Mit leeren Händen – willkommen

Philipper 3, 1 – 11

1 Weiter, liebe Brüder: Freut euch in dem Herrn! Dass ich euch immer dasselbe schreibe, verdrießt mich nicht und macht euch umso gewisser.

            Das ist ein Grund-Ton in diesen Brief: Freut euch in dem Herrn! Kein Befehl, sondern eine Ermutigung zur Freude. Eine Erinnerung daran, dass es ein Glück ist, eine Lust ist, mit Christus zu leben. Weil das Leben mit ihm einen weiten Horizont hat, der nicht am Tod endet. Diese Erinnerung  kann man vermutlich gar nicht oft genug wiederholen, weil sie sich sonst so leicht unter den Bedingungen des Alltags verflüchtigt.

Wir fragen: „Alle Jahr wieder“ – was soll daran schon Grund zur Freude sein?  Paulus aber denkt so: Das immer gleiche Evangelium, dass wir Gott recht sind, weil er uns sich recht sein lässt – wie sollte einen das nicht freuen? Nicht jubeln lassen? Dass Gott sich durch nichts von uns trennen lässt und dass uns nichts aus seiner Hand reißen kann – weder Tod noch Leben, weder Hohes noch Zukünftiges. Weder Glück noch Schmerz – wenn das kein Grund zur Freude ist! In allen Wechselfällen des Leben gehalten und geborgen in Christus. „Wer in Christus ist, kann allezeit fröhlich sein.“ (G. Friedrich, aaO. S. 158) Darum:

            In dir ist Freude in allem Leide, o du süßer Jesu Christ!
Durch dich wir haben himmlische Gaben, du der wahre Heiland bist;
hilfest von Schanden, rettest von Banden.
Wer dir vertrauet, hat wohl gebauet, wird ewig bleiben. Halleluja.
Zu deiner Güte steht unser G’müte, an dir wir kleben im Tod und Leben;
nichts kann uns scheiden. Halleluja.                  C. Schnegass 1598 , EG 398

             Täglich zu singen. Besonders in schweren Zeiten. Es ist gut, dass das Lied, das so jubelt, die Wechselfälle des Lebens nicht ausspart. Es gibt eine Freude trotz der Schattenspiele, die das Leben mit sich bringt. „Mit leeren Händen – willkommen“ weiterlesen

Keine Überflieger

Philipper 2, 19 – 30

19 Ich hoffe aber in dem Herrn Jesus, dass ich Timotheus bald zu euch senden werde, damit ich auch erquickt werde, wenn ich erfahre, wie es um euch steht.

            Paulus ist auf seine Mitarbeiter angewiesen. Hier auf Timotheus. Ihn will er nach Philippi schicken. Es wirkt seltsam verhalten: Ich hoffe aber in dem Herrn Jesus, dass ich Timotheus bald zu euch senden werde, Dahinter stecken Planungsvorbehalte. Nicht, dass Paulus nicht weiß, was er will. Aber er weiß nicht, ob er auch kann. Diese Vorsicht erinnert an die Vorsicht, die ein anderer Briefautor für unerlässlich hält: „Wenn der Herr will, werden wir leben und dies oder das tun.“(Jakobus 4,15)

 Die Hoffnung, die Paulus im Blick auf diese Sendung des Timotheus hat, ist, durch ihn Nachrichten zu erhalten, gute Nachrichten. Es wird, so denkt  Paulus, gut tun, von der Gemeinde zu hören, von ihrem Weg, von ihrem Glauben, vom Miteinander in Philippi. Gutes zu hören tut gut. Wenn das stimmt – warum erzählen wir uns heutzutage immerzu von den Problemen „rund um die Kirche“ und nicht mehr von dem, wo es gute Erfahrungen gibt?

20 Denn ich habe keinen, der so ganz meines Sinnes ist, der so herzlich für euch sorgen wird. 21 Denn sie suchen alle das Ihre, nicht das, was Jesu Christi ist. 22 Ihr aber wisst, dass er sich bewährt hat; denn wie ein Kind dem Vater hat er mit mir dem Evangelium gedient. 23 Ihn hoffe ich zu senden, sobald ich erfahren habe, wie es um mich steht.

Timotheus ist nicht irgendwer. Paulus startet eine regelrechte Lobrede auf ihn. Alles, was er schreibt, zeichnet Timotheus aus – sein Name auf Deutsch: „Gottesfürchtiger,  Gottesverehrer“  -, kennzeichnet ihn als einen nach dem Herzen des Paulus. Mit ihm ist er ganz einig, von ihm ist er völlig überzeugt. In diesen Lob-Sätzen über diesen einen Mitarbeiter schwingt auch Bitterkeit mit, über andere, nicht namentlich genannte Weggefährten. Es ist auch ein „Wort der Enttäuschung über seine engsten Mitarbeiter.“ (G. Friedrich, aaO. S. 156) Man kann es förmlich mithören: Wie schade, dass nicht mehr so sind wie dieser eine.    „Keine Überflieger“ weiterlesen

Alles, um an Christus festzuhalten

Philipper 2, 12 – 18

12 Also, meine Lieben, – wie ihr allezeit gehorsam gewesen seid, nicht allein in meiner Gegenwart, sondern jetzt noch viel mehr in meiner Abwesenheit – schaffet, dass ihr selig werdet, mit Furcht und Zittern. 13 Denn Gott ist’s, der in euch wirkt beides, das Wollen und das Vollbringen, nach seinem Wohlgefallen.

            Jetzt landet Paulus wieder in der Realität. Schließt an die vorangegangenen Worte an: Also. Darum. στε. Wieder so unscheinbar und doch wichtig, weil es zeigt: eines folgt aus dem anderen. Was er jetzt sagen wird, sind nur Konsequenzen, die sich aus dem Singen des Hymnus ergeben. Man kann nicht solche Lieder singen und weitermachen wie gehabt. Was er jetzt sagen wird, sagt er geliebten Leuten.γαπητο μου.Meine Geliebten.“ So herzlich ist seine Beziehung zu ihnen. Das braucht er aber auch, weil das, was er sagen wird, ja fordert, herausfordert.

Es ist das, was man gerne als Paradox bezeichnet. Weil es zweispurig gedacht ist. Setzt euch ganz ein für eure Seligkeit. Und zugleich: Gott macht alles. 100% Tun des Menschen, Mühe, Anstrengung, 100% Geschenk Gottes, Gnade. Beides zugleich und beides ganz. Und der Verstand heutzutage fragt sofort: wie denn nun – es geht doch nur entweder oder? Ganze Hingabe – ganz Geschenk – ist das nicht ein Widerspruch in sich? Ist es nicht.

„Glauben und „gehorchen“ lagen für Paulus so nahe beieinander, dass er die Formel „Glaubensgehorsam“ bilden konnte.“ (W. de Boor, aaO. S.85) Zu einem ganzen, ungeteilten, unbedingten Glauben, der sich in konkreten Lebensschritten zeigt, ruft Paulus. Und weiß doch gleichzeitig: Glaube ist immer Geschenk. Paulus ruft zum Gehorsam, weil er den schenkenden Gott kennt. Weil er weiß: alles im Leben ist Geschenk und wir sind es Gott schuldig. „Alles, um an Christus festzuhalten“ weiterlesen

Dich will ich loben

Philipper 2, 5 – 11

5 Seid so unter euch gesinnt, wie es auch der Gemeinschaft in Christus Jesus entspricht:

Keine Einheitsgesinnung, aber eine Gesinnung, eine Lebenspraxis, die dem Lebensraum entspricht. So sieht Paulus die Gemeinde: als Lebensraum, bestimmt dadurch, dass sie eine Gemeinschaft in Christus Jesus ist. Dieser Lebensraum prägt das Denken, das „Sinnen“ – über sich selbst, aber auch über die anderen und das Miteinander. Dieses in-ihm-Sein ist mehr als nur an ihn glauben, Sätze über ihn für wahr und richtig und schön zu halten. Es ist die Existenzgrundlage, die alles verändert. Das Vorzeichen vor der Klammer, das alles bestimmt, was in der Klammer folgt.

6 Er, der in göttlicher Gestalt war, hielt es nicht für einen Raub, Gott gleich zu sein, 7 sondern entäußerte sich selbst und nahm Knechtsgestalt an, ward den Menschen gleich und der Erscheinung nach als Mensch erkannt. 8 Er erniedrigte sich selbst und ward gehorsam bis zum Tode, ja zum Tode am Kreuz. 9 Darum hat ihn auch Gott erhöht und hat ihm den Namen gegeben, der über alle Namen ist, 10 dass in dem Namen Jesu sich beugen sollen aller derer Knie, die im Himmel und auf Erden und unter der Erde sind, 11 und alle Zungen bekennen sollen, dass Jesus Christus der Herr ist, zur Ehre Gottes, des Vaters.

                  Schon auf den ersten Blick fällt die Gliederung in zwei „Strophen“ auf. Zunächst geht es um den Weg hinab, in die Tiefe der Welt, in die Tiefe der menschlichen Existenz. Das ist das erste, zentrale Kennzeichen dieses Hymnus, dieses Liedes der ersten Gemeinde, das Paulus zitiert, wohl doch, weil es ihm viel bedeutet: Es beschreibt den Weg Jesu nach unten. Als einen Weg der Entäußerung. Als einen Weg, den er freiwillig, ganz in der Zustimmung zum Willen des Vaters,  auf sich nimmt. Er lässt seine göttliche Gestalt und Wirklichkeit fahren und wird Mensch, einer wie wir. Getrieben von der Liebe zu uns. Er hält sein göttliches Sein nicht als Raub  – ρπαγμόϛ, „Raub, Beute“ (Gemoll, Griechisch-Deutsches Schul- u. Handwörterbuch; München 1957; S. 125) – fest, als etwas, das man an sich rafft.

Raub ist ein ungewöhnlich derbes Wort für einen Hymnus. Diese Wort- Wahl mag sich von daher erklären, dass es ein Gegenbild gibt: Adam im Paradies mit seinem Begehren der Frucht, um zu werden wie Gott. Er raubt sich, was er will. Jesus aber „verkehrte die Zielrichtung der „Selbstverwirklichung“ Adams als Streben nach der absoluten Höhe der Gottgleichheit in die entgegengesetzte Zielrichtung der „Erniedrigung“ aus der göttlichen Höhe in die Tiefe der Menschen; und diese wurde Christi Weise, Gott gehorsam zu sein.“ (U. Wilkens, Theologie des Neuen Testaments, Bd. 1, Tb 3, Neukirchen 2005, S.247)  So also signalisiert schon diese Wortwahl, dass es in Jesus um eine „Weltenwende“ geht. In ihm, der so nach unten kommt und geht, nimmt die Geschichte der Welt einen neuen Anfang. „Dich will ich loben“ weiterlesen

Sich leiten lassen vom Evangelium

Philipper 1, 27 -2,4

27 Wandelt nur würdig des Evangeliums Christi, damit – ob ich komme und euch sehe oder abwesend von euch höre – ihr in „einem“ Geist steht und einmütig mit uns kämpft für den Glauben des Evangeliums 28 und euch in keinem Stück erschrecken lasst von den Widersachern, was ihnen ein Anzeichen der Verdammnis ist, euch aber der Seligkeit, und das von Gott.

Unabhängig davon, ob Paulus nun kommen kann oder nicht, die Philipper sollen ihren Weg des Glaubens durchhalten. Sich in ihrem Tun und Lassen am Evangelium orientieren. Sich durch das Evangelium leiten lassen. Es kennzeichnet nicht nur hier das Denken des Paulus: Es gibt ein Verhalten, das dem Evangelium entspringt und entspricht. Seiner Würde gemäß ist. Wir würden heute sagen können: Verhalten, das kompatibel mit dem Evangelium ist.

Konkreter wird Paulus nicht, weil: „Worin dieses „würdige“ Tun und Leben heute und hier besteht, das kann den Philippern ein andrer aus der Ferne nicht vorschreiben, das können sie aber selber in der Bruderschaft herausfinden.“ (W. De Boor, aaO. S 65) Aber daran liegt Paulus schon: Das Evangelium verpflichtet zu einer eindeutigen Lebenspraxis. Das wird Paulus nicht müde zu sagen und zu schreiben: „Stellt euch nicht dieser Welt gleich, sondern ändert euch durch Erneuerung eures Sinnes, damit ihr prüfen könnt, was Gottes Wille ist, nämlich das Gute und Wohlgefällige und Vollkommene.“(Römer 12,2) Es ist sein Vertrauen in die Gemeinden, dass sie  an dieser Stelle die richtigen Schritte tun werden.

Wichtig ist: Dieses Leben entsprechend dem Evangelium ist keine nur individuelle Aufgabe. Es ist die Aufgabe der Gemeinde und es gelingt auch – nur –  indem sie in Philippi in „einem“ Geist stehen und einmütig sind. Christsein ist miteinander sein.  Füreinander da sein. Nur so kann der Einzelne, die Einzelne in einer Umwelt, die die Christen durchaus misstrauisch beobachtet, als Christ überleben.

29 Denn euch ist es gegeben um Christi willen, nicht allein an ihn zu glauben, sondern auch um seinetwillen zu leiden, 30 habt ihr doch denselben Kampf, den ihr an mir gesehen habt und nun von mir hört.

            Glauben an Christus und Leiden um seinetwillen gehören zusammen. Wo der Glaube seine Lebensgestalt gewinnt, sich äußert in Wertentscheidungen, in Parteinahmen, in Widerspruch gegen das, „was man so tut“, da ist es fast unausweichlich, dass es zu Konflikten mit dem eigenen Umfeld kommt. Zur Erfahrung, dass die Christen der Welt fremd sind, ohne deshalb gleich weltfremd, naiv zu sein. Solche Fremdheit aber kann auch Leiden mit sich bringen.  „Sich leiten lassen vom Evangelium“ weiterlesen

Zuversicht wahren

Philipper 1, 18b – 26

Aber ich werde mich auch weiterhin freuen; 19 denn ich weiß, dass mir dies zum Heil ausgehen wird durch euer Gebet und durch den Beistand des Geistes Jesu Christi, 20 wie ich sehnlich warte und hoffe, dass ich in keinem Stück zuschanden werde, sondern dass frei und offen, wie allezeit so auch jetzt, Christus verherrlicht werde an meinem Leibe, es sei durch Leben oder durch Tod. 21 Denn Christus ist mein Leben und Sterben ist mein Gewinn.

             Das sind starke Worte eines willensstarken Mannes: ich werde mich auch weiterhin freuen. Sofort steht da die Frage im Raum: kann man sich das so vornehmen? Kann man das so bei sich beschließen und es sogar anderen sagen? Es ist keine grundlose Freude. Paulus ist – so lese ich ihn jedenfalls – keine optimistische Frohnatur. Aber er hat Grund zur Freude, den er auch benennen kann.

Was auch immer geschehen wird, es muss zum Heil ausgehen. Das ist nicht einfach platt: Alles wird gut. Aber es ist die Hoffnung, die Paulus hat, gestärkt durch das Wissen um die Fürbitte der Gemeinde, dass er durchhalten wird in seinem Bekennen, dass er  mit seinem Zeugnis im Licht Christi ist. Dass die Herrlichkeit Christi an ihm aufleuchten wird. Nach Rom wird der gleiche Apostel Paulus schreiben: „Wir wissen aber, dass denen, die Gott lieben, alle Dinge zum Besten dienen.“(Römer 8,28) Das ist diese innere Freiheit, die nicht an den Umständen des Lebens hängt, sondern die an ihm, Christus, hängt.   „Zuversicht wahren“ weiterlesen

Hauptsache Christus wird gepredigt

Philipper 1, 12 – 18a

12 Ich lasse euch aber wissen, liebe Brüder: Wie es um mich steht, das ist nur mehr zur Förderung des Evangeliums geraten. 13 Denn dass ich meine Fesseln für Christus trage, das ist im ganzen Prätorium und bei allen andern offenbar geworden, 14 und die meisten Brüder in dem Herrn haben durch meine Gefangenschaft Zuversicht gewonnen und sind umso kühner geworden, das Wort zu reden ohne Scheu.

            Man merkt es nicht gleich, schon gar nicht am Tonfall: Hier schreibt ein Gefangener. Kein Lamento über Haft-Bedingungen, obwohl die sicherlich alles andere als beschaulich sind. Sondern im Gegenteil: Aus dieser Gefangenschaft ist Gutes geworden, es ist alles zur Förderung des Evangeliums geraten. „Vom Evangelium kann er nur sagen, dass es ihm gut geht.“ (G. Friedrich, aaO. S.141) Ein eingesperrter Bote des Evangeliums – aber die Botschaft geht weiter. Bis in die Gefängniszellen hinein. Zurückhaltend, aber doch deutlich berichtet Paulus, „welchen Eindruck sein Christuszeugnis überall unter den Gefängnisbeamten erweckt.“ (U. Wilkens, Theologie des Neuen Testaments, Bd. 1, Tb 3, Neukirchen 2005, S.243) Es hat sich herum gesprochen im Gefängnis, im ganzen Prätorium: der da einsitzt, ist anders als die meisten. Kein Verbrecher, kein Betrüger, Lügner, Dieb, sondern er trägt seine Fesseln für Christus.  

            Es ist gut, dass Paulus nicht aktiv formuliert: “Ich konnte hier Soldaten von Jesus sagen“(W. de Boor, Der Brief des Paulus an die Philipper, Wuppertaler Studienbibel, Wuppertal 1976, S 52) Aber das wird es wohl gewesen sein – befragt nach seinem Haftgrund hat er nicht von Jesus, dem Christus geschwiegen, sondern erzählt. „Gepredigt“. Das Wort geredet ohne Scheu. Und er hat Gehör gefunden. „Hauptsache Christus wird gepredigt“ weiterlesen

Herzensanliegen – der gute Anfang geht weiter

Philipper 1, 1 – 11

1 Paulus und Timotheus, Knechte Christi Jesu, an alle Heiligen in Christus Jesus in Philippi samt den Bischöfen und Diakonen: 2 Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserm Vater, und dem Herrn Jesus Christus!

            Ein Brief nach Philippi. An die Gemeinde, die Paulus als erste Gemeinde in Europa „gegründet“ hat. Nicht irgendein Brief: „Der Philipperbrief ist der persönlichste Brief des Paulus. Von Anfang an besteht zu seiner ersten Gemeinde in Europa ein besonders inniges Verhältnis gemeinsamer Teilhabe am Evangelium.“(U. Wilkens, Theologie des Neuen Testaments, Bd. 1, Tb 3, Neukirchen 2005, S.242) Es ist die Gemeinde in der Stadt, in der er wegen Geschäftsschädigung im Gefängnis gelandet war.  Wo er sich, den Behörden gegenüber erfolgreich auf seinen Status als römischer Bürger, Civis Romanus berufen hat. Eine Römer-Stadt in Griechenland, in der überdurchschnittlich viele Römer leben, weil seit Augustus dort Veteranen des römischen Heeres angesiedelt worden waren.

An die Gemeinde dort, alle Heiligen in Christus Jesus, schreibt Paulus, zusammen mit Timotheus. Beide Knechte Christi Jesu. Das verbindet Paulus und Timotheus mit der Gemeinde – sie gehören zu dem einen Herrn. Als Knechte und als Heilige. Sie sind, was sie sind, durch ihn.

Es ist schon wichtig: auch diesen so persönlichen Brief verantwortet Paulus nicht allein. Er hat den Gefährten, wenigsten den einen an seiner Seite. Paulus ist nie der Solist, als der er häufig is heute wahrgenommen wird. Seine ganze Missionsarbeit ist ohne das Zusammenspiel mit den Brüdern (und Schwestern!) nicht vorstellbar.

Es hört sich an wie ein Hinweis auf ein erstes, zartes Entstehen von Ämtern, wenn unter den Adressaten auch Bischöfe und Diakone genannt werden. Es wird gut sein, πισκποι κα διακνοι nicht mit unserer heutigen Erfahrung in eins zu setzen. Die „Episkopoi“ sind gewiss keine Bischöfe, sondern allenfalls Gemeindeleiter, „Verwalter, vielleicht der Gemeindefinanzen.“(Luther 2017, Sach- und Worterklärungen S. 324) Selbst das weckt in mir Fragen: Welche Finanzen vermutet man denn bei damaligen Gemeinden?

Mir liegt es nahe, viel vorsichtiger zu formulieren. Es sind Leute, sicherlich Männer, die „die Aufgabe der Hilfeleistung und der Leitung gehabt haben.“ (G. Friedrich, Der Brief an die Philipper, NTD 8, Göttingen 1976, S. 137) Es sind Funktionen, die sie wahrnehmen, aber noch keine Ämter im heutigen Sinn. Diese Aufgaben sind der Gemeinde nachgeordnet – darum nennt Paulus auch als erste Adressaten die Heiligen. Die Dienste sind um der Gemeinde willen da, nicht die Gemeinde um der Dienste willen. Die Dienste entstehen aus den Notwendigkeiten der Gemeinde. Sie haben keinen Selbstzweck.

3 Ich danke meinem Gott, sooft ich euer gedenke – 4 was ich allezeit tue in allen meinen Gebeten für euch alle, und ich tue das Gebet mit Freuden -, 5 für eure Gemeinschaft am Evangelium vom ersten Tage an bis heute; 6 und ich bin darin guter Zuversicht, dass der in euch angefangen hat das gute Werk, der wird’s auch vollenden bis an den Tag Christi Jesu.

Das ist mehr als eine fromme Floskel. Ein Einblick in das Gebetsleben des Paulus, der jetzt doch wie der alleinige Briefverfasser erscheint. Voll Dankbarkeit blickt er auf den Weg, den die Gemeinde genommen hat, vom ersten Tag an bis heute. Was er da sieht, eure Gemeinschaft am Evangelium, erfüllt ihn mit Freude. Gemeinschaft am Evangelium – das ist geteiltes Leben, das ist gemeinsame Anbetung. Das ist Gespräch. Das ist Erfahrung, die im Alltag verankert ist und dadurch den Alltag verändert. Ihn zum Erfahrungsfeld des Glaubens werden lässt.  „Herzensanliegen – der gute Anfang geht weiter“ weiterlesen

Geöffnete Türen – geöffnete Herzen

Apostelgeschichte 16, 25 – 40

25 Um Mitternacht aber beteten Paulus und Silas und lobten Gott.

Erstaunlich. Nicht dass sie beten, wohl aber, dass Paulus und Silas Gott loben. Sie könnten doch auch bitter feststellen: Die Wahrheit zahlt sich nicht aus! Der Einsatz für die Freiheit anderer zahlt sich nicht aus. Aber sie klagen nicht. Sie singen in ihrer Zelle Loblieder. Sie buchstabieren durch, was Paulus später einmal schreiben wird: „Alle Dinge dienen denen zum Besten, die Gott lieben.“(Römer 8, 28) Das weiß man aber manchmal erst hinterher. Sie scheinen so unabhängig von der äußeren Situation, dass sie jetzt schon loben können. Man kann schon fragen: „Was mögen die anderen Gefangengen gedacht haben, die sonst nur stöhnen und schimpfen und fluchen kannten?“(W. de Boor, Die Apostelgeschichte, Wuppertaler Studienbibel; S. 300) Ihr Singen verändert die innere Situation des Gefängnisses, auch wenn es am Äußeren erst einmal nichts ändert.

 Und die Gefangenen hörten sie. 26 Plötzlich aber geschah ein großes Erdbeben, sodass die Grundmauern des Gefängnisses wankten. Und sogleich öffneten sich alle Türen und von allen fielen die Fesseln ab.

Wieder erweist sich das Gefängnis als Haus mit offenen Türen. Das ist in Jerusalem so gewesen (s.o.) und nun auch in Philippi. Nur ist es diesmal keine „englische“ Befreiungsaktion (5,12; 12,7-10), sondern ein Erdbeben. Gott kann nicht nur auf eine Weise eingreifen, lernen wir. Erdbeben sind in dieser Region keine ungewöhnlichen, gleichwohl aber doch erschütternden Ereignisse. Das Ergebnis: „Die Tore  stehen offen, das Land ist hell und weit.“ (K.P. Hertzsch, 1989, EG 395,3) 

7 Als aber der Aufseher aus dem Schlaf auffuhr und sah die Türen des Gefängnisses offen stehen, zog er das Schwert und wollte sich selbst töten; denn er meinte, die Gefangenen wären entflohen.

                     Was für die einen wie eine offene Tür wirkt, ist für den Kerkermeister wie ein Todesurteil. „Der Kerkermeister haftet für die sichere Verwahrung der Gefangenen und hat bei deren Entkommen eine harte Strafe zu erwarten. Er „zückt das Schwert“ und will sich selbst damit umbringen.“ (R. Pesch, Die Apostelgeschichte, EKK V/II, S. 115) Die harte Strafe, die ihm droht, ist der Tod. So will er aus Furcht vor dem Tod sich selbst töten. So absurd es klingt, diesen Weg wählen bis heute viele – und nennen es Freitod.

 28 Paulus aber rief laut: Tu dir nichts an; denn wir sind alle hier!

Das ist nun schon das zweite Wunder in dieser wunderbaren Nacht. Ein Gefängnis wird in seinen Grundfesten erschüttert und begräbt niemanden unter sich. Und die Gefangenen nützen die offenen Türen nicht zur Flucht!  Die ihm „anvertraut waren“, sind alle da! „Geöffnete Türen – geöffnete Herzen“ weiterlesen

Geschäft oder Wahrheit?

Apostelgeschichte 16, 16 – 24

16 Es geschah aber, als wir zum Gebet gingen, da begegnete uns eine Magd, die hatte einen Wahrsagegeist und brachte ihren Herren viel Gewinn ein mit ihrem Wahrsagen. 17 Die folgte Paulus und uns überall hin und schrie: Diese Menschen sind Knechte des allerhöchsten Gottes, die euch den Weg des Heils verkündigen.

Beten ist – bis heute im Orient – keine Angelegenheit nur für das stille Kämmerlein. Die Gruppe um Paulus geht zum Beten. Vermutlich wieder zu der Gebetsstätte, die am Fluss liegt, vor der Stadt. Wenn man so zum Beten das eigene Haus verlässt, kann es schon zu Begegnungen kommen. So auch hier. Eine Frau, eine Magd, mit einem Wahrsagegeist trifft auf die Gruppe und folgt ihnen und schreit ihnen nach. Nicht dummes Zeug, sondern die Wahrheit: Diese Menschen sind Knechte des allerhöchsten Gottes, die euch den Weg des Heils verkündigen.

             Die Frau, παιδσκη, „junge Frau, junges Mädchen, junge Sklavin, Dirne“ (Gemoll, Griechisch-Deutsches Schul-u.-Handwörterbuch; München 1957, S. 563) ist keine selbstständige Unternehmerin, sondern abhängig, angestellt, bei Leuten, die in sie investiert haben und mit ihr Gewinn machen. Das wird für die Folge der Geschichte wichtig sein.

Wahrsagegeistπνεμα πθωνα In diesem griechischen Wort steckt das Orakel von Delphi. „Phythōn war ursprünglich der Name der das delphische Orakel hütenden Schlange, die Apollon getötet haben soll; später wurde es jedoch zur Bezeichnung eines Bauchredners…. Wir werden uns die Sklavin demnach konkret als Bauchrednerin vorzustellen haben.“(J.Roloff,  Die Apostelgeschichte, NTD 5, Göttingen 1981, S. 245)Mir kommt das ein wenig kurz geschlossen vor, mir reicht es aus, dass die Bezeichnung eine Brücke nach Delphi und seinem Orakel schlägt.

Was sich aber inhaltlich ereignet, ist schon im Evangelium, vor allem bei Markus, aber auch bei Lukas vielfältig vorgeformt: Dämonen, die Menschen besetzt halten, wissen besser Bescheid über die Wirklichkeit Gottes als die Menschen. Sie sehen, was anderen noch verborgen ist. Sie sehen, wer hinter Paulus steht. Und sie sehen, was die Boten Jesu zu bringen haben für die, die ihnen zuhören – einen Ausweg aus der Misere des eigenen Lebens. Das hat es zu allen Zeiten gegeben: Menschen, die mehr sehen können als vor Augen ist, die einen seltsamen Durchblick durch die Realität haben, unerklärlich und unheimlich zugleich. Geschichten darüber werden fast immer nur unter vorgehaltener Hand erzählt, weil man ahnt, dass dahinter Mächte stehen und es nichts Harmloses ist, sich damit einzulassen. „Geschäft oder Wahrheit?“ weiterlesen