Mittler erwünscht

  1. Mose 5, 23 – 33

23 Als ihr aber die Stimme aus der Finsternis hörtet und der Berg im Feuer brannte, tratet ihr zu mir, alle eure Stammeshäupter und eure Ältesten, 24 und spracht: Siehe, der HERR, unser Gott, hat uns sehen lassen seine Herrlichkeit und seine Majestät, und wir haben seine Stimme aus dem Feuer gehört.

             Die Bestätigung aus dem Mund des Volkes: Es ist Gott, der sich uns zugewendet hat. Wir haben verstanden. Dabei ist ein Widerspruch unauflöslich: wir haben gesehen – aber der Text zuvor hebt eindringlich darauf ab: „ihr habt keine Gestalt gesehen an dem Tage, da der HERR mit euch redete aus dem Feuer auf dem Berge Horeb.“(4,15)Da war in der Offenbarung Gottes nichts zu sehen als Feuer, Wolke und Dunkel und doch ist es eindeutig: er hat gesprochen. Wir haben seine Stimme aus dem Feuer gehört. Dieses Hören reicht. So überwältigend groß ist der Eindruck des Geschehens. Deshalb treten sie zu Mose und man ahnt es schon, mit einer Bitte.

Heute haben wir zwar gesehen, dass Gott mit Menschen redet und sie am Leben bleiben. 25 Aber nun, warum sollen wir sterben? Dies große Feuer wird uns noch verzehren! Wenn wir des HERRN, unseres Gottes, Stimme weiter hören, so müssen wir sterben. 26 Kann denn Sterbliches die Stimme des lebendigen Gottes aus dem Feuer reden hören wie wir und doch am Leben bleiben? 27 Tritt du hinzu und höre alles, was der HERR, unser Gott, sagt, und sage es uns. Alles, was der HERR, unser Gott, mit dir reden wird, das wollen wir hören und tun.

             Das Volk ahnt oder scheint doch zu ahnen: Es ist ein Glücksfall, auf dessen Wiederholung man nicht rechnen darf. „Der Augenblick des Redens Gottes wird als eine große Verschonung erfahren; die Angst bleibt, ob diese Verschonung bei weiteren Reden Gottes anhalten wird.“ (D. Schneider, Das fünfte Buch Mose, Wuppertaler Studienbibel, Wuppertal 1982, S. 85) Dahinter wird eine Einsicht erkennbar: wir halten Gott nicht aus. Zwischen den Menschen und Gott, auch zwischen dem Volk Gottes und Gott steht die Erfahrung eines unendlichen Abstands. Darum kommt das Volk auf die Idee, dass es um Mose als Mittler bittet. Dass es ihm eine Empfänger-Rolle zuschreibt, unmittelbares Hören. Sie selbst wollen sich damit zufrieden geben, dass „die Direktheit der Jahweoffenbarung zugunsten einer von Mose vermittelten Botschaft modifiziert“ (G. v. Rad, Das fünfte Buch Mose, ATD 8, Göttingen 1968 S. 43) wird. Dahinter wird die Erfahrung der späteren Zeit stehen: Es sind die Nachfolger des Mose, die Priester, die seine Worte – die des Gottes Israels und die des Mose – bewahren und weitergeben. „Mittler erwünscht“ weiterlesen

Zehn gute Worte

  1. Mose 5, 1 – 22

 1 Und Mose rief ganz Israel zusammen und sprach zu ihnen: Höre, Israel, die Gebote und Rechte, die ich heute vor euren Ohren rede, und lernt sie und bewahrt sie, dass ihr danach tut!

             Das ist der Auftakt: Wieder Höre, Israel. Schʼʽ Jisraʼél Mose wendet sich an ganz Israel. Nicht nur an das übrig gebliebene Südreich Juda, auch nicht nur an das in 732 untergegangene Nordreich Israel. Ganz Israel. Der Träger aller Verheißungen, der Adressaten aller Zusagen Gottes ist immer ganz Israel. Nie nur der einzelne Israelit oder ein kleiner Haufen von Israeliten. Sie alle miteinander sind gerufen zum Leben aus dem Gebot, zum hören – lernen – halten – tun.

 2 Der HERR, unser Gott, hat einen Bund mit uns geschlossen am Horeb. 3 Nicht mit unsern Vätern hat der HERR diesen Bund geschlossen, sondern mit uns, die wir heute hier sind und alle leben. 4 Er hat von Angesicht zu Angesicht mit euch aus dem Feuer auf dem Berge geredet.

             Merkwürdig: Sie stehen doch jetzt nicht am Horeb! Aber die Behauptung der Rede ist: der Bundesschluss vom Horeb ist jetzt, geschieht jetzt mit ihnen, die sie heute hier sind. Und alles, was von der ersten Begegnung am Horeb erzählt wird, wird im Erzählen Gegenwart heute. Selbst „wenn der inzwischen erfolgte Tod der Sinaigeneration außerhalb des Blickwinkels des Sprechers liegen sollte, ist seine Absicht deutlich genug: er will das in Wirklichkeit schon der Vergangenheit angehörende Ereignis des Bundesschlusses seiner Gegenwart aktuell machen.“ (G. v. Rad, Das fünfte Buch Mose, ATD 8, Göttingen 1968, S. 40) Oder anders gesagt: In seinen Worten wird gegenwärtige Wirklichkeit, was früher schon war. Weil Gott sich seiner Worte annimmt und sie zu seinen Worten macht. Das ist nicht Aktualisierung der Worte vom Sinai. Das ist vielmehr: sie ergehen jetzt neu und so wird der Ort jetzt zum „neuen Sinai.“ Das Gebot ergeht neu.

Man könnte vielleicht auch sagen: Da ist kein Unterschied der Zeiten mehr, weil Gott gegenwärtig ist. Gegenwärtig in der Wiederholung seines Gebotes durch den Mund des Mose.      „Zehn gute Worte“ weiterlesen

Gott – Erbarmen ohne Ende

  1. Mose 4, 25 – 40

 25 Wenn du nun Kinder zeugst und Kindeskinder und ihr im Lande wohnt und versündigt euch und macht euch Bildnisse von irgendeiner Gestalt, sodass ihr übel tut vor dem HERRN, deinem Gott, und ihn erzürnt, 26 so rufe ich heute Himmel und Erde zu Zeugen über euch, dass ihr bald weggerafft werdet aus dem Lande, in das ihr geht über den Jordan, um es einzunehmen. Ihr werdet nicht lange darin bleiben, sondern werdet vertilgt werden.

             Der Blick geht nach vorne, in die Zeit, wenn das Land eingenommen sein wird. Wenn das Volk sich vermehren wird. In solch einer Situation des Wachstums, der Sicherheit droht die Gefahr zu vergessen. auch die Gefahr, sich verleiten zu lassen, zu Abfall, zu einem Gottesdienst, der sich Gott in seinen Bildern verfügbar machen will. Dem begegnet dieser Prediger mit seinen Warnungen – wieder konzentriert auf das Bilder-Verbot.

Es sind Warnungen von höchster Dringlichkeit, ruft er doch Himmel und Erde zu Zeugen über euch. Und droht ihnen an, was in den Jahren um 587 geschichtliche Wirklichkeit geworden ist: Verlust des Landes. Es liegt nahe, sich der Sicht des großen Alttestamentlers anzuschließen: „Der Standort des Redenden mit seine Aufforderung, in den früheren Zeiten zu forschen, liegt deutlich am Ende eines lange Geschichtsablaufs.“ (G. v. Rad, Das fünfte Buch Mose, ATD 8, Göttingen 1968, S. 37) Es ist wohl so, dass alte Überlieferung ihre letzte Schrift-Form in einer Gegenwart findet, die hier als Zukunft angesagt wird. Damit ist nichts gegen einen überaus langen und weit in die Erinnerungen zurückgreifenden mündlichen Überlieferungsprozess gesagt.

  27 Und der HERR wird euch zerstreuen unter die Völker, und es wird von euch nur eine geringe Zahl übrig bleiben unter den Heiden, zu denen euch der HERR wegführen wird. 28 Dort werdet ihr Göttern dienen, die das Werk von Menschenhänden sind, Holz und Stein, die weder sehen noch hören noch essen noch riechen können.

          Noch einmal: Das ist Androhung des Exils, wie es seit 587 Wirklichkeit ist. Hier wird der Rahmen der erzählten Zeit gesprengt. Sichtbar wird im angesagten Geschehen eine Weise des Zornes Gottes, die sich öfters findet: „Der Zorn des heiligen Gottes führt zur Vertreibung des Volkes aus dem Land der Verheißung, wo es seinen Bilderdienst nun als Strafe fortsetzen muss, indem es die Bilder der Völker verehrt. So besteht Gottes Gericht darin, das tun zu müssen, – fern von Gott – was man vordem freiwillig tat.“ (D. Schneider, Das fünfte Buch Mose, Wuppertaler Studienbibel, Wuppertal 1982, s. 67) Sie werden jetzt an die stummen Götter gewiesen und müssen erfahren: da ist keine Antwort, kein Erbarmen.  „Gott – Erbarmen ohne Ende“ weiterlesen

Gottes Spur: nur eine Stimme aus dem Dunkel

  1. Mose 4, 15 – 24

15 So hütet euch um eures Lebens willen – denn ihr habt keine Gestalt gesehen an dem Tage, da der HERR mit euch redete aus dem Feuer auf dem Berge Horeb –, 16 dass ihr euch nicht versündigt und euch irgendein Bildnis macht, das gleich sei einem Mann oder einer Frau, 17 einem Tier auf dem Land oder Vogel unter dem Himmel, 18 dem Gewürm auf der Erde oder einem Fisch im Wasser unter der Erde. 19 Hebe auch nicht deine Augen auf zum Himmel, dass du die Sonne sehest und den Mond und die Sterne, das ganze Heer des Himmels, und fallest ab und betest sie an und dienest denen, die der HERR, dein Gott, zugewiesen hat allen Völkern unter dem ganzen Himmel.

             Die Worte bleiben immer noch bei dem Geschehen am Horeb. Ausgesprochen stark wird hervorgehoben, „dass Israel am Horeb nur die Stimme Jahwes gehört, nicht den Augen aber keine Gestalt gesehen habe.“(G. v. Rad, Das fünfte Buch Mose, ATD 8, Göttingen 1968, S. 36) Es drängt sich der Eindruck auf: diese starke Betonung hat damit zu tun, dass das Bilderverbot einen zentralen Lebensnerv Israels getroffen hat. Alle Völker ringsum haben Götterbilder. Nur Israel wird geleitetet von einem völlig kompromisslosen Bilderverbot. Das ist eine der fundamentalen Verschiedenheiten zwischen Israel und den Völkern, zwischen dem Glauben Israels an den einen Gott und den Religionen der Völker.  Die nicht immer leicht zu ertragen ist. Oft sogar unerträglich schwer. „Die Unsichtbarkeit Gottes macht uns kaputt.“(D. Bonhoeffer) Der Satz gilt vielleicht schon für Israel – und heute immer noch.

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Danke für Dein Gebot

  1. Mose 4, 1 – 14

1 Und nun höre, Israel, die Gebote und Rechte, die ich euch lehre, dass ihr sie tun sollt, auf dass ihr lebt und hineinkommt und das Land einnehmt, das euch der HERR, der Gott eurer Väter, gibt. 2 Ihr sollt nichts dazutun zu dem, was ich euch gebiete, und sollt auch nichts davontun, auf dass ihr bewahrt die Gebote des HERRN, eures Gottes, die ich euch gebiete. 3 Eure Augen haben gesehen, was der HERR getan hat bei Baal-Peor; denn jeden, der dem Baal-Peor folgte, hat der HERR, dein Gott, vertilgt aus eurer Mitte. 4 Aber ihr, die ihr dem HERRN, eurem Gott, anhinget, lebt alle heute noch.

             Schʼʽ Jisraʼél.– höre Israel. Allein schon dieser Auftakt unterstreicht das Gewicht der nachfolgenden Worte. Jetzt, nach diesem langen Anlauf durch die Geschichte, kommt die Gegenwart in den Blick. „Die Erzählung der Führungsgeschichte ist an ihr Ende gekommen.“ (D. Schneider, Das fünfte Buch Mose, Wuppertaler Studienbibel, Wuppertal 1982, S. 62)Jetzt setzt der Text neu ein. Mit den nachfolgenden Passagen wird deutlich werden, warum dieses Buch zweites Gesetz, Deuteronomium heißt. Es wird um die Gebote und Rechte gehen, die das Leben in dem Land regeln, das sie einnehmen werden. Es ist, das ist wichtig sich vor Augen zu halten, eine Anrede an die Generation der Kinder, die die Zeit der Wüste überlebt hat und die jetzt im Begriff steht, das Land einzunehmen.

Was folgen wird, ist von großer Bedeutung für die Zukunft. Das wird den Hörenden eingeschärft, durch die „sogenannte Kanonsformel“: Ihr sollt nichts dazutun zu dem, was ich euch gebiete, und sollt auch nichts davontun. Was hier gesagt wird, ist Existenz-Grundlage für das Leben im Land. „Das Deuteronomium ist der Vorstellung von einem verbindlichen Lehrganzen tatsächlich nicht mehr sehr ferne.“ (G. v. Rad, Das fünfte Buch Mose, ATD 8, Göttingen 1968, S. 36) Man wird aber gut daran tun, hier nicht einfach nur lernbare Sätze und lehrbare Weisungen zu hören. Das Lehrganze umfasst eben auch die Erfahrungen auf dem Weg. Israel hat nie die Worte der Weisungen als abgelöst von den Erfahrungen der Führungen Gottes verstanden. „Danke für Dein Gebot“ weiterlesen

Ich habe einen Traum

  1. Mose 3, 12 – 29

12 Dies Land nahmen wir damals ein. Von Aroër an, das am Fluss Arnon liegt, gab ich’s den Rubenitern und Gaditern samt dem halben Gebirge Gilead mit seinen Städten. 13 Aber das übrige Gilead und das ganze Baschan, das Königreich Ogs, gab ich dem halben Stamm Manasse, die ganze Gegend von Argob. Dies ganze Baschan heißt »Land der Riesen«. 14 Jaïr, der Sohn Manasses, nahm die ganze Gegend von Argob ein bis an die Grenze der Geschuriter und Maachatiter und nannte Baschan nach seinem Namen »Dörfer Jaïrs« bis auf den heutigen Tag. 15 Machir aber gab ich Gilead. 16 Und den Rubenitern und Gaditern gab ich ein Gebiet von Gilead bis zum Arnon, bis zur Mitte des Flusses mit seinem Uferland, und bis zum Jabbok, dem Grenzfluss der Ammoniter; 17 dazu das Jordantal mit dem Jordan und seinem Uferland, von Kinneret bis an das Meer der Araba, das ist das Salzmeer, am Fuße der Abhänge des Pisga nach Osten hin.

             Das ist ein kurzer Überblick – über die Landverteilung vor der Landnahme. Es geht um das Ost-Jordan-Land. Dieses Land wird zum Siedlungsgebiet für die Stämme Ruben, Gad und den halben Stamm Manasse. Eine Auflistung „mit einer beinahe protokollarischen Sachlichkeit.“ (G. v. Rad, Das fünfte Buch Mose, ATD 8, Göttingen 1968, S. 32) Wer sich aber die Sorgfalt vor Augen hält, mit denen Geschlechtsregister in Israel überliefert werden, wundert sich nicht. An dieser Genauigkeit hängen ja Gebietsansprüche der Stämme untereinander. Es geht nicht nur um historische Erinnerung, sondern auch um Einfluss-Bereiche jetzt, zur Zeit der Abfassung des Buches.

18 Und ich gebot ihnen zu der Zeit: Der HERR, euer Gott, hat euch dies Land gegeben, um es einzunehmen. So zieht nun gerüstet vor euren Brüdern, den Israeliten, her, all ihr Kriegsleute. 19 Nur eure Frauen und Kinder und euer Vieh – denn ich weiß, dass ihr viel Vieh habt – lasst in euren Städten bleiben, die ich euch gegeben habe, 20 bis der HERR eure Brüder auch zur Ruhe bringt wie euch, dass sie auch das Land einnehmen, das ihnen der HERR, euer Gott, geben wird jenseits des Jordans. Danach sollt ihr dann zurückkehren zu eurem Besitz, den ich euch gegeben habe.

             Betont in die Mitte gerückt wird hier die Beistandsverpflichtung für die Stämme, die ihr Siedlungsgebiet schon erreicht haben – Ruben und Gad. Sie sollen Frauen, Kinder und Vieh in diesem Traum lassen. Nur die waffenfähigen Männer sollen mitziehen. Damit sie die Brüder unterstützen, bis auch diese ihr Land einnehmen und so zur Ruhe kommen. Jenseits des Jordans. Es ist ihre Verpflichtung, auf diesem Weg ins Land Beistand zu leisten. „Es ist Sache des ganzen Volkes, sich an der Eroberung zu beteiligen.“ (D. Schneider, Das fünfte Buch Mose, Wuppertaler Studienbibel, Wuppertal 1982, S. 53) Das ist eine deutliche Absage allen Stammes-Egoismus, den es auch gegeben haben mag. Dahinter steht das Wissen: Zukunft hat Israel nur als ganz Israel, nie, wenn es sich in Nord und Süd auseinander dividiert oder gar den Partikular-Interessen der einzelnen Stämme unterliegt.       „Ich habe einen Traum“ weiterlesen

Gott des Gemetzels?

  1. Mose 2, 16 – 25 (26 – 37)

16 Und als alle Kriegsleute aus dem Volk gestorben waren, 17 redete der HERR mit mir und sprach: 18 Du wirst heute durch das Gebiet der Moabiter ziehen bei Ar 19 und wirst in die Nähe der Ammoniter kommen. Denen sollst du keinen Schaden tun noch sie bekriegen; ich will dir vom Lande der Ammoniter nichts zum Besitz geben, denn ich hab’s den Söhnen Lot zum Besitz gegeben. – 20 Auch dies gilt als Land der Riesen, und es haben auch vorzeiten Riesen darin gewohnt, und die Ammoniter nennen sie Samsummiter. 21 Das war ein großes, starkes und hochgewachsenes Volk wie die Anakiter. Und der HERR vertilgte sie vor ihnen und ließ sie ihr Land besitzen, sodass sie an ihrer statt dort wohnten, 22 gleichwie er’s getan hat mit den Söhnen Esau, die auf dem Gebirge Seïr wohnen, als er die Horiter vor ihnen vertilgte und sie deren Land besitzen ließ, sodass sie dort an ihrer statt wohnten bis auf diesen Tag. 23 Ebenso erging es den Awitern, die in Gehöften wohnten bis nach Gaza: Die Kaftoriter, die aus Kaftor gezogen waren, vertilgten sie und wohnten dort an ihrer statt.

             Wieder ist es der HERR, der Israel in Gang setzt. Der ihm die Regel gibt, wie es den Völkern begegnen soll. Und wieder die Klarstellung: Das  Land der Ammoniter ist nicht das Land, das Israel bestimmt ist. Nur ein Durchzugsgebiet. Nur Land, das ihr streift. Und noch einmal der Hinweis, den heutige Leser allzuleicht überlesen: Der Herr gibt auch den anderen Völkern ihr Land.  Ammonitern, den Söhnen Esaus, den Kaftoritern. Das ist mehr als nur historische Notiz. Dahinter steht die Sicht des Glaubens: „Es ist nicht so, dass nur Israel im Gesichtskreis Gottes wäre. Gott handelt für sein auserwähltes Volk und ordnet zugleich rings um dieses eine Volk das Geschick der Völker.“(D. Schneider, Das fünfte Buch Mose, Wuppertaler Studienbibel, Wuppertal 1982, S. 50) Das Geschehen ist also nicht einfach Völker-Wanderung, in der ein Volk das andere verdrängt. Hier zeigt sich die israelitische Überzeugung vom Geschichtshandeln Gottes im Geschick der Völker.

24 Macht euch auf und zieht aus und geht über den Arnon! Siehe, ich habe Sihon, den König der Amoriter zu Heschbon, in deine Hand gegeben mit seinem Lande. Fang an, es einzunehmen, und kämpfe mit ihm. 25 Von heute an will ich Furcht und Schrecken vor dir auf alle Völker unter dem ganzen Himmel legen, damit, wenn sie von dir hören, ihnen bange und weh werden soll vor deinem Kommen.

             „Die Rede markiert in V. 24 eine tiefe Zäsur. Das Verhalten Israels den anderen Völkern gegenüber ändert sich von jetzt an, weil Israel in die Eroberung des verheißenen Landes eintritt.“ (G. v. Rad, Das fünfte Buch Mose, ATD 8, Göttingen 1968, S. 32) Mit dem Arnon wird die Grenze überschritten. Furcht und Schrecken laufen dem Volk voraus. Das sind Merkmale des Gotteskrieges, selbst wenn sie nicht nur im Zusammenhang des Krieges gelesen sein wollen. Dass Gott sich dieses Volkes so annimmt, dass er so unbedingt auf seiner Seite steht, auch das bereitet  Furcht und Schrecken. Auch das Heilige birgt Schrecken.    „Gott des Gemetzels?“ weiterlesen

Friedenspflicht – Vertrauensaufruf

  1. Mose 2, 1 – 15

1 Dann wandten wir uns und zogen wieder in die Wüste auf der Straße zum Schilfmeer, wie der HERR zu mir gesagt hatte, und umzogen das Gebirge Seïr eine lange Zeit. 2 Und der HERR sprach zu mir: 3 Ihr habt dies Gebirge lange genug umzogen; wendet euch nach Norden.

             Jetzt geht der Weg Israels zurück in die Wüste.  Die Frage ist, ob sie damit nach der Niederlage nun doch der Wegweisung Gottes folgen. „Die zielgerichtete Führung durch die Wüste war zu einem ziellosen Umherirren geworden.“ (D. Schneider, Das fünfte Buch Mose, Wuppertaler Studienbibel, Wuppertal 1982, S. 44) Für lange Zeit ist keine Richtung in Sicht. Es geht immer nur um das Gebirge Seïr, bis Gott sagen wird: es ist genug.

 4 Und gebiete dem Volk und sprich: Ihr werdet durch das Land eurer Brüder, der Söhne Esau, ziehen, die auf dem Seïr wohnen, und sie werden sich vor euch fürchten. Da hütet euch nun sehr! 5 Fangt keinen Krieg mit ihnen an, denn ich werde euch von ihrem Lande nicht einen Fußbreit geben, denn das Gebirge Seïr habe ich den Söhnen Esau zum Besitz gegeben. 6 Speise sollt ihr für Geld von ihnen kaufen, damit ihr zu essen habt, auch Wasser sollt ihr für Geld von ihnen kaufen, damit ihr zu trinken habt.

             Es ist das Wort des HERRN an Mose, das dem ziellosen Wandern im Kreis wieder eine neue Richtung gibt. Durch das Gebirge, auf dem die Nachfahren Esaus leben, die Edomiter. Es fällt auf, wie streng hier Israel gewarnt wird: Fangt keinen Krieg mit ihnen an, denn ich werde euch von ihrem Lande nicht einen Fußbreit geben. Der HERR, der Israel sein Land verheißen hat, der hat auch den Söhnen Esaus ihr Land zu ihrem Besitz gegeben. Israel „hat darauf zu achten, dass Gott nicht nur Israel, sondern auch anderen Nachkommen aus der Abraham-Linie ein bestimmtes Land zugewiesen hat.“(D. Schneider, ebda.) Daraus ergibt sich „Friedenspflicht“. Daraus ergibt sich auch, dass es keine gewaltsamen Übergriffe geben soll, um das eigene Überleben zu sichern. Bezahlen für Wasser und Brot.

Es ist Respekt vor dem Lebensrecht der anderen Völker, zumal sie in den Umkreis der Nachfahren Abrahams gehören. „Israel kennt also nicht nur zu besiegende Feinde, sondern auch zu respektierende Nachbarvölker!“(D. Schneider, aaO. S. 45)Wer die Schriften Israel weiter liest, nimmt auch wahr: Das ist nicht immer so gesehen und gelebt worden. Und wer diese Region heute sieht, weiß auch: Das würde auch heute alles verändern, wenn sie anfangen könnten, sich als zu respektierende Nachbarvölker zu sehen!

Es fällt sorgfältigen Bibelleser*innen auf: Einigermaßen zeitnah entstehen bei den Propheten Jeremia und Hesekiel die so überaus harten Fremdvölker-Sprüche, auch gegen Edom, auch gegen Moab. Daraus ist zu lesen: es gibt beide Stimmen in Israel – die Stimmen, die zu Frieden und Ausgleich mahnen und die Stimmen der Erfahrungen die in bittere Feindschaft umschlagen können. Aber nie ist hier Raum, Völker so zu verunglimpfen, dass sie aus einem „shithole“ stammen. Sie sind eure Brüder!

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Zurück in die Vergangenheit.

  1. Mose 1, 34 – 46

34 Als aber der HERR euer Geschrei hörte, wurde er zornig und schwor und sprach: 35 Es soll keiner von diesem bösen Geschlecht das gute Land sehen, das ich ihren Vätern zu geben geschworen habe, 36 außer Kaleb, dem Sohn Jefunnes; der soll es sehen. Ihm und seinen Nachkommen will ich das Land geben, das er betreten hat, weil er dem HERRN treu gefolgt ist!

Das Geschrei des Volkes bleibt nicht ungehört, auch wenn es in seiner Undankbarkeit unerhört ist. Aber es löst nicht Achselzucken bei Gott aus: so sind sie halt. Sondern diesmal ist Reaktion hart: Ihr wollt dieses gute Land nicht. Also werdet ihr es auch nicht sehen. Die sich dem Weg verweigern, den Gott ihnen aufgemacht hat, müssen erfahren, dass ihn sich damit selbst verschlossen haben.

Nur eine Ausnahme wird zunächst genannt: Kaleb. Warum er in das Land kommen darf, erschließt sich aus dem vorliegenden Text nur durch den Hinweis: weil er dem HERRN treu gefolgt ist! Kaleb hatte zu den Kundschaftern gehört. Er hatte das Land schon betreten und er hat geglaubt, dass Gott den Weg dorthin frei macht.

37 Auch über mich wurde der HERR zornig um euretwillen und sprach: Auch du sollst dort nicht hineinkommen. 38 Aber Josua, der Sohn Nuns, der dein Diener ist, der soll hineinkommen. Den stärke, denn er soll Israel den Erbbesitz austeilen. 39 Und eure Säuglinge, von denen ihr sagtet, sie würden zur Beute werden, und eure Kinder, die jetzt weder Gutes noch Böses verstehen, die sollen hineinkommen; ihnen will ich’s geben, und sie sollen es in Besitz nehmen. 40 Ihr aber, wendet euch und zieht in die Wüste den Weg zum Schilfmeer.

Selbst Mose ist mithineingezogen in das Strafurteil Gottes. Auch ihm ist der Weg versperrt. „Es bleibt dunkel, warum Mose das verheißene Land nicht betreten darf. Dass Mose in seinem schweren Amt die Geduld oftmals verlor und sich in Zorn und Erbitterung unziemlich vor Gott verhielt, erscheint uns sehr verständlich und einer solch harten Strafe nicht wert.“ (D. Schneider, Das fünfte Buch Mose, Wuppertaler Studienbibel, Wuppertal 1982, S. 42) Es ist das Schicksal, das sich immer neu wiederholt. Auch die Warner, auch die Mahner werden mitgerissen in den Untergang. Sich dem Unrecht und Unglauben  in den Weg zu stellen ist kein Weg, seinen Folgen zu entgehen.

Es kommt wie ein zweiter Nachtrag vor: Aber Josua, der Sohn Nuns, der dein Diener ist, der soll hineinkommen. Er ist der zweite, der von der Aussperrung aus dem gelobten Land ausgenommen wird. Die Strafe für die Wüsten-Generation ist das eine. Die Fürsorge für die nachfolgende Generation, für ganz Israel aber das andere. Sie werden die dritte Ausnahme von der Strafverfügung. Die „unschuldigen Kinder“, die noch nicht urteilsfähig und noch nicht entscheidungsfähig sind, die sollen das Land besitzen. Sie kennen sich nicht aus – sie verstehen weder Gutes noch Böses. Sie wissen noch nicht, „was gut und böse ist.“(1. Mose 3,5) „Zurück in die Vergangenheit.“ weiterlesen

Aufbruch, zögerlich

  1. Mose 1, 19 – 33

19 Dann brachen wir auf vom Horeb und zogen durch die ganze Wüste, die groß und furchtbar ist, wie ihr gesehen habt, auf der Straße zum Gebirge der Amoriter, wie uns der HERR, unser Gott, geboten hatte, und kamen bis nach Kadesch-Barnea. 20 Da sprach ich zu euch: Ihr seid an das Gebirge der Amoriter gekommen, das uns der HERR, unser Gott, gibt. 21 Siehe, der HERR, dein Gott, hat dir das Land gegeben; zieh hinauf und nimm’s ein, wie der HERR, der Gott deiner Väter, dir zugesagt hat. Fürchte dich nicht und lass dir nicht grauen.

         Wer das 4. Buch Mose gelesen hat, staunt: Geradezu zielgerichtet geht der Weg vom Horeb nach Kadesch-Barnea. Vielleicht liegt es daran, dass Israel dieses eine Mal den Weg so wählt, wie uns der HERR, unser Gott, geboten hatte. Die vielen Zwischenstationen werden übersprungen. Die Führungen Gottes, die Ausfälle des Volkes, das Murren am Haderwasser – alles kein Thema, mit keiner Silbe erwähnt. Nur darauf kommt es an: Das Volk hat sein Ziel vor Augen, das Land, von dem Mose sagt:  der HERR, dein Gott, hat dir das Land gegeben; zieh hinauf und nimm’s ein. Es liegt wie eine reife Frucht vor ihnen. Zupacken ist angesagt. „Der Befehl:Fürchte dich nicht, erschrick nicht“ ist keine bodenlose Zumutung mehr.“ (D. Schneider, Das fünfte Buch Mose, Wuppertaler Studienbibel, Wuppertal 1982. S. 40 )

 22 Da kamt ihr alle zu mir und spracht: Lasst uns Männer vor uns her senden, die uns das Land erkunden und uns berichten, auf welchem Weg wir hinaufziehen sollen, und die Städte, zu denen wir kommen werden. 23 Das gefiel mir gut, und ich nahm von euch zwölf Männer, von jedem Stamm einen. 24 Als diese weggingen und hinaufzogen auf das Gebirge und an das Traubental kamen, da erkundeten sie das Land 25 und nahmen von den Früchten des Landes mit sich und brachten sie herab zu uns und berichteten uns und sprachen: Das Land ist gut, das der HERR, unser Gott, uns gegeben hat.

             Wieder wird anders erzählt als im 4. Buch Mose. Da ist es der HERR, der die „Idee“ mit den Kundschaftern hat. Hier ist es das Volk, das diesen Spähtrupp vorschlägt und Mose findet den Vorschlag gut. Es ist ja auch nur vernünftig zu wissen, worauf man sich einlässt. Die Überlegung dahinter könnte sein: kommen die Kundschafter mit guten Nachrichten zurück, so sind sie im Volk ein Stück „sicherer“, dass alles in Ordnung gehen wird. Die Späher durchziehen das Land und erfüllen ihren Auftrag. Ihre Botschaft ist eindeutig:  Das Land ist gut, das der HERR, unser Gott, uns gegeben hat. Wir müssen nur noch zugreifen. Und es lohnt sich.            „Aufbruch, zögerlich“ weiterlesen