Mehr als nur biographische Notizen

Galater 1, 10 – 24

 10 Ich frage euch: Will ich etwa Menschen für mich einnehmen oder sogar Gott selbst? Oder versuche ich vielleicht, den Menschen mit meiner Lehre entgegenzukommen? Wenn ich das täte, wäre ich jedenfalls kein Diener von Christus.

 Es ist doch eher eine rhetorische Frage, die die Galater nötigen will, sich über ihr Paulus-Bild Rechenschaft zu geben. Haben sie in ihm einen Menschen erlebt, der sich einschleimt, Leuten nach dem Mund redet. Einer, der glaubt, sich bei Gott Liebkind machen zu können? Das alles würde ja zutreffen, wenn er versucht, Menschen mit meiner Lehre entgegenzukommen. Eindruck zu machen, Beifall zu gewinnen.

Es ist wohl auch einen Augenblick lang eine Selbstprüfung. Paulus sieht sich an uns weiß: Wenn ich das täte, wäre ich jedenfalls kein Diener von Christus. Es wäre Verrat – an Gott, an Christus, an der eigenen Berufung. Es sind Augenblicke, in denen in der Selbstprüfung alles auf dem Spiel steht. Nicht einfach für den, der das erlebt: Bin ich noch auf dem richtigen Weg, bin ich meiner Berufung treu, auch jetzt? Kann ich das ehrlichen Herzens von mir sagen? Es ist dieser Blick auf sich selbst, der Paulus dann auch dazu bringt, noch einmal, im Grude einmalig seinen Weg in den Blick zu nehmen und vor seinen Lesern und Leserinnen davon zu erzählen.

11 Das will ich euch klar und deutlich sagen, Brüder und Schwestern: Die Gute Nachricht, die ich verkündet habe, stammt nicht von Menschen.12 Ich habe sie nicht von einem Menschen übernommen, ich wurde auch nicht von einem Menschen darin unterrichtet. Nein, Jesus Christus selbst hat sie mir offenbart.

  Das ist die Klarstellung, an der für Paulus alles hängt. Meine Gute Nachricht, mein Evangelium ist keine second hand Angelegenheiten. Ich berufe mich nicht auf Menschen. Ich berufe mich allein auf den, der mein Herr ist. Jesus Christus selbst hat sie mir offenbart. Man muss es sich klarmachen. Der gleiche Paulus wird sich in der Begründung seiner Auferstehungsbotschaft auf die Überlieferungstraditionen berufen, wie sie in Israel seit Menschengedenken gepflegt werden: „Denn als Erstes habe ich euch weitergegeben, was ich auch empfangen habe.“ (1. Korinther 15,3) So entstehen Zeugenketten, durch empfangen und weitergeben. Aber in der Begründung seines Aposteldienstes ist es anders. Da ist nur und allein der direkte Zugriff des beauftragenden Jesus Christus zu berichten. Kein Zeugnis durch die Zwölf, durch Petrus, durch Thomas, durch die Zebedaiden. Nur Jesus Christus. „Mehr als nur biographische Notizen“ weiterlesen

Harsche Worte im Ringen um die Wahrheit

Galater 1,1 – 9

1, 1 Paulus, Apostel nicht im Auftrag von Menschen und auch nicht durch einen Menschen eingesetzt. Vielmehr wurde ich berufen durch Jesus Christus und Gott, den Vater, der ihn von den Toten auferweckt hat.

    Viel knapper und viel selbstbewusster geht es nicht. Mit einem Satz sagt Paulus, dass sie, die diesen Brief erhalten werden, nicht nur eine Meinung zur Kenntnis erhalten. Weil er, Paulus seine Apostelaufgabe nicht von Menschen erhalten hat – weder in ihrem Anfang noch in ihrem jetzigen konkreten Zustand. Er beruft sich, ganz wie ein Prophet Israel auf eine göttliche Berufung. Hinter seiner Arbeit stehen Jesus Christus und Gott, der Vater. Nicht zwei Götter, sondern der eine Gott in seiner Einheit von Vater und Sohn. Hinter ihm steht der, der den Sohn von den Toten auferweckt hat. Damit ist schon ein Zeichen gesetzt: Die Wirklichkeit, aus der Heraus Paulus das Wort nimmt, hat den engen Kreis der Weltwirklichkeit gesprengt. Es ist die persönliche Ostererfahrung, aus der heraus Paulus lebt, wirkt, redet, schreibt.

   2 Zusammen mit allen Brüdern und Schwestern, die bei mir sind, schreibe ich an die Gemeinden in Galatien: 3 Wir wünschen euch Gnade und Frieden von Gott, unserem Vater, und dem Herrn Jesus Christus. 4 Der hat sich selbst für unsere Sünden hingegeben. Dadurch hat er uns aus dieser Welt gerettet, die vom Bösen beherrscht wird. So wollte es unser Gott und Vater. 5Er regiert in Herrlichkeit für immer und ewig. Amen.

 Paulus ist nicht allein. Auch wenn er sie nicht namentlich aufzählt – er steht in einer Gemeinschaft von Brüdern und Schwestern. Sie alle teilen seine Gedanken, seine Worte und sie alle teilen auch den Gruß: Gnade und Frieden von Gott, unserem Vater, und dem Herrn Jesus Christus.  Es ist ein Gruß an die Gemeinden in Galatien. Nicht nur an ein Gemeinde an einem Ort. Fast so etwas wie ein Rundschreiben an eine Propstei, eine Dekanat, eine Landeskirche. Ein verdeckter Hinweis darauf, dass es schon am Anfang der Christenheit nicht nur Gemeinde vor Ort gegeben hat, sondern Gemeinde in örtlicher Nähe und regionaler Verbundenheit. Aber eben auch in der Gewissheit: Wir gehören zusammen.

Es folgt der Hinweis auf das Werk Jesu Christi, auf das Heil, das die Christen in ihm haben. Er hat erlöst, befreit, gerettet. Durch seine Hingabe. Wie nebenbei fällt der Blick auf die Welt: sie ist kein freundlicher Ort.  Sie wird vom Bösen beherrscht. Nicht diese Herrschaft des Bösen, sondern die Rettung aus einer Gewalt ist der Wille des Vaters. Darauf ist Verlass. Gestern, heute, morgen. „Harsche Worte im Ringen um die Wahrheit“ weiterlesen

Gottes Poblem: Seine frommen Leute

Jona 4, 1 – 11

1 Das aber verdross Jona sehr, und er ward zornig 2 und betete zum HERRN und sprach:

 Wie verrückt ist das: Die Reue Gottes weckt in Jona Verdruss und Zorn. Nicht nur ein bisschen, sondern heftig. „Jona ärgerte sich sehr darüber. Der Zorn packte ihn.“ (Basisbibel) Es passt Jona nicht in den Kram, dass Gott nicht rigoros bei seinem Urteil bleibt. Dass er nicht vollstreckt, das Jona angekündigt hatte: Es ist vorbei.

 Ach, HERR, das ist’s ja, was ich dachte, als ich noch in meinem Lande war. Deshalb wollte ich ja nach Tarsis fliehen; denn ich wusste, dass du gnädig, barmherzig, langmütig und von großer Güte bist und lässt dich des Übels gereuen. 3 So nimm nun, HERR, meine Seele von mir; denn ich möchte lieber tot sein als leben.

 Was für ein seltsamer Satz: Ich habe es von Anfang an gewusst und deshalb wollte ich nicht dorthin, nach Ninive. Nicht die Angst hat mich fliehen lassen, sondern die Ahnung, dass Du, Gott es ja gar nicht ernst meinen wirst mit Deinem Drohen. Ich habe es geahnt und befürchtet, dass Du nicht zu Deinem Wort stehen wirst. Es war mir klar, dass du gnädig, barmherzig, langmütig und von großer Güte bist. Ist das so – wir würden eher, lieber gar, einem Gott glauben, der durchgreift? Härte zeigt? Konsequent in seinem Strafen?

 Damit könnte man umgehen, dass Gott durchgreift und strafend sein Recht durchsetzt. Das würde Jona gefallen, weil es doch eine Bestätigung seiner Predigt wäre: Ich habe es euch gesagt und so kommt es auch. Es ist die seltsame Befriedigung der Unheilskünder, der Kassandra-Rufer, dass manchmal eintrifft, was sie als Schreckensszenario ausgemalt haben.

 Um diese Befriedigung sieht sich Jona gebracht. Um diese Bestätigung fühlt er sich betrogen. Darum will er nicht mehr weiter leben. Der im Bauch des Fisches auf die Hilfe Gottes getraut und gebaut hat, der will so blamiert nicht mehr weitermachen. Wenn es nicht mit Ninive vorbei ist, dann soll es doch mit Jona vorbei sein. „Lass mich sterben!“ (Basisbibel) Gott soll ein Ende machen.

4 Aber der HERR sprach: Meinst du, dass du mit Recht zürnst?

Gott stellt sich den Vorwürfen. Er hat nichts von diesem Gebet überhört, nicht weggehört. Aber er fragt nach, ob sich Jona eigentlich so sicher ist, dass er mit seinem Zorn richtig liegt. Dass seine Reaktion wirklich zur Barmherzigkeit Gottes passt. Wir hören und sehen keine Antwort Jonas. „Gottes Poblem: Seine frommen Leute“ weiterlesen

Im Vorort – Straßenprediger

Jona 3, 1 – 10

1 Und es geschah das Wort des HERRN zum zweiten Mal zu Jona: 2 Mach dich auf, geh in die große Stadt Ninive und predige ihr, was ich dir sage!

Gott lässt nicht locker. Dafür hat er Jona aus dem Meer gerettet, aus dem Dunkel befreit. Eine zweite Berufung, Beauftragung. Gott nimmt seinen Auftrag nicht zurück. Er braucht seinen Mann in Ninive. Der Unterschied zur ersten Berufung: Diesmal wird Jona völlig abhängig sein vom Wort, das er im Augenblick empfängt. Er hat keine fertig verpackte Botschaft mehr. Er muss warten, was Gott ihm sagen wird. Bis dahin besteht sein Gehorsam darin, dass er sich auf den Weg macht.

3 Da machte sich Jona auf und ging hin nach Ninive, wie der HERR gesagt hatte. Ninive aber war eine große Stadt vor Gott, drei Tagereisen groß. 4 Und als Jona anfing, in die Stadt hineinzugehen, und eine Tagereise weit gekommen war, predigte er und sprach: Es sind noch vierzig Tage, so wird Ninive untergehen.

So kommt es dann auch. Jona folgt der Wegweisung Gottes. Und kommt in Ninive an. Ein kleiner Mann in einer riesengroßen Stadt. Auch nach heutigen Maßstäben eine Mega-Metropole. Riesengroß. Man läuft sich die Füße wund, bis man über ihre Ränder hinaus gekommen ist.

Jona, so muss man wohl lesen, schafft es nicht bis ins Zentrum der Stadt. Irgendwo in einem Vorort, nachdem er eine Tagereise weit gekommen ist, fängt er an zu predigen. Zu rufen. Es ist eine eher kurze Predigt, wenn man das überhaupt eine Predigt nennen will. Jedenfalls keine geschliffener Vortrag. Es sind noch vierzig Tage, so wird Ninive untergehen. Kein Warum, keine Ursache, keine Herleitung aus der Geschichte. Keine Begründung, nur der schrille Ruf. „Im Vorort – Straßenprediger“ weiterlesen

Aus der Tiefe

Jona 2, 1 – 11

 1 Aber der HERR ließ einen großen Fisch kommen, Jona zu verschlingen. Und Jona war im Leibe des Fisches drei Tage und drei Nächte.

Der den Sturm schickt, welcher Das Schiff, auf dem Jona flüchtet, in Bedrängnis bringt, der kann auch Fische schicken. Einen großen Fisch. Damit er Jona am Stück verschlucken kann. Es liegt dem Erzähler nichts daran, die Art dieses Fisches zu verifizieren. Er erzählt, was wie ein Märchen klingt. Was aber auch oft genug Realität ist. So kann es gehen – drei Tage im Dunkel gefangen: Es ist die Wirklichkeit, die sich manchmal im Leben ereignet, dass jemand vom Unheil regelrecht verschlungen wird, dass er von einem Augenblick zum anderen ins dunkel stürzt.

Die drei Tag im Dunkel werden sich wiederholen an Paulus in Damaskus. Da stürzt einer vom hohen Ross und fällt für drei Tage ins Dunkel. Mit Blindheit geschlagen. Ohne Perspektive. Angewiesen auf eine Befreiung, die er selbst nicht leisten kann.

2 Und Jona betete zu dem HERRN, seinem Gott, im Leibe des Fisches 3 und sprach: Ich rief zu dem HERRN in meiner Angst, und er antwortete mir. Ich schrie aus dem Rachen des Todes, und du hörtest meine Stimme.

Es ist wohl der seltsamste Ort für ein Gebet, der sich denken lässt: Im Leib des Fisches. Im Dunkel, in das kein Licht dringt. Fast, als wollte der Erzähler sagen: Ganz unten fängt erst wirkliches Beten an. „Aus der Tiefe rufe ich, Herr zu Dir“ (Psalm 130,1) Weniger prosaisch: „Da hilft nur noch Beten“ weiß der Volksmund, wenn die Lage hoffnungslos geworden ist, wenn man sich nicht mehr selbst aus dem Schlamassel befreien kann.   

 Das Seltsame an diesem Gebet des Jona – er betet und nimmt in seinem Beten vorweg, was er doch gar nicht wissen kann: er antwortete mir. Bis dahin kein Wort von Gott. Nur die Gewissheit: Gott hört. Und der Wechsel von einem Reden über Gott zu einem Schreien zu Gott. Aus er wird du. Das ist der Wechsel schlechthin. Man kann tausend kluge Sätze über Gott sagen und genauso viele dumme Sätze. Aber sie zählen nicht. Was allein zählt: Du. Du. Immer wieder Du. „Aus der Tiefe“ weiterlesen