Lebensfolgen

  1. Korinther 6, 1 – 10

 1 Als Mitarbeiter aber ermahnen wir euch, dass ihr nicht vergeblich die Gnade Gottes empfangt. 2 Denn er spricht (Jesaja 49,8): »Ich habe dich zur Zeit der Gnade erhört und habe dir am Tage des Heils geholfen.« Siehe, jetzt ist die willkommene Zeit, siehe, jetzt ist der Tag des Heils!

             Wieder Mitarbeiter. Und einmal mehr ein Ermahnen, das zugleich wohl auch ermutigen ist. Die Gnade soll nicht leer laufen in ihrem Leben. Wörtlich: nicht ins Leere. εἰς κενὸν . Geht das denn, bin ich versucht zu fragen, dass die Gnade ins Leere läuft?  Ja, wenn sie zur „billigen Gnade“ wird. „Billige Gnade heißt Gnade als Schleuderware, verschleuderte Vergebung, verschleuderter Trost…Billige Gnade heißt Gnade als lehre, als Prinzip, als System; heißt Sündenvergebung als allgemeine Wahrheit, heißt Liebe Gottes als christliche Gottesidee…. Billige Gnade heißt Rechtfertigung der Sünde und nicht des Sünders. Weil Gnade doch alles allein tut, darum kann alles beim alten bleiben.“ (D. Bonhoeffer, Nachfolge München 1976, S.13)

Ich stimme: Billig wird die Gnade, wenn sie zum Freifahrtschein wird: `Es ist ja Gottes Profession zu vergeben. Er kann nicht anders.´ Wenn aus dem Geschenk der Gnade nicht das Ringen um einen neuen Weg wird. Es ist das völlige Missverständnis der Gnade, dass sie moralisch indifferent seinlässt, dass sie so ansehen lässt, als würde sie alles Verhalten gleich gültig machen, weil Gott ja doch auf alles Verhalten seine Gnade legt.

            Das ist die Sorge des Paulus: Die Verkündigung der Gnade könnte dazu führen, Verhaltensveränderungen auf die lange Bank zu schieben. Deshalb erinnert er mit den Worten des Jesaja noch einmal an die Dringlichkeit: Jetzt ist es Zeit. Nicht irgendwann. „Indem die Botschaft von der geschehenen Versöhnung ausgerufen wird, ist die große Entscheidungsstunde da, die Glauben und Gehorsam fordert.“ (H.D. Wendland, Die Brief an die Korinther, NTD 7, Göttingen 1968, S.208) Das Jesaja-Wort ist ein Wort in bedrängter Zeit. Vielleicht ist auch gerade deshalb ein Wort, das dem so oft bedrängten Apostel wichtig und wegweisend ist. „Lebensfolgen“ weiterlesen

Der Gestus der Mission: Bitten

  1. Korinther 5, 11 – 21

 11 Weil wir nun wissen, dass der Herr zu fürchten ist, suchen wir Menschen zu gewinnen; aber vor Gott sind wir offenbar. Ich hoffe aber, dass wir auch vor eurem Gewissen offenbar sind.

             Die Furcht des Herrn ist der Weisheit Anfang. (Sprüche 1,7) In der Tradition eines solchen Denkens ist Paulus unterwiesen. Deshalb klingt es für ihn auch nicht schief, seine Motivation, Menschen zu gewinnen, mit der Furcht zu begründen. Es ist Auftragstreue, sonst nichts. Genährt aus dem Wissen um die Verantwortung vor dem Richterstuhl Christi. In unseren Zeiten heute gilt das als „Angstmachen“. Paulus aber verspürt aus der Gottesfurcht keine Angst, sondern Verantwortung.

Paulus weiß, dass er über seine innere Motivation Gott nichts vormachen kann. Auch hier gilt: Er weiß, dass Gott ihn kennt. πεφανερμεθα. Vor ihm ist er wie ein offenes Buch.  Er hat es gelernt und wohl auch oft genug gesprochen, als eine Weise, sich in Gott zu bergen:

„HERR, du erforschest mich und kennest mich.                                                              Ich sitze oder stehe auf, so weißt du es;                                                                                du verstehst meine Gedanken von ferne.                                                                            Ich gehe oder liege, so bist du um mich                                                                                und siehst alle meine Wege.                                                                                                  Denn siehe, es ist kein Wort auf meiner Zunge,                                                                   das du, HERR, nicht schon wüsstest.                                                                                         Von allen Seiten umgibst du mich  und hältst deine Hand über mir.“                             Psalm 139, 1 – 5

 Seine Hoffnung, die über dieses Wissen hinausgeht: Weil er sich vor Gott nicht verbergen muss und kann, kann er es sich leisten, auch für die Korinther offenbar zu sein – durchschaubar. Er muss nicht Versteck spielen und sie müssen sich nicht Täuschungen über ihn hingeben, auch nicht Täuschungen durch ihn befürchten. Gewissen – συνειδσιςmeint hier: „Es ist eine Instanz, die zu einer Sicht der Wahrheit fähig ist, die der Sichtweise Gottes nahekommt.“(T. Schmeller, aaO. S. 311) Wenn die Korinther Paulus wirklich vorurteilslos beurteilen, werden sie ihn – hoffentlich – so sehen, wie Gott ihn sieht. „Der Gestus der Mission: Bitten“ weiterlesen

Das Haus jenseits der Zeit

  1. Korinther 5, 1 – 10

1 Denn wir wissen: wenn unser irdisches Haus, diese Hütte, abgebrochen wird, so haben wir einen Bau, von Gott erbaut, ein Haus, nicht mit Händen gemacht, das ewig ist im Himmel.

             Es scheint, alle Auseinandersetzungen sind vergessen. Paulus bleibt an der Frage der Zukunft, die über den Tod hinaus weist, hängen. Und gibt seine persönliche Antwort, die aber gar nicht nur sein ist. Wir wissen – dieses Wissen teil er mit den Korinthern. Da sind sie einer Meinung, da teilen sie eine Einsicht des Glaubens.  Wenn das irdische Haus, diese Hütte, – das Zelt, so wörtlich σκήνη im Griechischen – abgebrochen wird, ist da immer noch Zukunft. Denn haben wir einen Bau, von Gott erbaut. Es ist ein Bild-Wort, so wie ja auch der innere Mensch, von dem Paulus zuvor geschrieben hat (4,16), ein Bild ist. Wir können von der Zukunft, die über den Tod hinaus reicht, nicht anders als in Bildern reden. Ja, wir können auch von der Zukunft in der Zeit nur in Bildern reden.

            Was Paulus hier sagt, ist nicht so ungewöhnlich für seine Zeit. Ganz ähnliche Worte können auch aus anderen Ecken kommen, aus der Philosophie, aus den Kulten. Dass mit dem Tod alles aus und vorbei ist, wie es heute gerne geglaubt und als allein mögliche Sicht der Dinge behauptet wird, hätte damals weitgehend Widerspruch geerntet. Man war sehr dafür, dass irgendetwas, meistens die Seele, am Menschen unsterblich sei.

            Daran aber liegt Paulus: Das, was dann kommt, ist ewig im Himmel. Wörtlich: ν τος ορανοςin den Himmeln. Plural. Weil dort Raum ist für „viele Wohnungen“(Johannes 14,2)? Paulus kann später auch von sich selbst sagen: „entrückt bis an den dritten Himmel“(12,3) Das legt die Vorstellungeines mehrstufigen Raumes nahe.

            Aber darauf kommt es nicht an. Sondern vor allem darauf: Das Haus in den Himmeln ist nicht unser Projekt, unser Machwerk. Es ist Gottes Werk. Immer schon da und für immer da. Einzugsfertig. Mit diesen knappen Sätzen sind schon Vorstellungen abgewiesen, wie sie in der Umwelt der Korinther Gang und gäbe sind: „Wenn der Geist sich zur Himmelswelt aufschwingt, kehrt er, wie von Fesseln befreit, zu seiner Heimat zurück. Dort ist er nicht wie ein Fremdling, sondern wie in seinem Eigentum.“ (Seneca, Naturfragen, Vorwort, zitiert bei Schenk, aaO. S.120) Paulus aber redet nicht von einer unsterblichen Seele – er redet von einem neuen Handeln Gottes. Daran hängt seine Hoffnung, dass Gott sich treu bleibt und nicht, dass irgendetwas am Menschen substanziell Ewigkeitsbestand garantiert. „Das Haus jenseits der Zeit“ weiterlesen

Gefäße mit Sprüngen

  1. Korinther 4, 7 – 18

 7 Wir haben aber diesen Schatz in irdenen Gefäßen, auf dass die überschwängliche Kraft von Gott sei und nicht von uns.

             Jetzt blickt Paulus wieder auf die Christen. Im Wir schließt er sich mit der Gemeinde in Korinth zusammen. Da ist kein Unterschied zwischen dem Apostel und den „normalen“ Leuten in Korinth: Wir haben aber diesen Schatz in irdenen Gefäßen, Es ist ein Bild, das den Korinthern aus ihren Alltag wohl vertraut ist. „Damals wurden tatsächlich äußerst wertvolle Dinge in Tonkrügen verwahrt. Das Tongefäß ist wertlos, zerbrechlich, vielleicht schon abgeschabt und rissig. Wer es nur von außen sieht, bemerkt nichts von dem Schatz, den es in sich birgt.“ (W. de Boor, aaO. S.102f.)

 Es ist auch nicht das erste Mal, dass Paulus Menschen mit Tongefäßen vergleicht – im Töpfergleichnis (Römer 9, 21 – 23) folgt er dem gleichen gedanklichen Weg. Aber während es im Töpfergleichnis darum geht, jeden Rechts-Anspruch von Seiten des Menschen abzuwehren, ist hier der Vergleichspunkt ein anderer: Gott erwählt, was arm und schwach ist, in den Augen der Welt wertlos. „Der großartige Dienst des neuen Bundes, der sogar den des Mose übertrifft, wird von einem schwachen, zerbrechlichen Menschen ausgeübt.“(T. Schmeller, aaO. S. 256) Sagt Paulus aber eben nicht nur von sich selbst – im Wir sagt er es von einen Gefährten und auch von der Gemeinde! Sie alle sind in den Augen der Umwelt nicht Spitze, sondern Fußvolk, nicht Avantgarde, sondern eher fußkranke Nachhut. Umso heller leuchtet der Inhalt. Umso deutlich wird: Es geht um Gottes Kraft und nicht um menschliches Vermögen und können. „Gefäße mit Sprüngen“ weiterlesen

Spürbarer Schmerz

  1. Korinther 4, 1 – 6

 1 Darum, weil wir dieses Amt haben nach der Barmherzigkeit, die uns widerfahren ist, werden wir nicht müde,  2 sondern wir haben uns losgesagt von schändlicher Heimlichkeit und gehen nicht mit List um, verfälschen auch nicht Gottes Wort, sondern durch Offenbarung der Wahrheit empfehlen wir uns dem Gewissen aller Menschen vor Gott.

             Manchmal mag es zum Ermüden sein – immer wieder die gleichen Unterstellungen, die gleichen Vorwürfe. Paulus aber kennt kein Ermüden. Auch kein mutlos Werden. Weil er sich berufen weiß. Weil er seinen Auftrag – so übertrage ich hier Amt, im Griechischen steht da διακονία, Diakonia, Dienst kennt, der ihn zugleich trägt. Paulus hat keine Job und macht auch keinen guten Job. Sein Dienst ist ihm Geschenk und Leben.

            Mir ist wichtig: Paulus redet hier von sich. Er sagt eben nicht: Christen können nie mutlos und müde werden. Darum ist die Frage falsch gestellt: „Warum kann ein integer auftretender Verkündiger nicht mutlos werden?“ (T. Schmeller, aaO. S.238) Das ist ein Musterbespiel dafür, wie gefährlich es ist, aus persönlichen Sätzen für alle gültige Wahrheiten ableiten zu wollen. Denn die Müdigkeit und Mutlosigkeit machen eben nicht wie von selbst vor den Verkündigern kehrt. Auch heute nicht.

            Mit diesem Dienst, seiner Diakonia verträgt sich allerdings Vieles nicht: Heimlichkeit, List, hinten herum reden. Auch nicht die Anpassung des Wortes Gottes an den Zeitgeschmack oder die Hörer-Vorlieben. Paulus passt sich nicht an und opfert die Klarheit des Evangeliums nicht dem Erfolg bei seinen Hörern.

              Paulus ist für Eindeutigkeit. Was er macht, was er redet, wie er lebt, das dient der Offenbarung der Wahrheit. Der Wahrheit, die aus Gott ist. φανερσει τς ληθεας „Gottes Wirklichkeit offenzulegen“(K. Berger/C. Nord, aaO. S. 119) Es geht Paulus bei der Wahrheit nicht um das, was wir Wahrhaftigkeit nennen würden. Sondern es geht ihm um das Zeugnis vom Handeln Gottes in Jesus. Oder anders gesagt: Die Wahrheit Gottes ist „das Wort vom Kreuz“(1. Korinther 1,18) und ist die Botschaft, dass dieser Gekreuzigte nicht im Tod geblieben ist: „Nun aber ist Christus auferstanden.“(1. Korinther 15, 20) Diese Wahrheit ist die Mitte der Verkündigung des Paulus.  Mit dieser Wahrheit, so ist sich Paulus sicher, können er und seine Gefährte vor dem Gewissen aller Menschen vor Gott bestehen. „Spürbarer Schmerz“ weiterlesen

Gesicht zeigen

  1. Korinther 3,12 – 18

 12 Weil wir nun solche Hoffnung haben, sind wir voller Freimut 13 und nicht wie Mose, der eine Decke über sein Angesicht legte, damit die Israeliten nicht sahen das Ende dessen, was da vergeht.

             Es überliest sich leicht: Der Motor, die Motivation, das treibende Moment für Paulus ist seine Hoffnung. λπίϛ, elpis. Sie hängt daran, dass mitten in einer Welt, in der alles vergeht, das Unvergängliche sichtbar geworden ist: Die Liebe Gottes in Jesus Christus. Der Bund Gottes, der bleibt. Unkündbar in Ewigkeit, weil Gott ihn gewollt und gestiftet hat. „Denn ich bin gewiss, dass weder Tod noch Leben, weder Engel noch Mächte noch Gewalten, weder Gegenwärtiges noch Zukünftiges, weder Hohes noch Tiefes noch irgendeine andere Kreatur uns scheiden kann von der Liebe Gottes, die in Christus Jesus ist, unserm Herrn.“(Römer 8,38-39) Was er im Brief nach Rom wenig später als seine Gewissheit beschreiben wird, das ist zugleich seine Hoffnung, die ihn trägt und treibt.

             Vorweg: ich glaube nicht, dass im ganzen Abschnitt eine Auseinandersetzung mit Gegnern des Paulus geführt wird. Sondern Paulus setzt sich mit dem auseinander, was ihn bis zu seiner Christus-Erfahrung geprägt hat. In seiner jüdischen Prägung, seiner Treue zum Gesetz als Pharisäer, der er einmal war, allerdings spielt Mose eine herausragende Rolle. Umso wichtiger: Die Hoffnung, die Paulus erfüllt und der Freimut – παρρησα -, mit dem er Menschen begegnet, unterscheidet ihn von Mose. Mose hat sein Angesicht nach den Gottesbegegnungen verhüllt. Paulus sagt: Damit die Israeliten nicht sehen, wie die Herrlichkeit verblasst.

            Man wird der Ehrlichkeit halber sagen müssen: So erzählt das 2. Mosebuch nicht! Das ist die Interpretation des Paulus. Im AT heißt es: „Als nun Mose vom Berge Sinai herabstieg, hatte er die zwei Tafeln des Gesetzes in seiner Hand und wusste nicht, dass die Haut seines Angesichts glänzte, weil er mit Gott geredet hatte. Als aber Aaron und ganz Israel sahen, dass die Haut seines Angesichts glänzte, fürchteten sie sich, ihm zu nahen. 31 Da rief sie Mose und sie wandten sich wieder zu ihm, Aaron und alle Obersten der Gemeinde, und er redete mit ihnen. Danach nahten sich ihm auch alle Israeliten…. Und wenn er hineinging vor den HERRN, mit ihm zu reden, tat er die Decke ab, bis er wieder herausging. Und wenn er herauskam und zu den Israeliten redete, was ihm geboten war, sahen die Israeliten, wie die Haut seines Angesichts glänzte. Dann tat er die Decke auf sein Angesicht, bis er wieder hineinging, mit ihm zu reden.“ (2. Mose 34, 29 -32.34-5) Nach der alten Erzählung verbirgt Mose den Glanz auf seinen Angesicht, um der Furcht zu wehren, nicht um zu verbergen, dass der Glanz irgendwann nachlässt. „Gesicht zeigen“ weiterlesen

Ihr seid unser Brief

  1. Korinther 3, 1 – 11

 1 Fangen wir denn abermals an, uns selbst zu empfehlen? Oder brauchen wir, wie gewisse Leute, Empfehlungsbriefe an euch oder von euch?

             Eine schöne, eingängige Übersetzung: Das riecht ja schon wieder sehr nach Eigenlob!“(K. Berger/C. Nord, aaO. S. 117) Der Volksmund weiß bis heute: Eigenlob stinkt. „Dem Apostel ist es, als höre er an dieser Stelle beim Verlesen des Briefes in Korinth Zwischenrufe laut werden: Nun fängt er schon wieder an, sich selbst zu empfehlen!“ (W. de Boor, aaO. S. 67) Gleich neunmal taucht das Wort empfehlen, συνίστημι/συνιστω, im 2. Korintherbrief auf. Auch sonst kommt es fast nur bei Paulus vor. Es spielt also nach seiner Erfahrung und in seinem Umfeld eine große Rolle. „Selbstempfehlung wird von Paulus für sich abgelehnt (3;1; 5,2), für sich akzeptiert (4,2; 6,4) oder den Gegnern vorgeworfen (10,12.18).“ (T. Schmeller, aaO. S.172) Es geht dabei immer um die Legitimation als Apostel, um die Rechtfertigung der eigenen oder der fremden Autoritätsansprüche.

             Wo es keine „amtliche Beauftragung“ gibt, spielen gute Worte, die einer für den anderen einlegt, eine große Rolle. Solche Worte können auch als Briefe verschickt werden. Sie sind dann gewissermaßen Beglaubigungsschreiben: dem könnt ihr trauen. Dem könnt ihr euch anvertrauen. Die Rolle der Empfehlungsschreiben haben in unserer Zeit Zeugnisse übernommen. Sie werden oft genug ergänzt durch das, was an guten Gerüchten im Umlauf ist.

 2 Ihr seid unser Brief, in unser Herz geschrieben, erkannt und gelesen von allen Menschen! 3 Ist doch offenbar geworden, dass ihr ein Brief Christi seid durch unsern Dienst, geschrieben nicht mit Tinte, sondern mit dem Geist des lebendigen Gottes, nicht auf steinerne Tafeln, sondern auf fleischerne Tafeln der Herzen. 4 Solches Vertrauen aber haben wir durch Christus zu Gott

            Paulus erklärt: ich kann auf solche Briefe verzichten – denn ich habe ja euch: Ihr seid unser Brief. In unserem Herzen. Seltsam: Damit wird der scheinbar objektive Tatbestand – es gibt Empfehlungsbriefe – hier zu einer sehr persönlichen Angelegenheit: Ihr seid das, lesbar nur für die, die Zugang zu unserem Herzen haben. Denn nur im Herzen des Paulus ist dieser Brief ja zu lesen. Ob das ernst gemeint ist: erkannt und gelesen von allen Menschen! Können wirklich alle Menschen im Herzen des Paulus lesen? Vermutlich doch nur die, denen er sein Herz öffnet, ausschüttet – so wie er es in diesen Worten gerade tut!  Diese seltsame Zugänglichkeit bzw. Unzugänglichkeit – wer kann schon in das Herz des Paulus schauen – ist ein Argument dafür, dass Paulus das ganze Verfahren der Empfehlungen für unsinnig hält. „Ihr seid unser Brief“ weiterlesen

Zum Riechen

  1. Korinther 2, 12 – 17

 12 Als ich aber nach Troas kam, zu predigen das Evangelium Christi, und mir eine Tür aufgetan war in dem Herrn, 13 da hatte ich keine Ruhe in meinem Geist, weil ich Titus, meinen Bruder, nicht fand; sondern ich nahm Abschied von ihnen und fuhr nach Mazedonien.

             Troas liegt im Nordwesten Kleinasiens, der heutigen Türkei.  „In der Stadt oder ihrem Umland begann der Apostel mit einer erfolgreichen Mission.“ (T. Schmeller, aaO. S.144) Es ist Gott, selbst, der Herr, Kyrios – κυρίος, der ihm den Zugang öffnet – zu den Häusern und zu den Menschen. Das ist die Grundvoraussetzung für die Arbeit des Paulus: der Herr muss Menschen öffnen, muss Türen auftun, muss Herzen bereiten. „Es ist das Wirken Gottes, das sein Wirken trotz aller Schwächen und aller Rückschläge zum Erfolg bringt.“ (T. Schmeller, aaO. S.154) Das ist auch heute die Grundvoraussetzung aller Verkündigung.

Aber, auch wenn es in Troas „gut läuft“ mit dem Evangelium – Paulus findet keine innere Ruhe. Die Unruhe des Apostels hat einen Grund: Titus lässt auf sich warten. Er ist nicht am vereinbarten Treffpunkt. So macht sich Paulus auf die Suche nach ihm. Es mag nur eine Nebensächlichkeit sein, aber diese innere Ruhelosigkeit wegen eines Mitarbeiters, der nicht wie erwartet kommt, zeigt, wie Paulus „nicht einem starren Schema des Dienstes folgt, sondern der lebendige Mensch bleibt“(W. de Boor, aaO. S.60), der sich sorgt und der wegen seines Mitarbeiters Seine Pläne ändert. Erst kommen die Menschen! Das verstehe, wer will: Da ist ein Zugang zu Menschen und Paulus bricht ab, „mitten in dem Erfolg, zu dem ihn der Herr durch die geöffnete Tür geführt hat.“ (T. Schmeller, aaO. S.146)

 14 Gott aber sei gedankt, der uns allezeit im Triumph mitführt in Christus und offenbart den Geruch seiner Erkenntnis durch uns an allen Orten! 15 Denn wir sind für Gott ein Wohlgeruch Christi unter denen, die gerettet werden, und unter denen, die verloren werden: 16 diesen ein Geruch des Todes zum Tode, jenen aber ein Geruch des Lebens zum Leben.

             Es sind Gottes Siege, die Paulus feiert. Paulus ist nicht die Hauptfigur. „Paulus versteht sich in jeder Stunde seines Lebens als einer, der in einer großen Siegesparade mitziehen darf.“ (W. Schenk, aaO. S.107) Hier bezieht sich sein Dank auf die offene Tür in Troas, auf den Zugang zu den Menschen. Das sind Siege, wie sie die Welt nicht feiert. Diese Siege wie in Troas allerdings liegen nicht sozusagen offen zu Tage.

Denn vor aller Augen ist ja schlicht nur Paulus. Keine besonders ansehnliche Gestalt. Vor Augen ist auch nur der kleinen Anfang, ob in Troas oder die kleine Gemeinde in Korinth. Damit mehr gesehen werden kann, muss es zum Offenbaren kommen. „Das Verbum „offenbaren“ (φανερόω – phaneróo) bezieht sich entweder auf die geschehene Heilsoffenbarung (Römer 3,21; 16,26) oder auf die zukünftige (Kolosser 3,4); die Offenbarung im ersteren Sinne vollzieht sich durch die apostolische Missionspredigt.“(H.D. Wendland, aaO. S.176) Im griechischen Wort schwingt immer schon mit – es geht um ein Sichtbarwerden über das Sichtbare hinaus, um die verborgene Wirklichkeit Gottes. Wenn man so will: um Durchblick in die Transzendenz. „Zum Riechen“ weiterlesen

Zwischen Freude und Traurigkeit

  1. Korinther 2, 1 – 11

 1 Ich hatte aber dies bei mir beschlossen, dass ich nicht abermals in Traurigkeit zu euch käme. 2 Denn wenn ich euch traurig mache, wer soll mich dann fröhlich machen? Er, der von mir traurig gemacht wird? 3 Und eben dies habe ich geschrieben, damit ich nicht, wenn ich komme, von denen traurig gemacht werde, über die ich mich freuen sollte. Habe ich doch zu euch allen das Vertrauen, dass meine Freude euer aller Freude ist.

             Hat Paulus seinerzeit in Korinth Traurigkeit erfahren, Trübsinn? Oder spielt er an auf die vielen Nachrichten aus der Gemeinde, die ihn zu seinem ersten Brief gebracht haben, dem man ja über weite Strecken den Schmerz nur zu sehr anspüren kann? Oder gibt es einen Zwischenbesuch, von dem wir nichts wissen und der so traurig für ihn war? Auch diese Vermutung gibt es: „Statt des Besuchs schickt Paulus der Gemeinde den sogenannten Tränenbrief“ (T. Schmeller, aaO. S. 122) Diesen Brief kennen wir nicht. Er ist wohl verloren gegangen. Jedenfalls ist das der Grundgedanke des Paulus – nicht noch einmal in Traurigkeit. Nicht per Post und nicht beim Besuch.

Denn: Wie aus der Falle der Traurigkeit herauskommen? Wer einmal in der Traurigkeit festsitzt, der ist manchmal wie eingemauert. Nichts erreicht ihn mehr. Nicht freut ihn mehr. Alles ist irgendwie grau in grau. Paulus weiß: Es liegt an ihm selbst – er muss den Ausweg finden und gehen. Er kann nicht erwarten, dass andere ihn aufheitern, ihm Gründe zur Freude liefern.  Er muss einen Weg finden, um die verfahrene Lage zu wandeln.

Weil er niemand für die eigene Freude verantwortlich machen kann, hält er sich und den Korinthern vor Augen: meine Freude ist euer aller Freude – und umgekehrt: Ihr seid meine Freude. So wie sie auch sein Ruhm (1,14) sind. Es ist das Suchen nach einem anderen Ton im miteinander – nicht mehr nur Kritik, nicht mehr nur Belehrung, nicht mehr nur Richtigstellungen – Freude. Die Freude, so hofft Paulus, könnte das Fundament einer neuen, heilen Beziehung zwischen ihm und der Gemeinde sein. „Zwischen Freude und Traurigkeit“ weiterlesen

Gehilfe zur Freude – mehr nicht

  1. Korinther 1, 12 – 24

 12 Denn dies ist unser Ruhm: das Zeugnis unseres Gewissens, dass wir in Redlichkeit und göttlicher Lauterkeit, nicht in fleischlicher Weisheit, sondern in der Gnade Gottes unser Leben in der Welt geführt haben, und das vor allem bei euch. 13 Denn wir schreiben euch nichts anderes, als was ihr lest und auch versteht. Ich hoffe aber, ihr werdet es noch völlig verstehen, 14 wie ihr uns zum Teil auch schon verstanden habt, nämlich, dass wir euer Ruhm sind, wie auch ihr unser Ruhm seid am Tage unseres Herrn Jesus.

             Rühmen ist eigentlich nicht das, was wir von Paulus kennen. Darum ist es erstaunlich, dass er schreibt: dies ist unser Ruhm. καχησις, kauchæsis. Sonst weiß Paulus doch: Niemand kann sich vor Gott rühmen. Aber – hier spricht er ja auch nicht im Gegenüber zu Gott, sondern im Gegenüber zu den Leuten in Korinth. „Paulus hat ein reines Gewissen, weil sein Lebenswandel dessen Anforderungen entspricht.“ (T. Schmeller, aaO. S. 81) Er lebt aus dem, was er verkündigt und lebt in Übereinstimmung mit dem, was er verkündigt, in Einfalt und göttlicher Lauterkeit. So lebt er überall und schöpft aus der Gnade. Eben auch uns besonders in Korinth.

            Paulus rechnet – oder muss man besser sagen: hofft – mit einer großen Wende im Verhältnis der Gemeinde zu ihm. „Jetzt klagen sie über ihren Apostel, nennen ihn undurchsichtig und unverständlich und meinen, sich vor ihm in Acht nehmen zu müssen.“ (W. de Boor, Der zweite Brief des Paulus an die Korinther, Wuppertaler Studienbibel, Wuppertal 1975, S.29) Das aber wird ganz anders werden am Tage unseres Herrn Jesus: Dann wird gelten: Wir sind euer Ruhm, wie auch ihr unser Ruhm seid. So wird ist am Ende nur Raum für eine große Dankbarkeit und Freude – von Paulus im Blick auf die Gemeinde, von der Gemeinde im Blick auf Paulus. „Gehilfe zur Freude – mehr nicht“ weiterlesen