Nachwahl

Apostelgeschichte 1, 15 – 26

15 Und in den Tagen trat Petrus auf unter den Brüdern – es war aber eine Menge beisammen von etwa hundertzwanzig – und sprach:

  Petrus ist der Sprecher des Jünger-Kreises. Er ergreift die Initiative. Die Nacht im Palast des Hohenpriesters, seine Verleugnung Jesu hat daran nichts geändert. Es wird kein Wort darüber verloren, ob und wie er rehabilitiert worden ist. Die Begegnung mit Jesus ist genug. Diese Begegnung wird im Johannes-Evangelium erzählt – Lukas schweigt sich darüber aus. Es reicht: Petrus hat das Wort.

Die andere Information: Es ist ein Kreis von etwa hundertzwanzig zusammen. Gemeint sind wohl nur die Männer. Unser Bild vom aufrechten Häuflein der Zwölf stimmt also nicht. Die Jesus-Bewegung hat

 Was darüber hinaus wichtig ist. Petrus wirbt bei diesen Hundertzwanzig um Zustimmung zu seinem Vorschlag. Es geht nicht an, die Jesus-Bewegung autoritär, durch schlichtes Befehlen zu führen. Das Wissen darum, dass nur einer „der Herr“ ist, ist dieser ersten Gemeinde tief eingepflanzt. „Aber ihr sollt euch nicht Rabbi nennen lassen; denn einer ist euer Meister; ihr aber seid alle Brüder.“ (Matthäus 23,8) Der Herr selbst, der Meister hat es sie gelehrt, dass sie eine Gemeinschaft von Brüdern und Schwestern sind. Hierarchien, „heilige Rang-Ordnungen“ sind nicht die Sache dieser ersten Gemeinde. „Nachwahl“ weiterlesen

Abschied – aber nicht für immer

Apostelgeschichte 1, 1 – 14

 Den ersten Bericht habe ich gegeben, lieber Theophilus, von all dem, was Jesus von Anfang an tat und lehrte 2 bis zu dem Tag, an dem er aufgenommen wurde, nachdem er den Aposteln, die er erwählt hatte, durch den Heiligen Geist Weisung gegeben hatte.

 Es ist noch nicht alles erzählt. Es geht weiter. Wie es weitergeht, das wird der Inhalt dessen sein, was der Gottesfreund Theophilus zu lesen bekommt. Wenn etwas erzählt wird, hilft es dem Glauben auf die Beine. Das ist anders als bei uns. Bei uns scheint man zu denken: Dem Glauben hilft auf die Beine, wer ihn erklärt, wer ihn auf den Begriff bringt. Lukas dagegen möchte erzählen, weil er seinem Erzählen zutraut, dass es Kraft hat und Mut macht, Mut zum Glauben.

 Eine knappe Andeutung fasst das Evangelium zusammen: Vom Anfang des Handelns Jesu bis zum Tag der Himmelfahrt, genauer bis zu dem Tag, an dem er aufgenommen wurde. Die so ausführliche Vor-Geschichte um Ankündigung, Geburt und Kindheit Jesu fällt weg. Hier geht es nur noch um Jesu Handeln, nicht mehr um seine himmlische Herkunft. „Abschied – aber nicht für immer“ weiterlesen

Mutter-Rat

Sprüche 31, 1 – 9

 Dies sind die Worte Lemuels, des Königs von Massa, die ihn seine Mutter lehrte.

            So wenig ich weiß, wer Agur ist, so wenig weiß ich auch, wer Lemuel ist. Und Massa kenne ich nur als einen Nachkommen Ismaels. Allerdings ist das nicht so wichtig. Wichtiger ist, was über Lemuel hier geschrieben steht. Es geht um seine Worte, die ihn seine Mutter lehrte. Das ist einzigartig in der Hebräischen Bibel, dass eine Textpassage ausdrücklich einer Frau zugeschrieben wird. Dahinter dürfte stehen: „Mütter haben für einen minderjährigen Thronfolger die Regierungsgeschäfte geführt.“ (W. Dietrich, Das Buch der Sprüche, Wuppertaler Studienbibel, Wuppertal 1985, S. 314) Dies gibt den nachfolgenden Worten noch einmal ein besonderes Gewicht.

Lemuel hat diese Worte mitbekommen auf den Weg seines Lebens. Worte einer königlichen Mutter. Sie haben sich so tief eingeprägt, dass er sie wieder hervorholen kann aus seinem Gedächtnis. Worte, die andere auf den Weg des Lebens gesagt haben, die es gut mit einem meinen. Worte der Großeltern, der Väter, der Mütter.

 Es sind nicht unbedingt die Väter, die königliche Söhne lehren. Jedenfalls nicht in den prägenden ersten Lebens-Jahren. Es sind vor allem – so ist das ja auch heute noch – Mütter, die Kinder auf den Weg des Lebens stellen. Sie lehren sie sprechen, laufen, die Welt sehen. Sie wenden sich ihnen zu und helfen ihnen damit, sich selbst der Welt zuzuwenden. Sie bieten ihnen Schutz und helfen ihnen damit, sich in die Welt zu wagen. Und sie geben ihnen ihre Worte mit auf den Weg.

2 Was, mein Auserwählter, soll ich dir sagen, was, du Sohn meines Leibes, was, mein erbetener Sohn? 3 Lass nicht den Frauen deine Kraft und geh nicht die Wege, auf denen sich die Könige verderben!

 Ob es typisch ist, weiß ich nicht, aber es fällt auf: Lemuels Mutter warnt. Ihre Weise, den Weg ins Leben zu zeigen ist Warnen: Leben ist gefährdet. Sie warnt wohl auch deshalb, weil sie in einer besonderen Verbindung zu ihrem Sohn steht: mein Auserwählter… , du Sohn meines Leibes, mein erbetener Sohn. Es ist ein ersehnter Sohn, ein Kind der Sehnsucht, der Liebe. Ein „Sohn meiner Gelübde.“(M. Buber / F. Rosenzweig, aaO. S. 272) Hat sie lange auf ihn warten müssen und die Hoffnung fast schon aufgegeben? Ist sie deshalb auch besonders besorgt um ihn? Es wäre kein Einzelfall in den biblischen Texten. Auch Samuel ist ein Sohn, der schon vor seiner Zeugung mit einem Gelöbnis verbunden ist. So heißt es von seiner Mutter Hannah: „Und sie war von Herzen betrübt und betete zum HERRN und weinte sehr und gelobte ein Gelübde und sprach: HERR Zebaoth, wirst du das Elend deiner Magd ansehen und an mich gedenken und deiner Magd nicht vergessen und wirst du deiner Magd einen Sohn geben, so will ich ihn dem HERRN geben sein Leben lang, und kein Schermesser soll auf sein Haupt kommen.(1. Samuel 1, 10-11) „Mutter-Rat“ weiterlesen

Meinen Grenzen Frieden

Sprüche 30, 1 – 19

1 Dies sind die Worte Agurs, des Sohnes des Jake, aus Massa.

 Wer ist Agur? Ich weiß nichts von ihm und ich habe keinen Kommentar, in dem ich etwas über ihn erfahren würde. Da steht auch nur: „Sowohl Agur als auch sein Vater Jake sind uns völlig unbekannt.“ (H. Ringgren, Sprüche, ATD16, Göttingen 1962, S. 115) Aber immerhin: Er gehört in eine Generationenfolge und an einen bestimmten Ort.

Es spricht der Mann: Ich habe mich gemüht, o Gott, ich habe mich gemüht, o Gott, und muss davon lassen. 2 Denn ich bin der Allertörichtste, und Menschenverstand habe ich nicht. 3 Weisheit hab ich nicht gelernt, und Erkenntnis des Heiligen habe ich nicht.

Das ist ein bitteres Eingeständnis: Ich kann Gott nicht begreifen.  Trotz aller Mühe – es reicht nicht aus. Ich bin mit meiner Weisheit am Ende. Es liegt nicht am eigenen Denkvermögen, am guten Willen auch, Gott zu verstehen.  Dieses vergeblich des Suchens nach Erkenntnis liegt daran, dass Gott Gott ist und der Mensch nur ein Mensch. Es liegt daran, dass die Größe Gottes sich unserem Begreifen schlicht entzieht. Es ist das ein wenig resignierende Akzeptieren der Weisheit Israels: Wir vermögen es grundsätzlich nicht, Gott zu fassen.

4 Wer ist hinaufgefahren zum Himmel und wieder herab? Wer hat den Wind in seine Hände gefasst? Wer hat die Wasser in ein Kleid gebunden? Wer hat alle Enden der Welt bestimmt? Wie heißt er? Und wie heißt sein Sohn? Weißt du das? 5 Alle Worte Gottes sind durchläutert; er ist ein Schild denen, die auf ihn trauen. 6 Tu nichts zu seinen Worten hinzu, dass er dich nicht zur Rechenschaft ziehe und du als Lügner dastehst.

   Die Worte Agurs erinnern an die Rede Gottes an Hiob, in der er Hiob in die Schranken weist: „Wer ist’s, der den Ratschluss verdunkelt mit Worten ohne Verstand? Gürte deine Lenden wie ein Mann! Ich will dich fragen, lehre mich! Wo warst du, als ich die Erde gründete? Sage mir’s, wenn du so klug bist! Weißt du, wer ihr das Maß gesetzt hat oder wer über sie die Richtschnur gezogen hat? … Hast du zu deiner Zeit dem Morgen geboten und der Morgenröte ihren Ort gezeigt, damit sie die Ecken der Erde fasste und die Gottlosen herausgeschüttelt würden? Hiob 38, 2 –5. 12 – 13) Mit einer Kaskade an Fragen wird die Sicherheit des Menschen zerschlagen. Das Ergebnis: Hiob weiß nicht eine Antwort.

Beide Texte sind wohl zeitlich und inhaltlich nahe beieinander. Die Weisheit Israels mutet es zu, dem Glauben an Gott Raum zu geben, ohne auch nur annähernd Antwort auf alle Fragen zu haben. Sie verurteilt zu einem Schweigen, das sich unter die Größe Gottes beugt. Gott ist Schild denen, die auf ihn trauen. Mehr ist nicht zu sagen. Das alte Israel der Mosebücher und der Propheten hatte diese Zuversicht aus dem Geschichtshandeln Gottes gewonnen, aus seiner Führung und seiner Bewahrung. Davon reden die Bücher der Weisheit (Hiob, Prediger, Sprüche) nicht mehr. Sie sehen auf die Schöpfung und ahnen dahinter einen schweigenden, verborgenen Gott. Vor ihm beugen sie sich – und beschränken sich dann auf praktische Lebensweisheiten. „Meinen Grenzen Frieden“ weiterlesen

Bewahre uns, Gott

Sprüche 29, 1 – 18

1 Wer gegen alle Warnung halsstarrig ist, der wird plötzlich verderben ohne alle Hilfe. 2 Wenn der Gerechten viel sind, freut sich das Volk; wenn aber der Gottlose herrscht, seufzt das Volk. 3 Wer Weisheit liebt, erfreut seinen Vater; wer aber mit Huren umgeht, kommt um sein Gut. 4 Ein König richtet das Land auf durchs Recht; wer aber viel Steuern erhebt, richtet es zugrunde.

Zusammenleben. Miteinander auskommen. Dafür sind Tugenden nötig, die heute nicht mehr allzu hoch im Ansehen zu stehen scheinen. Sich zurück nehmen können. Auch anderen Raum lassen. Bereit sein, sich raten zu lassen und Rat zugeben, aber nie ungefragt. Wahr erscheint mir: Wo solche Leute am Werk sind, da entsteht ein Freiraum, da kann man aufatmen und sich entfalten.

   Es wird immer wieder sichtbar, dass die Sprüche auch und gerade auf das Führungspersonal der Gesellschaft zielen. Es ist für das Volk eine Wohltat, wenn die Gerechten, „die Bewährten“ übersetzt Buber wiederholt, die Mehrheit haben, die Geschicke des Volkes bestimmen. „Wenn die Gerechten herrschen, ist alles gut.“ (H. Ringgren, Sprüche, ATD16, Göttingen 1962, S. 112) Wenn aber Gottlose, „die Frevlerschaft“ (Buber/Rosenzweig, aaO. S, 266) an der Macht sind, alte Seilschaften sich ihren Einfluss sichern, egal wie, dann geht es dem Chaos entgegen. An Anschauungsmaterial dafür ist aktuell weltweit leider kein Mangel.

Das Wort von den Steuern begleitet mich seit Jahren. Ein König richtet das Land auf durchs Recht; wer aber viel Steuern erhebt, richtet es zugrunde. Es ist ein Fünkchen Wahrheit drin: Wo die Steuern gefühlt unerträglich werden, entstehen Fluchtreflexe. Wann allerdings Steuern unerträglich sind, das ist eine sehr individuelle Wahrnehmung. Entscheidend ist allerdings der andere Hinweis: Es sind nicht die Steuern, die ein Land in Ordnung bringen, sondern die Art und Weise, wie mit dem Recht umgegangen wird. Damit wird einem deutschen Irrglauben gewehrt: Es ist nicht die Höhe der Steuereinnahmen, die die Qualität eines Landes ausmacht. Sondern es ist eher die Art, wie Recht und Gerechtigkeit zum Tragen kommen. „Bewahre uns, Gott“ weiterlesen