuger“ bzw. „Gebärerin der Götter“ und der siegreiche Gott Marduk formt nach dem Kampf mit der Meeresgöttin Tiamat aus ihrer oberen Hälfte den Himmel, aus der unteren die Erde.“(W.H. Schmidt, Alttestamentlicher Glaube in der Geschichte, Berlin 1981, S. 180) Dem tritt Jesaja entgegen. Aber nicht nur, um Schöpfungs-Vorstellungen zu korrigieren, sondern vor allem, um das Vertrauen zu stärken. Das Vertrauen, dass der HERR mächtig genug ist, zu helfen und heute zu retten, ist er doch allein der HERR.

19 Ich habe nicht im Verborgenen geredet an einem finstern Ort der Erde; ich habe nicht zu den Söhnen Jakobs gesagt: »Sucht mich vergeblich!« Denn ich bin der HERR, der von Gerechtigkeit redet und verkündigt, was recht ist.

             Gott hat nicht hinterm Berg gehalten. Er ist nicht im Verborgenen geblieben. Er hat sich nicht so versteckt, dass er nicht zu finden wäre. Er hat auch  keine Geheim-Gesetze gemacht. Sondern er hat gesagt, was Recht ist, er hat seinen Willen kundgetan. Es ist die Spannung, die nie aufgehoben wird, zwischen dem Offenbarwerden Gottes und seiner Verborgenheit. Gott lässt sich suchen und will sich finden lassen. Das gehört zur Erfahrung Israels:

 Als ich den HERRN suchte, antwortete er mir                                                               und errettete mich aus aller meiner Furcht.     Psalm 34,5 „Israel ist „nur“ der Anfang“ weiterlesen

Gott handelt incognito

Jesaja 45, 9 – 17

9 Weh dem, der mit seinem Schöpfer hadert, eine Scherbe unter irdenen Scherben! Spricht denn der Ton zu seinem Töpfer: Was machst du?, und sein Werk: Du hast keine Hände! 10 Weh dem, der zum Vater sagt: Warum zeugst du?, und zur Frau: Warum gebierst du? 11 So spricht der HERR, der Heilige Israels und sein Schöpfer: Wollt ihr mich zur Rede stellen wegen meiner Söhne? Und wollt ihr mir Befehl geben wegen des Werkes meiner Hände?

             Auf den ersten Blick überrascht dieser Anschluss. Müsste Israel sich nicht freuen, dass der Herr einen Herrscher gerufen hat, der es erlöst, nach Jahren der Gefangenschaft wieder in die Freiheit schickt? Es scheint Stimmen gegeben zu haben, die der Berufung des Kyrus widersprechen. „Warum machst du einen Nichtisraeliten zu deinem Gesalbten und verschmähst damit offensichtlich die Davidsnachkommen, die noch in unseren Reihen leben?“(D. Schneider 1990 aaO.  S. 125) Wer so fragt, stellt die Souveränität Gottes in Frage, Gottes Freiheit zu handeln, wie er will.

Das aber ist widersinnig. So sehr, dass es nur mit dem unmöglichen Einspruch des Tons gegen den Gestaltungswillen des Töpfers zu vergleichen ist. Mit dem Aufschrei einer Scherbe in dem ganzen Scherbenhaufen de Geschichte. Mit der Frage des Kindes, das den Vater und die Mutter in Frage stellt: Warum habt ihr mich gekriegt? Es kann doch nicht im Ernst sein, dass Israel Gott verantwortlich macht für seine Söhne, für die Werke seiner Hände. Verantwortlich in dem Sinn, dass sie Gottes Wahlrecht, sich zu suchen, wen er will, durch wen er handeln will, bestreiten. Die Fragen Gottes klingen so, als wären sie Antwort auf eine Anklage: Du hast uns doch fallen lassen!

Ist es vorstellbar, dass Israel so die Schritte Gottes zu seiner Befreiung in Frage stellt? Lieber die Gefangenschaft will als die Freiheit aus den Händen des fremden Königs? Es gibt, so weiß ich es aus vielfältiger Erfahrung und Beobachtung, die Verweigerung der Schritte in eine neue, bessere Zukunft, weil man sich im Alten eingerichtet hat. Weil man Angst hat vor der neuen Verantwortung, die mit neuen Schritten auch gegeben sein könnte. Wo das passiert, liefert man sich aber dem Tod aus, oder dem langsamen Untergang. Darum Wehe! Wer sich so gegen den Weg Gottes stellt, der zieht das Unheil selbst auf sich. „Gott handelt incognito“ weiterlesen

Von Gottes Gnade

Jesaja 45, 1 – 8

1 So spricht der HERR zu seinem Gesalbten, zu Kyrus, den ich bei seiner rechten Hand ergriff, dass ich Völker vor ihm unterwerfe und Königen das Schwert abgürte, damit vor ihm Türen geöffnet werden und Tore nicht verschlossen bleiben:

Zum ersten Mal wird der Name genannt: Kyrus. Der HERR  spricht den Kyrus direkt an.  Es ist die „Botenspruchformel“, wie sie häufig bei den Propheten begegnet: So spricht der HERR. Das gibt diesen Worten besonderes Gewicht. Verleihen sie dem Kyrus doch göttliche Legitimität. Sie zeigen ihn als den Beauftragten Gottes.  Den Gesalbten. „Allerdings darf man in die Bezeichnung māšīa  nicht die spätere Bedeutung des Messias als eines Heilsbringers hineinlesen. Das Wort wird im Alten Testament immer nur von einem gegenwärtig regierenden König gebraucht.“(C. Westermann, aaO.  S. 129)

Aber auch das ist schon auffallend genug: Was sonst von den Königen Israels gesagt wird, dass sie „Gesalbte des Herrn“(1. Samuel 24,7 u. a.) sind, das wird hier von dem fremden König aus fremdem Volk und mit einem anderen Glauben gesagt. Zugleich aber fällt auch auf: Kyrus wird zwar „Gesalbter“ genannt, aber nicht Knecht, nicht ʻebed jahwe. Diese Bezeichnung ist bei Jesaja einem anderen oder anders reserviert.

Die Worte an Kyrus sind Auftrag und Verheißung. Sie sind – merkwürdig genug – die Schrittfolge eines Eroberungszuges.  Völker werden unterworfen, Könige entmachtet, Stadt-Tore gehen auf. Es sind Versatzstücke „aus der alten und weitverbreiteten Tradition eines Königsorakels.“(C. Westermann, aaO. S. 130) Aber sie beschreiben gleichwohl auffällig präzise den Weg, den Kyrus gehen wird. „Von Gottes Gnade“ weiterlesen

Gott sitzt im Regiment

Jesaja 44, 21 – 28

21 Gedenke daran, Jakob, und du, Israel, denn du bist mein Knecht. Ich habe dich bereitet, dass du mein Knecht seist. Israel, ich vergesse dich nicht! 22 Ich tilge deine Missetat wie eine Wolke und deine Sünden wie den Nebel. Kehre dich zu mir, denn ich erlöse dich!

             Genug Spott. Die Worte jetzt wenden sich wieder an Israel. Wie zwei Brennpunkte verhalten sich die Sätze zueinander, die Aufforderung an Jakob: Gedenke und die Zusage: Ich vergesse dich nicht. Beides scheint in Frage gestellt, dass Jakob sich erinnert und dass Israel im Sinn behält: wir sind nicht vergessen.

Von daher könnten die Worte gut Gottes Antwort auf Klagen sein: „Hast du uns denn vergessen?“ – „Wie lange noch?“ – Wann endlich wendest du unser Geschick?“  Klagen, wie wir sie aus den Psalmen kennen.  Darin gewinnen die Worte hier ihr Gewicht: Es sind Worte, „die zu solchen gesprochen werden, die im Begriff sind, sich von Gott abzuwenden und Gottes Heilshandeln an ihnen zu vergessen.“(C. Westermann, aaO.  S. 116) Sich abzuwenden nicht aus Überdruss oder Bosheit, sondern aus innerer  Erschöpfung. Das Warten auf die Wende wird ihnen zu lang. Resignation droht die zarte Pflanze Zuversicht aufzufressen.

Wenn ich so lese, dann stellt Jesaja dem erschütterten und schwankenden Grundvertrauen erneut Heilszusagen – im Auftrag Gottes – entgegen. Solche, die auf die Vergangenheit zurückverweisen: Ich habe dich bereitet. Und solche, die in die Gegenwart führen: Ich tilge deine Missetat.

    Im kontinuierlichen Lesen fällt ja auf: die Worte, die Heilszusagen werden zwar variiert, aber gleichzeitig doch vielfach wiederholt. Manchmal fast stereotyp, so dass es keineswegs verwunderlich ist, dass man darin Formeln und formelhafte Sprache entdeckt hat. Sozusagen Gesetzmäßigkeiten. Vielleicht sogar Formeln, wie sie in Liturgien und Liedern tief eingeprägt sind. Es mag sei, sie werden auch deshalb ständig wiederholt, damit sie sich einprägen, damit sie die Mauern der Resignation durchlöchern, damit sie in den Tälern der Angst und im Dunkel der Furcht irgendwie doch neue Hoffnung wecken. Gegen alle Skepsis, gegen alle Einwände, gegen alles Denken: Das sind ja nur schöne Worte.

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Einzigartig – der erwählende Gott

Jesaja 44, 1 – 8

1 So höre nun, mein Knecht Jakob, und Israel, den ich erwählt habe!

             Statt einfach so höre nun muss man wohl lesen: Aber nun. Das macht deutlich: Was jetzt folgen wird, steht im Kontrast zu den Anklagen, die gegen Israel möglich sind und wie sie unmittelbar zuvor zur Sprache kamen. Jetzt ist nicht mehr davon die Rede, dass dein Ahnherr  gesündigt hat, und deine Wortführer abgefallen sind (43,27) von Gott. Nicht mehr die Vergangenheit ist Thema, sondern eine neue Zukunft wird angesagt. Für den Knecht Jakob, den Erwählten. Was auch immer war, der Herr lässt seine Erwählung nicht fahren.

 2 So spricht der HERR, der dich gemacht und bereitet hat und der dir beisteht von Mutterleibe an: Fürchte dich nicht, mein Knecht Jakob, und du, Jeschurun, den ich erwählt habe!

             Noch einmal: Erinnerung an die Erwählung. Gepaart mit der anderen Erinnerung: Dass es Israel überhaupt gibt, „beruht auf Gottes Schöpfung, dem Fundament aller Geschichte.“(H.J. Kraus aaO. S. 63) Aber damit ist Gottes Handeln nicht abschließend beschrieben. Vom Mutterleib an steht der HERR Israel bei. Er hat es ins Leben gerufen, auf die Welt gebracht durch den engen Geburtskanal des Mutterleibes. Ein weibliches Gottesbild am Anfang Israels! Das Schöpfungshandeln Gottes wird weiter geführt in seinem Erhalten, seinem Beistehen.

Diese Sicht des Jesaja nimmt Martin Luther ist seiner Erklärung zum 1. Artikel es Glaubensbekenntnisses auf: „Ich glaube, dass mich Gott geschaffen samt allen Kreaturen, mir Leib und Seele, Augen, Ohren und alle Glieder, Vernunft und alle Sinne gegeben hast und noch erhält;…“ (M. Luther, Der Kleine Katechismus, Luther Deutsch, Bd. 6, Göttingen 1983, S. 145) Man spricht nicht sachgemäß von der Schöpfung und dem Schöpfer, wenn man sie und ihn auf den Anfang reduziert. Der Schöpfer ist zugleich der Erhalter. „Einzigartig – der erwählende Gott“ weiterlesen

Nicht billig – Gott hat Mühe

Jesaja 43, 22-28

 22 Nicht, dass du mich gerufen hättest, Jakob, oder dass du dich um mich gemüht hättest, Israel. 23 Mir hast du nicht die Schafe deines Brandopfers gebracht noch mich geehrt mit deinen Schlachtopfern. Ich habe dir nicht Arbeit gemacht mit Opfergaben, habe dich auch nicht bemüht mit Weihrauch. 24 Mir hast du nicht für Geld köstliches Gewürz gekauft, mich hast du mit dem Fett deiner Opfer nicht gelabt.

             Dieser Neuanfang hat seinen Grund nicht in Israel. Allen Klagen und Fragen zum Trotz, die es im Exil gegeben haben wird, die Jesaja gekannt hat. Was da laut wurde, war ein resignatives Jammern. Eines, das nicht mehr wirklich damit gerechnet hat, dass Gott sich in die Not seines Volkes hineinrufen lässt. Klagen, wie sie ihren Niederschlag in den folgenden Worten gefunden haben.

An den Wassern zu Babel saßen wir und weinten,                                                         wenn wir an Zion gedachten.                                                                                                  Unsere Harfen hängten wir an die Weiden dort im Lande.                                               Denn die uns gefangen hielten, hießen uns dort singen                                                   und in unserm Heulen fröhlich sein:                                                                               »Singet uns ein Lied von Zion!«                                                                                            Wie könnten wir des HERRN Lied singen in fremdem Lande?                                                               Psalm 137, 1- 4

 Weit über den Kreis der Bibellesenden in Deutschland bekannt geworden durch den Schlager:

 “By the rivers of Babylon, there we sat down
Yea, we wept, when we remembered Zion.”
Boney M. 1978

Manchmal müssen säkulare Medien die Rolle übernehmen, die introvertierte Kirchen nicht mehr wirklich annehmen: Worte der Schrift unter die Leute bringen. „Nicht billig – Gott hat Mühe“ weiterlesen

selbst fliegen lernen

Jesaja 43, 14 – 21

14 So spricht der HERR, euer Erlöser, der Heilige Israels: Um euretwillen habe ich nach Babel geschickt und habe die Riegel eures Gefängnisses zerbrochen, und zur Klage wird der Jubel der Chaldäer.

             Dies ist ein Neueinsatz. Kein Freispruch, eher ein Abbruch der vorhergehenden Gerichtsverhandlungen. Die Gerichtsszene wird überholt, geweitet durch das Wort an Israel. Noch einmal, wie einen Irrtum auszuschließen, stellt sich der Herr vor: euer Erlöser, der Heilige Israels. Und sagt in der Vorstellung zugleich, was ansteht. Erlösung. Die so angeredet werden wissen es noch nicht. Aber es ist schon im Gang, was die Situation Israels von Grund auf ändern wird. „Wie ein Bote ist der noch ungenannte Kyros vom Gott Israels nach Babylon geschickt worden, um dort im Auftrag des für ihn fremden Gottes etwas Entscheidendes auszurichten.“(D. Schneider, aaO. S. 93) Was für eine Sichtweise: Um euretwillen habe ich nach Babel geschickt. Für diesen hoffnungslosen Haufen hat Gott die Weltgeschichte weiter gedreht.

 Ein Wandel ohnegleichen wird eingeleitet. Gefängnistoren werden zerbrochen.  Siegerjubel wird zur Klage. Es ist Umsturz, die radikale Verwandlung der Verhältnisse. So wie ihn später eine junge Frau besingen wird:

„Er stößt die Gewaltigen vom Thron und erhebt die Niedrigen.“ Lukas 1,52

Hier, in diesem Geschehen über fünfhundert Jahre früher hat die Sängerin Maria die Vorlage für ihr Lied. Es ist die Überzeugung Israels, die aus diesen Worten des Propheten erwächst: Gott handelt in die Geschichte hinein. Sie geht nicht einfach nur ihren Gang.  Die Mächte und Mächtigen müssen Gott zu Diensten sein. So zu glauben, könnte von mancher Bangigkeit auch heute frei werden lassen. „selbst fliegen lernen“ weiterlesen

Zeugen gesucht

Jesaja 43, 8 – 13

8 Es soll hervortreten das blinde Volk, das doch Augen hat, und die Tauben, die doch Ohren haben! 9 Alle Heiden sollen zusammenkommen und die Völker sich versammeln. Wer ist unter ihnen, der dies verkündigen kann und uns hören lasse, was früher geweissagt wurde? Sie sollen ihre Zeugen aufstellen und beweisen, so wird man’s hören und sagen: Es ist die Wahrheit.

             Der Ton wechselt. Herausfordernd statt tröstend klingen die Worte. So, als spürte der, der so eindrücklich von seinem Erbarmen gesprochen hast, Widerstand gegen diese Worte. Gegen seine Suchbewegung ganz unten.

             Einmal mehr Rechtsstreit. Urteilsfindung im Kreis der Betroffenen. Wer ist das blinde Volk? Wer sind die Tauben, die doch Ohren haben? Die Heiden, von denen sofort die Rede ist? Sie werden ja hier in den Gerichtskreis gerufen. Sie werden zur Auskunft gefordert, ob es unter ihnen jemand gegeben hat, der Zukunft nicht nur irgendwie vermutet hat, sondern sie angesagt und herauf geführt hat.:

Es ist gut, sich zu erinnern, an Worte  – des HERRN! – bei der Berufung des ersten Jesaja.  „Geh hin und sprich zu diesem Volk: Höret und verstehet’s nicht; sehet und merket’s nicht! Verstocke das Herz dieses Volks und lass ihre Ohren taub sein und ihre Augen blind, dass sie nicht sehen mit ihren Augen noch hören mit ihren Ohren noch verstehen mit ihrem Herzen und sich nicht bekehren und genesen.“(6,9-10) Das legt nahe: hier wird Israel, taub und blind, wie es sich gezeigt hat, von Gott in den Zeugenstand gerufen. Das Volk, über dessen äußeren und inneren Zustand sich Gott keine Illusionen macht.

Vielleicht darf man deshalb zwischen den Zeilen lesen: Gott macht einen neuen Anfang mit seinem Volk, diesen blinden und tauben Leuten. Es beginnt noch nicht gleich die Heilszeit, aber eine Zeit des Heilwerdens: „Dann werden die Augen der Blinden aufgetan und die Ohren der Tauben geöffnet werden.“(35,5)  Die Re-Vision nimmt ihren Anfang. Dafür braucht es nicht perfekte Leute. Gott kann auch mit Blinden und Tauben etwas anfangen. Nur eines braucht es: sie müssen sich rufen lassen. „Zeugen gesucht“ weiterlesen