Das Reich kommt

Markus 4, 30 – 34

30 Und er sprach: Womit wollen wir das Reich Gottes vergleichen, und durch welches Gleichnis wollen wir es abbilden?

             Eine Doppelfrage eröffnet die nächste Gleichnis-Erzählung. Warum diese Frage? Meine Überlegung: Sie dient einmal dazu, Aufmerksamkeit zu gewinnen. Sie dient aber auch dazu, die Zuhörer mit ihrem Überlegen mitzunehmen. „Der Redner wirbt um die Aufmerksamkeit seines Publikums.“ (J. Gnilka, aaO., S. 187) Er macht das geschickt, indem er sie auf die Spur setzt, selbst zu überlegen: Was sind angemessene Vergleichsmöglichkeiten für das Reich Gottes?

Damit ist Zweifaches erreicht: Einmal wird das eigene Nachdenken in Gang gesetzt und zum anderen ist klargestellt: Alles, was gesagt wird, ist nur ein Bild. Nicht schon die ganze Wirklichkeit des Reiches Gottes. Vom Reich Gottes können wir Menschen gar nicht anders reden als im Gleichnis.

In der Art, wie Jesus seine Gleichnis-Darstellung eröffnet ist er nahe bei dem, „wie die Rabbinen Bildreden einleiteten.“ (W. Grundmann, aaO. S.132) Er kann also davon ausgehen, dass seine Zuhörer so eine Art der Eröffnung kennen und sich auch darauf einlassen werden. Jesus tritt nicht nur als der völlig originelle Redner auf. Er ist auch in den traditionellen und anerkannten Redeformen seiner Zeit zuhause und bedient sich ihrer. „Das Reich kommt“ weiterlesen

Gott ist leise unterwegs

Markus 4, 26 – 29

26 Und er sprach: Mit dem Reich Gottes ist es so, wie wenn ein Mensch Samen aufs Land wirft 27 und schläft und aufsteht, Nacht und Tag; und der Same geht auf und wächst – er weiß nicht wie.

             Wieder ein Gleichnis. Eines vom Reich Gottes. Es erzählt eine Geschichte, wie sie in der Welt geschieht, um zu deuten, wie es mit dem Reich Gottes bestellt ist.  Es ist wieder ein Gleichnis, das um den Samen kreist, der aufs Land geworfen wird. Das verbindet diese Texte seit dem Anfang des vierten Kapitels.

 Das Auswerfen des Samens ist ein stilles Tun. Nichts Lautes, nichts Aufgeregtes. Nichts, was das Interesse der Massen weckt. Fast achtlos kann das beschriebene Tun wirken. Der Säemann hat seine Arbeit getan. Jetzt kann er gehen. „Er geht nach Hause, legt sich zum Schlafen nieder, steht am nächsten Tag wieder auf, und so geht das Nacht für Nacht und Tag für Tag.“ (W. Klaiber, aaO. S.99) Ist das Achtlosigkeit, Sorglosigkeit oder einfach das Wissen: Ich habe meine Arbeit getan. Eine große Gelassenheit?

„Was der Landmann, der wie ein Faulenzer erscheint sonst noch auf dem Acker zu tun pflegt, zu pflügen, zu eggen, zu jäten, ist gegenüber dem, was mit dem Samen im Acker geschieht, von untergeordneter Bedeutung.“ (J. Gnilka, aaO. S.184) Alle Betonung liegt darauf: Der Same wächst – ohne alles Zutun des Säemanns über den Vorgang der Aussaat hinaus. Er steht nicht da und wacht. Er weiß nicht, was geschieht. Er bekommt nicht mit, was geschieht. Aber der Same geht auf und wächst. Er folgt seiner Bestimmung. „Gott ist leise unterwegs“ weiterlesen

Gegen die Angst und die Enge

Markus 4, 21 – 25

21 Und er sprach zu ihnen: Zündet man etwa ein Licht an, um es unter den Scheffel oder unter die Bank zu setzen? Keineswegs, sondern um es auf den Leuchter zu setzen. 22 Denn es ist nichts verborgen, was nicht offenbar werden soll, und ist nichts geheim, was nicht an den Tag kommen soll. 23 Wer Ohren hat zu hören, der höre!

             Einmal mehr lohnt die Frage: In welchem Zusammenhang kann Jesus so etwas sagen? Wer oder was lässt ihn diesen Worte finden? Eine Möglichkeit, die man erwägen kann – er antwortet damit auf Warnungen. Auf die Ermahnung, doch nicht so stürmisch zu sein, nicht so eilig in seinem Vorgehen. Mehr Rücksicht zu nehmen, Missverständnisse einzukalkulieren und nicht noch zu provozieren. „Wenn eine Vermutung gewagt werden darf, so dürfte das Logion am ehesten sinnvoll sein, wenn Jesus es auf sich selbst bezogen. Etwa in einer Lage, in der man ihm zuredete, sich nicht den Hass seiner Gegner zuzuziehen, ihn bat, sich zu schonen, ihn warnte, mag Jesus den Vergleich gewagt haben: Man zündet doch nicht eine Lampe an, um sie gleich wieder auszulöschen. Auf den Leuchter gehört sie.!“(J. Jeremias, Abba, 99-102 zit. nach: E. Drewermann, aaO. S. 334)

Die folgenden Worte sind Sprüche, keine Gleichnisse. Bildworte. Das Bild ist in sich klar: niemand kommt auf die Idee, ein Licht unter ein Gefäß zu stellen, unter eine Bank, wahlweise ist auch die Übersetzung „Bett“ – κλίνη,Bett, Lager, Speisesofa“ (Gemoll aaO. S.441) möglich – so dass es nicht weit hinaus leuchten kann. Sein Licht nicht ausstrahlen kann. So etwas zu tun, wäre geradezu widersinnig.

„Diese Art zu fragen, ist typisch für Jesu Gewohnheit, Alltagserfahrungen für geistliche Wahrheiten durchsichtig zu machen.“ (W. Klaiber, aaO. S.97) Worum es geht, wird wohl durch den Anschluss nach vorne, durch den größeren Zusammenhang klar: Es geht um das Wort. „Das Wort des Evangeliums will wie ein Licht die Welt erleuchten.“ (J. Gnilka, aaO. S.180) Es wäre gegen den Sinn allen Redens Jesu, wenn man das Wort verschweigen wollte. Ein schweigender Christus wäre ein Widerspruch in sich selbst Und Schweigen von Christus ist genauso ein Widerspruch in sich selbst.

In diesen Worten wird auch der Umgang Jesu mit seinen Jüngern gedeutet. Wenn er sie zur Seite nimmt, wenn er im Verborgenen mit ihnen redet, dann nicht, um sie in eine Geheimlehre einzuweihen. Das Christentum ist kein geheimer Mysterienkult. Sondern sein Lehren im Verborgenen ist Vorbereitung für ihr öffentliches Reden. Für ihr Zeugnis vor aller Welt. Es ist das Wesen des Reiches Gottes, dass es die ganze Welt meint und nicht einen Winkel, nicht eine auserwählte Schar einiger weniger.

Wann immer wir uns als Kirche damit zufrieden geben, dass wir nur einen inneren Kreis erreichen, nur noch die Kerngemeinde, nur noch die „silbergraue Kirche“ der Alten, dass wir eine Sprache sprechen, die nur noch „Eingeweihte“ verstehen, dass wir vorzugsweise Lied-Texte singen, die den Staub von tausend Jahren an sich tragen, dass wir Musik machen, die aus der Zeit gefallen scheint, dass wir schier unüberwindliche Kulturgrenzen um den Gottesdienst hochziehen, dann verleugnen wir diese Grundbewegung, die in den Worten Jesu liegt: Das Evangelium soll zu Tage treten, laut ausgerufen werden, unter die Leute kommen. Auch und gerade unter die Leute, die ganz gut ohne Gott auszukommen scheinen.   „Gegen die Angst und die Enge“ weiterlesen

Gutes Land

Markus 4, 10 – 20

10 Und als er allein war, fragten ihn, die um ihn waren, samt den Zwölfen, nach den Gleichnissen.

Die Zwölf, aber nicht nur sie, haben zwar gehört, aber irgendwie ist da auch das Gefühl: Da sind Fragen offen. Sie scheinen nicht zu wissen, was sie mit dem Gehörten anfangen sollen. Es ist ein größerer Kreis als nur der Zwölferkreis, der sich um Jesus schart und Auskunft erbittet. Das ist einer der so kargen Hinweise darauf, dass sich mehr Leute um Jesus gesammelt haben als nur die Zwölf.

„Die Formulierung im Plural „nach den Gleichnissen“ und die griechische Zeitform von „fragten“ weisen auf eine immer wieder vorkommende grundsätzliche Fragestellung hin.“ (W. Klaiber, aaO. S.92) Es ist also so, dass die auf den ersten Blick so einleuchtenden und einfachen Gleichnisse in Wahrheit immer neu dazu nötigen, nachzufragen, nachzudenken, ihrem tieferen Sinn auf die Spur zu kommen.

11 Und er sprach zu ihnen: Euch ist das Geheimnis des Reiches Gottes gegeben; denen aber draußen widerfährt es alles in Gleichnissen, 12 damit sie es mit sehenden Augen sehen und doch nicht erkennen, und mit hörenden Ohren hören und doch nicht verstehen, damit sie sich nicht etwa bekehren und ihnen vergeben werde.

Gleichnisse sind Geheimnis-Worte. Sie transportieren das Geheimnis des Reiches Gottes. Sie sind nicht nur Enthüllung von Selbstverständlichkeiten, sondern zugleich auch Verhüllung. Hängt es am Hören? Die einen gewinnen Durchblick, die anderen stehen vor lauter „Rätseln.“ So kann man das griechische Wort für Gleichnisse – παραβολαῖς – auch übersetzen! Was kaum, trotz des Jesaja-Zitats gemeint sein dürfte: hier wird ein vor aller Zeit längst beschlossener Heils- oder eben Unheilswille Gottes vollstreckt. Sondern es ist wohl so verstehen: Im Hören und Nicht-Hören, im Sehen oder Nicht-Erkennen wird sichtbar, wie jemand zu Jesus steht.

Das Geheimnis aber ist nicht irgendein verborgener Inhalt – sondern er selbst, der die Gleichnisse erzählt. „Im Zusammenhang des Wirkens Jesu ist das Geheimnis des Reiches Gottes seine in Jesu Worten und Taten schon wirksame, aber noch verborgene Gegenwart.“ (W. Klaiber, ebda.) An ihm entscheidet sich, ob Sehen wirklich Sehen ist oder doch Blindheit, ob Hören wirklich Hören ist oder doch eben nur Schall wahrnehmen. Nur wer Jesus als den Messias hört, als den Christus, dem werden die Gleichnisse zur Wegweisung. Den anderen bleiben sie verschlossen.

Das also gibt es: ein akustisches Hören, das nicht zum Verstehen führt. Ein optisches Sehen, das gleichwohl blind bleibt für die Wirklichkeit hinter der Wirklichkeit.  Es gibt diesen Unterschied zwischen Hören und ergriffen werden, Sehen und verstehen. Was einer intellektuell erfasst muss ihn noch lange nicht existentiell berühren.  Allein das aber, dies existentielle Berührung nennt die Bibel erkennen, nennt wohl auch Jesus in Wahrheit erkennen.

Man kann und darf den Schluss von V. 12 auch so übersetzen: „Vielleicht kehren sie um und ihnen wird vergeben.“ Dann ist klar: Die Gleichnisse werden nicht mit dem Ziel der Verstockung erzählt, nicht um Menschen in die Irre laufen zu lassen. Sie ersparen vielmehr nicht das offene, ehrliche, demütige Fragen. Nach dem, was hinter den Worten steckt. Nach ihm, der hinter den Worten steht.

13 Und er sprach zu ihnen: Versteht ihr dies Gleichnis nicht, wie wollt ihr dann die andern alle verstehen?

So gelesen ist das Fragen derer um ihn und der Jünger auch nicht von Jesus getadelt, sondern es wird ihm zum Anlass zu erklären. Sie wollen ja wissen, was gilt. Sie wollen verstehen. Sie nehmen nicht einfach hin und finden sich mit ihrem Nichtverstehen ab. Es wird sich auf dem Weg wiederholen: die Jünger verstehen nicht alles und sie verstehen nicht gleich. Entscheidend ist, dass sie fragen und sich von Jesus zum Verstehen führen lassen.

Auf uns gemünzt: Es ist nicht gefährlich und kein Grund zur Panik, wenn man nicht alles am Evangelium gleich begreift. Es ist eher gefährlich so zu tun, als hätte man alles verstanden, sofort und für immer. Sich mit dem zufrieden zu geben, was man meint, gelernt zu haben. Sich aus der Schule Jesu zu entlassen: Ich bin ja getauft und konfirmiert. Das reicht. Der Weg des Glaubens ist aber ein Weg des lebenslangen Lernens. Darin ist der Glauben höchst modern. Wer aus diesem Weg aussteigt, an irgendeinem Lernpunkt Schluss macht mit Lernen, Hören, Fragen, der verliert den Anschluss.

Die Antwort Jesu auf ihr Fragen ist eine Deutung des Gleichnisses. Er will, dass sie verstehen.

14 Der Sämann sät das Wort. 15 Das aber sind die auf dem Wege: wenn das Wort gesät wird und sie es gehört haben, kommt sogleich der Satan und nimmt das Wort weg, das in sie gesät war. 16 Desgleichen auch die, bei denen auf felsigen Boden gesät ist: wenn sie das Wort gehört haben, nehmen sie es sogleich mit Freuden auf, 17 aber sie haben keine Wurzel in sich, sondern sind wetterwendisch; wenn sich Bedrängnis oder Verfolgung um des Wortes willen erhebt, so fallen sie sogleich ab. 18 Und andere sind die, bei denen unter die Dornen gesät ist: die hören das Wort, 19 und die Sorgen der Welt und der betrügerische Reichtum und die Begierden nach allem andern dringen ein und ersticken das Wort, und es bleibt ohne Frucht. 20 Diese aber sind’s bei denen auf gutes Land gesät ist: die hören das Wort und nehmen’s an und bringen Frucht, einige dreißigfach und einige sechzigfach und einige hundertfach.

Es geht um das Wort. Heißt: Um die Verkündigung Jesu. Denn er ist – auch wenn das nicht ausdrücklich gesagt wird, der Sämann. Er lehrt ja in Galiläa, im Haus, auf dem Berg, am See. Er predigt, erzählt Gleichnisse. Er lehrt auch durch sein Tun.

Λόγος – das Wort ist der Terminus für die Verkündigung des Evangeliums. Was hier in der Gleichnis-Deutung beschrieben wird, ist die Erfahrung, die der Verkündiger Jesus macht, in Galiläa und darüber hinaus. Aber nicht nur er. Diese Erfahrung machen „alle, die sich der Verkündigung verschrieben haben, zunächst Jesus, dann alle, die als Verkünder und Missionare in seiner Nachfolge tätig sind.“ (J. Gnilka, aaO. S.174) Das gilt für die erste Gemeinde, für die Markus schreibt, aber auch über alle Zeiten hinweg für die Gemeinden heute, die vergleichbare Erfahrungen machen.

Die Verkündigung, das Wort findet unterschiedlichen Widerhall, unterschiedliches Echo. Es ist eben nicht so, dass es überall fruchtet. Da ist eine erste Gruppe, deren Frucht ausbleibt, weil der Satan sie wegreißt. Es liegt nicht an der Bodenbeschaffenheit, weil der Weg so hart ist. Es liegt an den widrigen Umständen.

Es ist, am Anfang wie eine Entschuldigung. Dass es nicht zum fruchtbaren Hören kommt, hat auch mit äußeren Umständen zu tun. In der Sprache des Markus: dem Satan. Der mich als Erklärung eher ratlos lässt. Ich kenne andere äußere Faktoren: „Das ist doch Schnee von gestern. Priesterbetrug. Alte Märchen. Gott – das braucht kein Mensch. Zumindest kein aufgeklärter, intelligenter selbstbestimmter Mensch.“ Es gibt ein intellektuelles und gesellschaftliches Klima, das dem verkündigten Wort den Boden zu entziehen sucht. Ob man es deshalb satanisch nennen muss?

Die zweite Begründung: Menschen ohne Tiefgang. „Es sind Augenblicksmenschen und sie werden bei den ersten Schwierigkeiten wankelmütig.“ (J. Gnilka, aaO. S.175) Ihre Verbindung zum Glauben ist oberflächlich. Das zeigt sich, wenn der Glaube keine Erfolgsgeschichte zu werden verspricht, sondern Gegenwind einbringt. Für die erste Gemeinde: gesellschaftliche Isolation, Ausgrenzung, Beobachtung durch Staatsorgane, Ausschluss aus der frühere Religionsgemeinschaft. Der Glaube scheint sich nicht zu lohnen. Warum also daran festhalten? Austrittswellen im Dritten Reich, in der DDR, aber auch zu Zeiten, in denen man doch Kirchensteuer in beträchtlicher Höhe sparen kann, zeigen: solche Oberflächlichkeit findet sich zu allen Zeiten.

Dann gibt es den Glauben, der im Alltag zerbricht, scheitert. Weil die Sorgen der Welt die Hoffnungen auffressen, weil die Ängste die Zuversicht verschlingen, weil der Kummer die Freude am Glauben zum Erlöschen bringt. Wenn dann noch dazu kommt, dass es anderen gut geht, denen, die sich aus dem Glauben nichts machen, wenn sie sorgenfrei durchs Leben gehen, ihnen der Erfolg nachläuft – was spricht dann noch dafür, sich diesen „Rucksack Glauben“ aufzubürden, der das Leben nicht einfacher, sondern schwieriger macht. Der keinen Erfolg garantiert und keine Erfolgsgeschichte freisetzt, sondern alles verkompliziert, weil man immer noch danach fragen muss, was denn Gott von den eigenen Ideen und Maßnahmen hält. Da ist für manchen, der einmal mit dem Glauben angefangen hat, das Ende der Fahnenstange erreicht. Und Gott und sein Wort bekommen den Abschied.

Das ist oftmals eher ein schleichender Prozess der inneren Entfremdung als ein lauter Knall. Es sind nicht die großen tragischen Ereignisse, sondern oft genug ist es einfach ein zermürbender Alltag und der Verlust einer tragenden Gemeinschaft, der so das Wort ohne Frucht bleiben lässt. Es sind „die kleinen Füchse, die die Weinberge verderben.“ (Hohes Lied 2,15) Nicht die großen Dramen.

Am Ende aber der helle Ausblick. Es gibt auch fruchtbares Hören. Frucht im Leben von Menschen, die gehört haben. „Sie hören, aber – wie unterschiedliche griechische Verbformen andeuten – nicht punktuell, wie die anderen, sondern ständig. Und sie nehmen das Wort in ihr Leben auf, heißen es willkommen und geben ihm weiten Raum.“ (W. Klaiber, aaO. S.95) Sie werden verwandelt durch das Wort. Dass sie fruchtbar sind, liegt nicht an einer seelischen Disposition, nicht an einer höheren menschlichen Qualität – es liegt an der Langzeitwirkung: Jesus im Johannes-Evangelium sagt: sie bleiben. Das ist das Geheimnis des Fruchtbringens: an Jesus bleiben.

Zum Weiterdenken

Die Frage bleibt: Was fange ich mit dieser Deutung des Gleichnisses an? Ich kenne Predigten über das Vierfache Ackerfeld, die auf eine Selbstprüfung hinauslaufen: „Mensch, bedenke, wie es um dein Aufnehmen des Wortes bestellt ist.“ Aber es stimmt doch: „Der Boden kann in seiner Beschaffenheit nicht geändert werden!“(J. Gnilka, aaO. S.176) Genauer: er kann sich doch nicht selbst ändern. Bodenverbesserungen heutigen Stils durch Kunstdünger etc. sind nicht im Blick, geben auch nichts für das Verstehen her.

Ein eher persönlicher Gedanke, beim Nachdenken geht er mir auf und leuchtet mir ein: Ich „bin“ nicht nur das, was ich mir zu sein wünsche – gutes Land. Ich kenne auch das andere, dass mir die Sorgen und Begierden, die Anforderungen des Alltags das Vertrauen überwuchern und ersticken, dass meine Aufmerksamkeit eher oberflächlich ist, dass ich höre, aber auch nicht höre. Ich kenne in meinem eigenen Herzen die leise Stimme, die Zweifel anmeldet, die den Glauben zum Hirngespinst erklärt. Ich bin dem oft genug geradezu hilflos ausgeliefert. Weil ich mich eben nicht selbst qualitativ, als „Land“ auf den Level „gutes Land“ bringen kann. Alles hängt an der Qualität des Samens, des Wortes. Dass es wirkt, was es soll und will.

Es wird wohl so sein: „Als der eigentliche Boden der vielfältigen Saat ist das menschlich Herz zu sehen.“(E. Drewermann, aaO. S. 328) Dann ist Hoffnung, weil Gott seit alters her neue Herzen schenken will, alte Herzen verwandeln: „Und ich will euch ein neues Herz und einen neuen Geist in euch geben und will das steinerne Herz aus eurem Fleisch wegnehmen und euch ein fleischernes Herz geben. Ich will meinen Geist in euch geben und will solche Leute aus euch machen, die in meinen Geboten wandeln und meine Rechte halten und danach tun.“(Hesekiel 36, 26-27) Die Sehnsucht, der Zweifel und der Glaube fragen: Wann? Wann endlich ist es so weit? Die Antwort, ganz in der Spur der Gleichnisse: „Im Allerkleinsten ist das Allergrößte schon da. Im Jetzt hebt das Geschehen schon an, freilich in der Verborgenheit. Diese Verborgenheit der Königsherrschaft Gottes will geglaubt werden in einer Welt, die noch nichts davon erkennt.“(J. Jeremias, aaO. S. 104).

Es ist nicht gleich zu sehen. Aber in diesen Worten steckt auch eine Verheißung: „Die Welt ist nicht verworfen. Sie ist sogar berufen. Sie ist zum Acker berufen. Ja, sie ist nicht nur berufen, sondern auch bestellt. Bestellt mit den Samen des Reiches.“ (P. Schütz, Evangelium, Bd. I Gesammelte Werke, Hamburg 1972, S.266)

So gelesen geht es um eine Ermutigung an die Boten, an die, die das Wort aussäen. Sie sollen sich unabhängig machen vom Effekt, von der Bodenbeschaffenheit. Das ist kein Plädoyer für ein Verzicht auf genaue Höreranalyse, für den Verzicht auf die Frage: Welche Sprache sprechen die Menschen, zu denen ich rede? Wie denken sie? Welche Bilder verstehen sie und welche Sätze langweilen sie? Das sind wichtige Fragen – aber sie garantieren noch keinen „Erfolg“, auch keine Frucht.

Das Gleichnis und seine Deutung gehen einen anderen Weg. Sie gehen davon aus, dass das Wort ausgesät werden muss. Dazu braucht es Säe-Männer und Säe-Frauen. Ihr Auftrag ist schlicht: säen. Sie sollen einen langen Atem behalten, denn am Schluss wird doch die Frucht stehen. Dass sie das Wort aussäen, das sind sie der Welt und ihrem Auftraggeber schuldig So wird aus dem Gleichnis und seiner Deutung eine Ermutigung zum Durchhalten.

 

Herr Jesus, Du hast mit langem Atem das Wort ausgeteilt. Gib Du uns den langen Atem, dass wir an Deinem Wort bleiben, dass wir es zu Herzen nehmen, dass wir es miteinander teilen.

Gib Du, dass Dein Wort tut, wozu Du es ausgesät hast, dass es Frucht bringt in unserem Leben, in meinem Denken und Fühlen, Reden und Tun, Frucht in meinem Glauben. Amen

Schlicht: Aussaat

Markus 4, 1 – 9

1 Und er fing abermals an, am See zu lehren. Und es versammelte sich eine sehr große Menge bei ihm, sodass er in ein Boot steigen musste, das im Wasser lag; er setzte sich, und alles Volk stand auf dem Lande am See. 2 Und er lehrte sie vieles in Gleichnissen; und in seiner Predigt sprach er zu ihnen:

Abermals. Durch diese Wortwendung qualifiziert Markus die vorigen Worte Jesu als Lehre. Sie sind nicht nur ein Gelegenheitsentscheidung. Sie haben langfristig Gewicht. Sie sind schon Lehre. Ortswechsel vom Haus an den See. Das Gedränge der sehr großen Menge bleibt das gleiche, sodass er in ein Boot steigen musste. Die Leute hängen, wie so oft schon, an seinen Lippen. Es ist die im Judentum der Zeit typische Situation: der Lehrer sitzt, die Schüler, hier: das Volk, stehen. Die Wahl des Bootes hat guten Grund: „Das Boot schafft eine gewisse Distanz – das scheint nicht nur akustisch wichtig zu sein.“ (W. Klaiber, aaO. S. 88)

Gleich zweimal lehren. διδάσκειν Es sind keine Lehrvorträge, wie wir sie mit dem Wort lehren verbinden. Keine theoretischen Darlegungen darüber, wie man sich Gott zu denken hat. Keine Lehrsätze: Gott ist nur einer. Gott ist allmächtig, allwissend, allgegenwärtig. Sondern er lehrt, indem er Geschichten erzählt, Gleichnisse. παραβολαῖς. „Zwei Dinge werden einander gleichgestellt und sollen miteinander verglichen werden.“ (W. Grundmann, aaO., S.118) Das Spannende am Gleichnis ist, das es nicht einfach erklärt, sondern den Hörer herausfordert, selbst Erklärungen zu suchen, sich selbst den Zusammenhang zu erschließen. Die Hörer und Hörerinnen werden darin ernst genommen, dass sie selbst urteilsfähige Leute sind.

Der Hinweis, dass er vieles in Gleichnissen lehrt, erschließt auch: „Markus gibt zu verstehen, dass er nur einen Ausschnitt aus Jesu Lehre bietet“ (J. Gnilka, aaO. S.158), nur eine kleine Auswahl. Er hat bei weitem nicht alles aufgeschrieben, was als Gleichnisse, als Worte Jesu im Umlauf war.

Es ist ein bisschen verwirrend: wo die Luther-Übersetzung „Predigt“ liest, steht im Griechischen διδαχή. „Lehre, Unterricht, Unterweisung“ (Gemoll, aaO. S. 213) Das ist deshalb wichtig, damit sich im heutigen Leser nicht das Bild festsetzt, das wir mit Predigt verbinden – Jesus ist kein Kanzelredner. Näher liegt wohl die Assoziation Straßenredner, Sprecher bei einem Auflauf, Redner im Hyde-Park in London. „Schlicht: Aussaat“ weiterlesen

Wo ist ein Gott wie Du?

Micha 7, 8 – 20

8 Freue dich nicht über mich, meine Feindin! Wenn ich auch darniederliege, so werde ich wieder aufstehen; und wenn ich auch im Finstern sitze, so ist doch der HERR mein Licht.

Wer ist die Feindin? Hat sie schon Siegesgesänge angestimmt, weil Samaria zerstört ist und Jerusalem vor dem Fall steht? Dann könnte man an die Jahre um 701 denken. Und die Feindin könnte „Babel oder eines der Nachbarvölker in Palästina“(A. Weiser, aaO. S. 289) sein. Wie auch immer – trotz der desaströsen Lage regt sich Hoffnung. Hoffnung auf ein neues Aufstehen, Hoffnung auf Licht im Dunkel. Es liegt nahe: Die trotzige, glaubensstarke Haltung des Propheten hat „abgefärbt“ – auf das Ich, das hier das Wort nimmt. Auf die Stadt, die darniederliegt.

9 Ich will des HERRN Zorn tragen – denn ich habe wider ihn gesündigt –, bis er meinen Rechtsstreit führe und mir Recht schaffe. Er wird mich ans Licht bringen, dass ich meine Freude an seiner Gerechtigkeit habe. 10 Meine Feindin wird’s sehen müssen und in Schande dastehen, die jetzt zu mir sagt: Wo ist er, der HERR, dein Gott? Meine Augen werden’s sehen, dass sie dann wie Dreck auf der Gasse zertreten wird.

Das ist die Anerkennung eigener Schuld, ein Bußwort. „Es gibt sehr wohl den Zorn Gottes über unsere Sünden, aber er dauert nur solange, bis wir sie bekennen und aufrichtig bereuen.“(D. Schibler, aaO. S. 121) Mit dieser Ankerkennung wird der Weg nach vorne frei. Und Gott wird sich als der erweisen, der auf das Eingeständnis der eigenen Schuld antwortet – nun eben nicht mit Urteil und Vernichtung, sondern mit Erbarmen. Mit seiner Gerechtigkeit, die keinen fallen lässt, auch die nicht, die sich hoffnungslos in eigene Schuld verstrickt haben. Gott wird seiner Stadt, seine Volk Recht schaffen. „Wo ist ein Gott wie Du?“ weiterlesen

Wehe mir

Micha 7, 1 – 7

1 Ach, es geht mir wie einem, der Obst pflücken wollte, der im Weinberge Nachlese hielt, doch keine Traube gab’s zu essen, keine Frühfeige, nach der ich verlangte!

Wer ist der, der hier so spricht? Der Prophet? Oder Gott? Diese Sätze haben eine Parallele im Weinberglied des Jesaja: „Mein Freund hatte einen Weinberg auf einer fetten Höhe. Und er grub ihn um und entsteinte ihn und pflanzte darin edle Reben. Er baute auch einen Turm darin und grub eine Kelter und wartete darauf, dass er gute Trauben brächte; aber er brachte schlechte.“(Jesaja 5, 1 – 2) Die Ernte fällt aus. „Auch die genaueste Nachlese erbringt nicht die erhofften Lichtblicke.“(D. Kinet, aaO. S. 150) Der Frucht sucht, steht mit leeren Händen da – betrogen um seine Mühe.

2 Die frommen Leute sind weg in diesem Lande, und die Gerechten sind nicht mehr unter den Leuten. Sie lauern alle auf Blut, ein jeder jagt den andern, dass er ihn fange. 3 Ihre Hände sind geschäftig, Böses zu tun. Obere und Richter fordern Geschenke. Der Gewaltige redet nach seinem Mutwillen, und so verdrehen sie alles. 4 Der Beste unter ihnen ist wie ein Dornstrauch und der Redlichste schlimmer als eine Dornenhecke.

Diese Fruchtlosigkeit gilt für die guten Früchte. Schlechte Früchte dagegen gibt es in Hülle und Fülle. Das Unrecht blüht, die Korruption ist ein einträgliches, normales Geschäftsmodell. Gewalt überall. Die Wahrheit wird verdreht, die Lüge feiert Triumphe. Das alles führt dazu, dass die frommen Leute emigrieren, auswandern. Die Gerechten, denen an chæsæd liegt, an Güte und Gerechtigkeit und die man deshalb chasid nennen kann, sind nicht mehr zu finden. Das heißt auch: Um Micha wird es einsam. Darum auch ein Seufzer: Ach, Weh mir. „Wehe mir“ weiterlesen

Mehr als ein Prozess

Micha 6, 1 – 16

1 Hört doch, was der HERR sagt: »Mach dich auf, führe einen Rechtsstreit mit den Bergen, auf dass die Hügel deine Stimme hören!« 2 Hört, ihr Berge, den Rechtsstreit des HERRN, ihr starken Grundfesten der Erde; denn der HERR will mit seinem Volk rechten und mit Israel ins Gericht gehen!

Das ist die Aufforderung zu einem Rechtsstreit. Zu eine ordentlichen Verfahren vor Gericht. Mit Zeugen, mit Klagen und Gegenreden. Diese Vorstellung, dass Gott zu einem regelrechten Gerichtsverfahren ruft, ist nicht so selten, vor allem bei den Propheten nicht. Jesaja kennt das, Hosea auch und ebenso der spätere Hesekiel. Es ist prophetische Überzeugung: Gott stellt sein Volk in solchen Verfahren, aber zugleich stellt er auch sich und entzieht sich dem Verfahren nicht. „Der Prophet ist aufgerufen, im Namen Jahwes einen Rechtsstreit gegen das Volk zu führen. Berge und Hügel werden als zeugen herbeizitiert, so dass die Auseinandersetzung in der größtmöglichen Öffentlichkeit stattfinden kann.“(D. Kinet, aaO. S. 145)

Es mag für heutige Leser*innen ungewohnt sein. Aber Micha – und nicht nur er unter den Propheten – glaubt an einen streitbaren Gott. Gott ist nicht soft, zieht bei Widerstand nicht erschrocken zurück, sucht nicht den faulen Frieden, weil er Streit fürchtet. Mag sein: wer streitet, macht sich unbeliebt. Er gilt als rechthaberisch, weil er sein Recht behauptet. Man sammelt keine Sympathien, wenn man andere vor Gericht zerrt. Gott, so scheint es, hat keine Angst vor dem Entzug von Zustimmung. Ihm geht es um die Wahrheit. Um Klarheit in der Beziehung zu seinem Volk.

3 »Was habe ich dir getan, mein Volk, und womit habe ich dich beschwert? Das sage mir! 4 Habe ich dich doch aus Ägyptenland geführt und aus der Knechtschaft erlöst und vor dir her gesandt Mose, Aaron und Mirjam.

Wenn das Volk Grund zur Klage hat – jetzt ist dafür Raum und Zeit. Hat Gott nur Ansprüche gemacht? Nur den HERRN gegeben – ohne jede Gegenleistung oder Vorleistung? „Micha spielt mit zwei im Hebräischen gleichlautenden Wörtern, nämlich „ermüden“ (hæl᾽etika)und „herausführen“ (hæ‛ælitika)Frei übersetzt lautet die Frage ungefähr so: „Habe ich dich etwa fallen lassen? Habe ich dich nicht herausgeführt?“(D. Schibler, aaO. S. 98)

Es ist ja der Verdacht bis heute: Gott macht Ansprüche, aber es gibt keinen Grund dafür. Jeder Konfirmand hat es gelernt: „Ich bin der Herr, dein Gott. Du sollst keine anderen Götter haben neben mir.“(M. Luther, Kleiner Katechismus, EG 806,1) Ausgefallen ist, woran Micha erinnert: „Ich bin der HERR, dein Gott, der ich dich aus Ägyptenland, aus der Knechtschaft, geführt habe.“(2. Mose 20,2) Das ist Gottes Argument: Du beschwerst dich, du Volk. Aber ich habe dich aus Ägyptenland geführt und aus der Knechtschaft erlöst. Ich habe dir Freiheit gegeben. Gott hat Israel nicht allein gelassen – Mose, Aaron und Mirjam sind seine Gesandten gewesen, Führer auf dem Weg. Hilfen Gottes.

5 Mein Volk, denke doch daran, was Balak, der König von Moab, vorhatte und was ihm Bileam, der Sohn Beors, antwortete; wie du hinüberzogst von Schittim bis nach Gilgal, damit du erkennst, wie der HERR dir alles Gute getan hat.«

Es ist der Versuch Gottes, „sein Volk zur Vernunft zu bringen.“(D. Schieler, aaO. S. 97) Er appelliert an ihre Erinnerung, er will es ihnen vor Augen halten, dass er sie bewahrt hat., Segen statt Fluch, Leben statt Untergang. Er ist es doch, der sie von der letzten Station in der Wüste, Schittim hinübergeführt nach Gilgal, dem ersten Lager im Westjordanland. Das alles führt Gott nicht an, um sie anzuklagen, sondern um sie zurechtzubringen: damit du erkennst, wie der HERR dir alles Gute getan hat. Erinnerung hat als Ziel die Dankbarkeit. Es wäre ein seltsamer Umgang mit der Geschichte, würde man nur auf die Fehlleistungen schauen, würde man nur auf die Noterfahrungen schauen und nicht sehen wolle, die Augen verschließen:

„In wie viel Not hat nicht der gnädige Gott                                                                           über dir Flügel gebreitet.“                    J. Neander 1680, EG 316 „Mehr als ein Prozess“ weiterlesen

Worauf vertrauen wir?

Micha 5, 4b – 14

Wenn Assur in unser Land fällt und in unsere festen Häuser einbricht, so werden wir sieben Hirten und acht Fürsten dagegen aufstellen. 5 Sie werden das Land Assur mit dem Schwert weiden und das Land Nimrods mit ihren bloßen Waffen. So wird er uns von Assur erretten, wenn es in unser Land fallen und in unsere Grenzen einbrechen wird.

Darin muss sich der Friede bewähren, dass er der waffenstarrenden Weltmacht in den Arm fällt. Sieben Hirten und acht Fürsten – der König des Friedens ist nicht allein. Nicht machtlos und ohne Helfer. Allerdings: „Wer die gewaltigen Helfer des Messias sind, wird nur angedeutet.“(A. Weiser, aaO. S. 275) Ausdrücklich Menschenfürsten, keine himmlischen Heerscharen. Es reicht, dass sie Assur entgegentreten, selbst Kampfbereit und gerüstet.

6 Dann wird der Rest Jakobs unter vielen Völkern sein wie Tau vom HERRN, wie Regen aufs Gras, der auf niemand harrt noch auf Menschen wartet. 7 Und der Rest Jakobs wird unter den Nationen inmitten vieler Völker sein wie ein Löwe unter den Tieren im Walde, wie ein junger Löwe unter einer Herde Schafe, dem niemand wehren kann, wenn er einbricht, zertritt und zerreißt.

Der Rest Jakobs – ist das die Exilsgemeinde? Oder sind es Flüchtlinge aus dem Nordreich? Die Assoziation bei Rest ist nahliegend: Kümmerlicher Rest. Nur dass hier dieser kümmerliche Rest machtvoll, wirkungsvoll gesehen wird. Lebenspendend wie der Tau, der einfach da ist und dadurch wirkt. Tau macht nichts her, aber er ist auf trockenem Land ein Segen. Oder gewaltig wie ein Löwe, der sich seine Beute sucht und reißt. Es sind zwei sehr gegensätzliche Bilder, die hier zusammengefügt werden. Vielleicht hat diese Kombination bei Micha ihre spätere Fortsetzung in den Sprüchen gefunden: „Die Ungnade des Königs ist wie das Brüllen eines Löwen; aber seine Gnade ist wie Tau auf dem Grase.“(Sprüche 19,12) Es kann sein, Micha sieht es so, das es auf das Verhalten der Völker gegenüber diesem Rest ankommt, ob er Segen und Gefahr ist, lebenspendender Tau oder Leben raubender Löwe.

Die doppelt gebrauchte Wendung unter vielen Völkern bzw. unter den Nationen inmitten vieler Völker spricht dafür, dass Micha heimatlos Gewordene vor Augen hat. Verschleppt nach Assur. Es würde auch stimmen für die, die über hundert Jahre später verschleppt sind in die Gola, Nach Babylon. Beide mal gilt: „Mag die Lage von außen gesehen hoffnungslos sein, so sind doch die Verheißungen, die einst dem Volk von Gott gegeben wurden, nicht hinfällig geworden und das Dasein des Volkes ist nicht zur Zwecklosigkeit bestimmt.“(A. Weiser, aaO. S. 276) Auch für das zerstreute Volk gelten die Verheißungen Gottes. Ungebrochen. „Worauf vertrauen wir?“ weiterlesen

Er kommt

Micha 4, 9 – 5,4

9 Jetzt aber, warum schreist du denn so laut? Ist kein König bei dir? Und ist dein Ratgeber fort, dass dich die Wehen erfasst haben wie eine Gebärende? 10 Leide doch solche Wehen und stöhne, du Tochter Zion, wie eine Gebärende; denn jetzt musst du zur Stadt hinaus und auf dem Felde wohnen und nach Babel kommen. Dort wirst du errettet werden, dort wird dich der HERR erlösen aus der Hand deiner Feinde.

Genug Heil. Es kommt wieder Gericht. Es ist, als würde der Blick in die ferne Zukunft abgelöst durch den Blick auf eine unheilsschwangere Gegenwart. Der Ton dieser Bildrede liegt auf dem ausweglos Ausgeliefertsein. Man kann eine Geburt nicht in den Wehen stoppen, für eine Weile nach Gutdünken aussetzen. Darum darf die Tochter Zion stöhnen und schreien. Die Wehen gehen über sie und erschüttern sie. Und das, was zu gebären ist, muss regelrecht ausgetrieben werden. Es gibt keinen anderen Weg – Micha sieht schon die lange Schlange der Menschen, die aus Jerusalem heraus müssen auf den Weg nach Babel.

„Man kann fragen, ob die Nennung von Babel ursprünglich ist oder erst nach dem späteren Gang der Geschichte eingetragen wurde; für die Michazeit würde man eher vermuten, dass Assur genannt war.“(A. Weiser, aaO. S. 268) Wichtiger ist aber das andere: an diesem Ort des Exils, des Elends wird es einen neuen Anfang geben. Einen Anfang, den der HERR setzt. Ja, er ist der Richtende, aber eben auch der Rettende.

11 Jetzt aber haben sich viele Heiden wider dich zusammengerottet und sprechen: Zion sei entweiht; unsere Augen sollen sich daran weiden! 12 Aber sie wissen des HERRN Gedanken nicht und kennen seinen Ratschlag nicht, dass er sie zusammengebracht hat wie Garben auf der Tenne.

Das ist der Blick über die Mauern: Eine Truppe aus vielen Völkern belagert Jerusalem. Das legt eine Zeitzuordnung nahe: „Die assyrische Armee kann wegen ihrer höchst heterogenen Zusammensetzung treffend als viele Nationen bezeichnet werden.“(D. Schibler, aaO. S. 81) Es könnte also sein, die Worte führen in das Jahr der Belagerung durch Sanheribs Truppen im Jahr 701. Dazu passt, dass und was die Völker planen. „Sie haben ihren Zweck im Auge und ihre Macht zum Entscheidungsschlag zusammengeballt; Gott verfolgt jedoch einen anderen Plan.“(A. Weiser, aaO. S. 271)Sie wollen das Heiligtum entweihen. Sie wissen nicht, was ihnen droht – die wie Garben auf der Tenne sind. Denen auch schon das Gericht droht.

13 Darum mache dich auf und drisch, du Tochter Zion! Denn ich will dir eiserne Hörner und eherne Hufe machen, und du sollst viele Völker zermalmen und ihr Gut dem HERRN weihen und ihre Habe dem Herrscher der ganzen Welt.

Die Reaktion: Jerusalem wird zum Handeln aufgerufen. Nicht zur Ergebung, sondern zur Wehrhaftigkeit. Gott selbst wird es stark machen, sich zu wehren. Die das Volk wie mit einem Dreschschlitten zermalmen wollen, werden selbst zum Dreschgut werden. Die den Tempel entweihen wollen, werden erleben, wie das Beutegut aus ihren Besitz Gott geweiht wird. „Er kommt“ weiterlesen