Maßt euch keine Urteile an!

Lukas 13, 1 – 5

 1 Es kamen aber zu der Zeit einige, die berichteten ihm von den Galiläern, deren Blut Pilatus mit ihren Opfern vermischt hatte.

             Es ist, als würden in das Gespräch Jesu mit den Jüngern und der Menge Leute hineinplatzen. Die dazukommen. Aufgeregt. Sie kommen, „um ihm die schauerliche Nachricht vom Untergang der Galiläer zu bringen.“ (F. Rienecker, Das Evangelium des Lukas, Wuppertaler Studienbibel, Wuppertal 1976, S. 328) Ihm, weil sie wissen, dass Jesus aus Galiläa stammt. Weil sie ihm vielleicht deshalb eine besondere Nähe zu diesen Leuten unterstellen. Oder auch, um ihn zu warnen? Galiläa – so viel wissen wir, war in dieser Zeit ein Unruheherd, angeheizt mit  sozialem Brennstoff durch Ungerechtigkeit und Gewaltakte.

Pilatus, auch das wissen wir, hat einiges an harten Aktionen zu verantworten. Er kennt kein Zögern, wenn es darum geht, die römische Macht zu behaupten und die Ruhe im Land herzustellen. „Es ist denkbar, dass jene Galiläer in ihrer Unruhe und Empörung in irgendeinen Aufstand verflochten waren, dass Pilatus in seinem Zorn den Befehl gab, sie zu erschlagen, wo auch immer man sie fand.“ (F. Rienecker, ebda.) Es ist in seinen Augen wohl auch nicht schlimm, wenn es eine Friedhofs-Ruhe ist. So geht es hier um ein Ereignis, das die Zeitgenossen Jesu vermutlich heftig erregt hat: Im Tempelbezirk hat Pilatus galiläische Pilger umbringen lassen, die beim Opfer waren. Das weist auf die Passah-Zeit hin, denn nur da gibt ist es so, dass die Pilger selbst opfern. Es ist brutale Gewalt: Beim Vollzug einer religiösen Handlung selbst zum Opfer zu werden, wohl unter dem Vorwurf des Terrorismus. Schon der Verdacht der Unruhen, die Vermutung der möglichen Gewalt genügt den Römern, um hart einzugreifen. Und es spricht für ein Maß an Arroganz und Ignoranz der jüdischen Seite und religiösen Gefühlen gegenüber, das schwer zu ertragen ist. „Maßt euch keine Urteile an!“ weiterlesen

Standfest werden

Lukas 12, 54 – 59

          Bis hierhin waren die Jünger die Adressaten der Worte Jesu. Sie bekommen von ihm die Kosten ihrer Jüngerschaft vor Augen gestellt. Sie werden auch vor Illusionen gewarnt. Im Folgenden wechseln die Adressaten – jetzt wendet sich Jesus an die Menge.

 54 Er sprach aber zu der Menge: Wenn ihr eine Wolke aufsteigen seht vom Westen her, so sagt ihr gleich: Es gibt Regen. Und es geschieht so. 55 Und wenn der Südwind weht, so sagt ihr: Es wird heiß werden. Und es geschieht so.

               Ihr seid urteilsfähige Leute und kennt euch aus mit Wetterzeichen und Natur-Ereignissen. „Eine einzige Wolke genügt, dass die Diagnose gemacht werden kann.“ (F. Bovon, EKK III/2, Das Evangelium nach Lukas, Lukas 9,51 – 14,35, Neukirchen 1996, S.357) 

εθως – sofort. Darin seid ihr fix.  Ihr macht euch – selbst wenn ihr das kaum bemerkt – wieder und wieder Bilder von der Wirklichkeit und von der Zukunft. Ihr könnt sehen, wie das Wetter wird. Ihr seid Realisten in vielen Dingen des Lebens. „Standfest werden“ weiterlesen

Schmerzhafte Trennungen

Lukas 12, 49 – 53

 49 Ich bin gekommen, ein Feuer anzuzünden auf Erden; was wollte ich lieber, als dass es schon brennte!

Wenn es Worte Jesu gibt, die uns schwer zu schaffen machen, dann doch diese Worte. Wir haben uns so sehr daran gewöhnt, dass Jesus für Frieden steht, für Versöhnung, für Harmonie, dass wir mit diesen Worten hoffnungslos überkreuz sind. Ein Feuer statt Frieden? Das kann nicht Jesus im Originalton sein. Brandstifter Jesus? Hat ihn der Täufer doch besser verstanden als wir, der einen nach sich kommen sah mit dem Feuerbrand des Gerichtes? (3,9) „Man wird ihm wohl am ehesten gerecht, wenn man von der Erwartung des Täufers ausgeht. Nach ihr stellt der Kommende die reine Gemeinde dadurch her, dass er durch Geist und Feuer alles Unreine vernichtet.“ (K.H. Rengstorf, Das Evangelium nach Lukas, NTD 3, Göttingen 1967, S. 166) Unheimlich und fremd bleiben diese Worte auch nach dieser Erklärung. Sperrig für eine Christenheit, die den guten Gott beschwört und den lieben Herrn Jesus.

So wie die Forderung nach Wachsamkeit Worte gegen eine schläfrige, selbst-zufriedene Haltung sind, so sind auch diese Worte widerständig gegen Anpassungen und Verharmlosungen der Botschaft Jesu. „Jesus hat das Bewusstsein, dass sein Kommen gleichbedeutend ist mit dem Anzünden eines Feuers. Seine Gegenwart ist nicht von diesem Ereignis zu trennen.“(F. Bovon, EKK III/2, Das Evangelium nach Lukas, Lukas 9,51 – 14,35, Neukirchen 1996, S.350) Mit diesem Jesus ist ein verbürgerlichtes Christentum nicht zu machen.

Wie viel näher ist da Sören Kierkegaard dem, was Jesus hier sagt.

          „Die Geschichte erzählt, dass ein Reisezirkus in Dänemark in Brand geraten war. Der Direktor schickte daraufhin den Clown, der schon zur Vorstellung gerüstet war, in das benachbarte Dorf, um Hilfe zu holen, da die Gefahr bestand, dass über die abgeernteten, ausgetrockneten Felder das Feuer auch auf das Dorf übergreifen würde. Der Clown eilte in das Dorf und bat die Bewohner, sie mögen eiligst zu dem brennenden Zirkus kommen und löschen helfen. Aber die Dörfler hielten das Geschrei des Clowns lediglich für einen ausgezeichneten Werbetrick, um sie möglichst zahlreich in die Vorstellung zu locken; sie applaudierten und lachten Tränen. Dem Clown war mehr zum Weinen als zum Lachen zumute. Er versuchte vergebens die Menschen zu beschwören und ihnen klarzumachen, dass dies keine Verstellung und kein Trick sei, sondern bitterer Ernst. Sein Flehen steigerte nur das Gelächter, man fand, er spiele seine Rolle ausgezeichnet – bis schließlich in der Tat das Feuer auf das Dorf übergegriffen hatte und jede Hilfe zu spät kam, so dass Dorf und Zirkus gleichermaßen verbrannten.“ (Gleichnis von Søren Kierkegaard, Wortlaut aus Ratzinger, Joseph: Einführung in das Christentum. München : Kösel, 4. Auflage 1968, S. 17.) „Schmerzhafte Trennungen“ weiterlesen

Ausblick in das Gelobte Land

  1. Mose 27, 12 -23

12 Und der HERR sprach zu Mose: Steig auf dies Gebirge Abarim und sieh auf das Land, das ich den Israeliten geben werde. 13 Und wenn du es gesehen hast, sollst du auch zu deinen Vätern versammelt werden, wie dein Bruder Aaron zu ihnen versammelt ist, 14 weil ihr meinem Wort ungehorsam gewesen seid in der Wüste Zin, als die Gemeinde haderte und ihr mich vor ihnen heiligen solltet durch das Wasser. Das ist das Haderwasser zu Kadesch in der Wüste Zin.

             Mose bekommt einen Auftrag, der erst einmal, vielleicht zum ersten Mal, ihn persönlich betrifft.  Auf dem Gebirge Abarim soll er das zukünftige Land Israels sehen. Es gibt eine deutliche Differenz in den Übersetzungen. Einmal Futur: das ich den Israeliten geben werde. (Luther 2017) Einmal Perfekt: „das ich den Israeliten gegeben habe.“( Zürcher, Elberfelder; Einheit u. a.) Wie denn nun? Grammatikalisch ist beides möglich. Die Futur-Übersetzungen geben vor, dem Lauf der Dinge nicht vorgreifen zu wollen. Die Perfekt-Übersetzungen folgen einer anderen Logik: „Es ist schon gegeben, weil Gottes Verheißung nicht trügt.“ (G. Maier, Das 4. Buch Mose, Wuppertaler Studienbibel AT 2, Wuppertal 1989; S.375)

      Oder anders gesagt: Was im Willen Gottes beschlossen ist, unterliegt nicht mehr unseren Zeitregeln. In dieser Weise, das schon gültig und in Kraft ist, was im Willen Gottes beschlossen ist, denken immer wieder auch die neutestamentlichen Schriften: „Ihr seid also nicht mehr Fremde ohne Bürgerrecht, ihr seid vielmehr Mitbürger der Heiligen und Hausgenossen Gottes.(Epheser 2,19) Das sagt der Schreiber denen, die immer noch sehr erdverhaftet in Ephesus unterwegs sind.  

 Mose sieht also vor Augen, was werden wird. Und wenn er gesehen hat, wird er dort sterben. Zu den Vätern versammelt werden. So wie Aaron. Beide werden das Land nicht erreichen, zu dem sie das Volk führen sollten. Noch einmal wird der Grund dafür genannt: Ihr „Versagen“ am Haderwasser. Sie sind das Vertrauen schuldig geblieben und darin haben sie Gott nicht geheiligt.

Von diesem harten Gerichtswort her fällt noch einmal Licht auf das Gebot: „Du sollst den Namen des HERRN, deines Gottes, nicht missbrauchen.“(2. Mose 20,7)  Es geht nicht um gedankenlose Sprüche wie „Ach Gott“ oder „Achherrje“. Es geht auch nicht primär um einen Umgang mit dem Gottesnamen, der ihn zur Beschwörungsformel erniedrigt, obwohl das sicher dem Gottesnamen und Gott nicht angemessen ist. Sondern es geht darum, dass der Name Gottes verdunkelt wird, missbraucht, entheiligt, wo das Leben aus dem Vertrauen fällt, wo der Gehorsam gegen seine Weisungen verweigert wird. Im Missbrauch des Namens wird Gott selbst das Vertrauen entzogen.

„Ausblick in das Gelobte Land“ weiterlesen

Ein Stern aus Jakob

  1. Mose 24, 1 – 25

 

1 Als nun Bileam sah, dass es dem HERRN gefiel, Israel zu segnen, ging er nicht wie bisher auf Zeichen aus, sondern richtete sein Angesicht zur Wüste, 2 hob seine Augen auf und sah Israel, wie sie lagerten nach ihren Stämmen. Und der Geist Gottes kam auf ihn, 3 und er hob an mit seinem Spruch und sprach:

             „Woran Bileam, nachdem er diesen Platz eingenommen hatte, erkannte, dass Jahwe Israel gesegnet wissen wollte, wird nicht gesagt.“ (M. Noth, Das 4. Buch Mose – Numeri, ATD 7, Göttingen 1982, S.165) Vielleicht ist es ja auch überflüssig, weil die Geschehnisse zuvor eindeutig die Richtung angeben. So verzichtet Bileam jetzt auf eine Suche nach neuer Offenbarung. Stattdessen aber heißt es: der Geist Gottes kam auf ihn. Er wird gewissermaßen von Gott her „besetzt“.

 Es sagt Bileam, der Sohn Beors, es sagt der Mann, dem die Augen geöffnet sind; 4 es sagt der Hörer göttlicher Rede, der des Allmächtigen Offenbarung sieht, dem die Augen geöffnet werden, wenn er niederkniet:

             Gleich mehrfach: es sagt. Ausspruch kann man auch übersetzen.  Hebräisch „ne’um ist ein Wort, das meistens den Gottesspruch bezeichnet.“ (G. Maier, Das 4. Buch Mose, Wuppertaler Studienbibel AT 2, Wuppertal 1989; S. 233) Dass es hier so mehrfach gebraucht wird, drückt aus: Da spricht zwar Bileam, aber er spricht nicht seine eigenen Worte. Er sagt nicht seine Meinung. Er ist ganz Bote. Werkzeug. Einer, dem die Augen geöffnet worden sind – das ist eine Rückerinnerung an seine Blindheit, als der Engel des HERRN ihm und seinem Esel im Weg stand. Jetzt erst sieht der Seher! Weil ihm die Augen geöffnet worden sind. Und spricht im Auftrag des Allmächtigen, ’ēl šaddaj.

 5 Wie fein sind deine Zelte, Jakob, und deine Wohnungen, Israel! 6 Wie die Täler, die sich ausbreiten, wie die Gärten an den Wassern, wie die Aloebäume, die der HERR pflanzt, wie die Zedernan den Wassern. 7 Sein Eimer fließt von Wasser über, und seine Saat hat Wasser die Fülle. Sein König wird höher werden als Agag, und sein Reich wird erhoben werden. 8 Gott, der sie aus Ägypten geführt hat, ist für sie wie das Horn des Wildstiers. Er wird die Völker, seine Verfolger, auffressen und ihre Gebeine zermalmen und mit seinen Pfeilen zerschmettern. 9 Er hat sich hingestreckt, sich niedergelegt wie ein Löwe und wie ein junger Löwe – wer will ihn aufstören? Gesegnet sei, wer dich segnet, und verflucht, wer dich verflucht!

Es ist ein Lobpreis Israels.  „Israel erscheint als mit natürlichen Gaben reich bedacht.“ (M. Noth, aaO. S.166) Man muss nicht zwangsläufig schon die Situation der festen Ansiedlung im verheißenen Land mithören, aber zumindest eine Offenheit auf diese Zukunft schwingt mit. Neben dieses Bild tritt der Blick auf Gott, der sie führt, der ihr Schutz ist. Kraftstrotzend wie der Wildstier. Das Horn steht wohl für das ganze starke Tier. Unwiderstehlich ist Gott und darum auch Israel. Die Stärke Israels kann nie von Gott abgelöst werde. Wenn sich Israel von seinem Gott löst, bleibt nur ein „Würmlein Jakob“(Jesaja 41,14) übrig. „Ein Stern aus Jakob“ weiterlesen

Was Gott einmal spricht, gilt

  1. Mose 23, 13 – 30

13 Balak sprach zu ihm: Komm doch mit mir an einen andern Ort, von wo aus du gerade sein äußerstes Ende siehst, aber nicht ganz Israel, und verfluche es mir von dort. 14 Und er führte ihn zum Späherfeld auf dem Gipfel des Pisga und baute sieben Altäre und opferte auf jedem Altar einen jungen Stier und einen Widder.

Es mag sein, die Texte sind aus verschiedenen Quellen zusammengefügt und wiederholen sich so wechselseitig. Aber daraus entsteht dennoch ein Gesamtbild, Einer der Züge dieses Bildes: Balak gibt nicht schnell auf. Er ist hartnäckig im Verfolgen seines Anliegens. Er lässt es nicht nach dem ersten Fehlschlag auf sich beruhen. Vielleicht darf ich als Leser daraus lernen?

Ein neuer Anlauf, an einem neuen Ort. An einem Ort, von dem Bileam Israel anders sehen wird, nur noch seine Ausläufer, nicht mehr ganz Israel. Die veränderte Perspektive könnte ja, so der Gedanke, auch das Wort über Israel im Munde Bileams verändern. Noch immer also geht Balak davon aus, dass Bileam über seine Worte Herr ist.

Nebenbei: der Gipfel des Pisga – das ist der Ort, von dem aus auch Mose das Land sehen wird, vor seinem Tod: „Und Mose stieg aus den Steppen Moabs auf den Berg Nebo, den Gipfel des Gebirges Pisga, gegenüber Jericho. Und der HERR zeigte ihm das ganze Land.“(5.Mose 34, 1) Zufall? Ich glaube nicht an Zufälle in den Schriften.

 15 Und Bileam sprach zu Balak: Tritt zu deinem Brandopfer, ich aber will dort dem Herrn begegnen. 16 Und der HERR begegnete Bileam und gab ihm ein Wort in seinen Mund und sprach: Geh zurück zu Balak und sprich so! 17 Und als er zu ihm kam, siehe, da stand er bei seinem Brandopfer samt den Fürsten der Moabiter. Und Balak sprach zu ihm: Was hat der HERR gesagt?

             Wieder das aufwändige Opfer.  Und wieder lässt Bileam Balak beim Opfer irgendwie stehen, um Gott zu suchen. „Ich aber will so auf eine Gottesoffenbarung ausgehen.“ (G. Maier, Das 4. Buch Mose, Wuppertaler Studienbibel AT 2, Wuppertal 1989; S.326) Auch das ist als Übersetzung möglich.  Bileam kehrt zurück und Balak fragt: Was hat der HERR gesagt? „Was Gott einmal spricht, gilt“ weiterlesen

Wenn Gott segnet

  1. Mose 23, 1 – 12

1 Und Bileam sprach zu Balak: Baue mir hier sieben Altäre und schaffe mir her sieben junge Stiere und sieben Widder. 2 Balak tat, wie ihm Bileam sagte, und beide, Balak und Bileam, opferten auf jedem Altar einen jungen Stier und einen Widder.

 Es ist aufwändig. Auf der Höhe werden nach Anweisung Bileams sieben Altäre gebaut. Das lässt fragen: Gab es vorher dort keinen Altar, auf dieser Baals-Höhe? Oder geht darum, neue Altäre zu schaffen, „die nicht durch eine kultische Vergangenheit belastet waren?“ (M. Noth, Das 4. Buch Mose – Numeri, ATD 7, Göttingen 1982, S.160)  Mir ist es ein wenig zweifelhaft, ob man gleich so weit gehen muss: Die neuen Altäre „lassen vermuten, dass Bileam sie dem Gott Israels weihen wollte, von dem er annahm, dass er mit den bisherigen Götzenaltären nicht einverstanden sei.“(G. Maier, Das 4. Buch Mose, Wuppertaler Studienbibel AT 2, Wuppertal 1989; S.322) Hinter dieser Deutung sehe ich eine Tendenz, den heidnischen Seher irgendwie doch pro Israel zu vereinnahmen.

Gegen diese Deutung spricht auch, dass auf jedem der Altäre  je ein Jung-Stier und ein Widder geopfert werden, und zwar von Balak und Bileam. Diese Opfernde sind beide keine Priester. Es braucht keine Priesterschaft, um zu opfern. Aber: mit diesem gemeinsamen Opfer rücken die beiden doch auch „geistlich“ oder „spirituell“ näher zusammen.    

  3 Und Bileam sprach zu Balak: Tritt zu deinem Brandopfer; ich will hingehen, ob mir vielleicht der HERR begegnet, dass ich dir sage, was er mir zeigt. Und er ging hin auf einen kahlen Hügel.

             Das Opfer schafft noch keine Gegenwart Gottes. Darum muss sich Bileam auf den Weg machen,  ob mir vielleicht der HERR begegnet. Erst dann wird er etwas zu sagen haben. Das vielleicht ist ein deutlicher Hinweis: Der HERR ist nicht nach menschlichem Gusto verfügbar, auch nicht durch Opfer oder guten Willen. Er muss sich finden lassen. „Wenn Gott segnet“ weiterlesen

Ein verblendeter Seher – ein sehender Esel

  1. Mose 22, 21 – 41

 21 Da stand Bileam am Morgen auf und sattelte seine Eselin und zog mit den Fürsten der Moabiter. 22 Aber der Zorn Gottes entbrannte darüber, dass er hinzog.

             Die Nacht ist vergangen,  der Tag herbeigekommen und es ist Zeit zum Aufbruch. Bileam zieht los. Ein wenig verwundert es schon, dass sein Hinziehen den Zorn Gottes auslöst. Hat es doch, der Erzählung zufolge, zuvor gerade erst die Erlaubnis dafür gegeben. Ist dieser Zorn also ein „Akt unverantwortlicher göttlicher Willkür“?(M. Noth, Das 4. Buch Mose – Numeri, ATD 7, Göttingen 1982, S.157) Oder haben wir es mit einem nicht geglätteten Übergang zweier Quellen zu tun? Eine andere Lösung sieht so aus: „Gottes Zulassung erlaubte das Mitgehen. Aber „Zulassung“ ist etwas anderes als „Sendung“. Wäre Bileam von Gott gesandt gewesen, wäre Gottes Zorn nicht entbrannt.“ (G. Maier, Das 4. Buch Mose, Wuppertaler Studienbibel AT 2, Wuppertal 1989; S.314) Ich gestehe mir meine Ratlosigkeit ein, den Widerspruch aufzulösen. So ist das manchmal mit den biblischen Erzählungen.

 Und der Engel des HERRN trat in den Weg, um ihm zu widerstehen. Er aber ritt auf seiner Eselin, und zwei Knechte waren mit ihm. 23 Und die Eselin sah den Engel des HERRN auf dem Wege stehen mit einem bloßen Schwert in seiner Hand. Und die Eselin wich vom Weg ab und ging auf dem Felde; Bileam aber schlug sie, um sie wieder auf den Weg zu bringen. 24 Da trat der Engel des HERRN auf den Pfad zwischen den Weinbergen, wo auf beiden Seiten Mauern waren. 25 Und als die Eselin den Engel des HERRN sah, drängte sie sich an die Mauer und klemmte Bileam den Fuß ein an der Mauer, und er schlug sie noch mehr. 26 Da ging der Engel des HERRN weiter und trat an eine enge Stelle, wo kein Platz mehr war auszuweichen, weder zur Rechten noch zur Linken. 27 Und als die Eselin den Engel des HERRN sah, fiel sie auf die Knie unter Bileam. Da entbrannte der Zorn Bileams, und er schlug die Eselin mit dem Stecken.

      Was im Folgenden erzählt wird, ist die Konsequenz des Zornes. Oder anders gesagt: in der Rolle und dem Verhalten des Engels wird der Widerstand, gleich Zorn Gottes, gegen den Weg, den Bileam anfängt, sichtbar. Personalisiert. „Dieser ernste Hintergrund wird nun aber so erzählt, dass wir den offensichtlichen Humor nicht übersehen dürfen.“ (E. Kellenberger, Der lange Weg der Befreiung, Exodus bis Numeri,  Bibelauslegung für die Praxis 2; Stuttgart 1986, S. 154) Gott sendet einen Engel, nicht irgendeinen, den Engel des HERRN. mal’āk jahwe „Das hebräische Wort, das wir mit Engel übersetzen bedeutet „Bote“, den mit irgendeinem Auftrag entsandten Menschen oder Himmlischen… Wo von ihm die Rede ist, da tritt er immer sogleich in den Mittelpunkt des Geschehens.“(G. v. Rad, Theologie des Alten Testamentes, Bd. 1, München 1962, S. 299f.)

        So ist es auch hier. Der Engel steht Bileam auf seinem Weg im Weg. Er wird ihm zum „Widersacher“. Wörtlich: zum Satan. Aber: der Seher sieht diesen Engel mit seinem gezückten Schwert nicht. Er ist blind für die göttliche Wirklichkeit. Bileam nimmt nur seinen störrischen Esel wahr. Was er erfährt hält er für eine Laune seines Tieres. Das ist ja  geradezu sprichwörtlich die Eigenschaft der Esel: Sie tun, was sie wollen. Darum prügelt der Seher am Ende auf sein Tier ein, um es „zur Vernunft zu bringen.“ Was für eine Parallelität: am Anfang heißt es: der Zorn Gottes entbrannte – hier: der Zorn Bileams  entbrannte.

          Es ist merkwürdig, wie regelrecht versessen Bileam darauf aus ist, seinen Weg fortzusetzen. Da gibt es kein Zögern, kein Innehalten. Da ist nur Vorwärts. „Ein confuser Prophet“ (J.W. v. Goethe zit. nach G. Maier, aaO. S.317) Eher ein sturer, der die Haltesignale seines Tieres übergeht. „Ein verblendeter Seher – ein sehender Esel“ weiterlesen

Keine Gefälligkeitsgutachten

  1. Mose 22, 1 – 20

 1 Danach zogen die Israeliten weiter und lagerten sich in den Steppen Moabs gegenüber Jericho.

             Obwohl das Land zwischen Arnon und Jabbok eingenommen ist, ist Israel noch nicht am Ziel. Die Wanderung geht weiter. Die Steppe Moabs  wird so etwas wie das vorübergehende Hauptquartier der Israeliten, „Für `Steppe´ steht im Hebräischen Arabah, eine Bezeichnung, die heute für die Senke zwischen dem Toten und dem Roten Meer reserviert ist.“ (G. Maier, Das 4. Buch Mose, Wuppertaler Studienbibel AT 2, Wuppertal 1989; S.305)   Aber gegenüber von Jericho weist doch deutlich auf die Gegenden nördlich des Toten Meeres. Das Gelobte, verheißene Land in Sichtweite.

Dorthin führen die nachfolgenden Verse, humorvoll und doch biblisch getränkt:

„Gott hat sein Volk vor langer Zeit                                                     aus Pharaos Gewalt befreit.                                                                    Und er versprach, als alle gingen                                                         sie in ein schönes Land zu bringen.                                                     So warn die Großen und die Kleinen                                                 nun viele Jahre auf den Beinen.                                                          Der alte Mose zog voran                                                                        und sprach vom Lande Kanaan.                                                            Die Männer stapften, Schritt für Schritt,                                           die Frauen liefen tapfer mit,                                                                    und, auf den Stock gestützt die Alten                                               bemühten sich, den Schritt zu halten.                                              Am Zug entlang die Kinder rannten                                                   und winkten ihren Patentanten.                                                              Jedoch, so ging´s nun tagelang                                                           von früh bis Sonnenuntergang,                                                         durch Sand und Wüste viele Wochen.                                                Fern war das Land, das Gott versprochen.                                            Sie hatten Durst. Die Mägen knurrten.                                              Die Leute klagten oder murrten….                                                      Da könnt ihr euch die Freude denken                                                  das Lachen und das Armeschwenken,                                                  als eines Tags nach langen Jahren                                                      sie endlich aus der Wüste waren.                                                          Das Land, sie da da vor sich sahn,                                                            das war zwar noch nicht Kanaan.                                                          Doch zeigen fröhlich drauf die Mütter:                                         „Dies ist das Land der Moabiter.                                                    Jetzt, Kinder, wieder Mut  gefasst!                                                      Hier halten wir nur kurze Rast.                                                         Von hier aus ist es nicht mehr weit.                                                        Bald sind wir. Es wird auch Zeit!.“                                                                                           K.P. Hertzsch, Der ganze Fisch war voll Gesang, Stuttgart 1978, S.6ff.

 2 Und Balak, der Sohn Zippors, sah alles, was Israel den Amoritern angetan hatte. 3 Und die Moabiter fürchteten sich sehr vor dem Volk, weil es groß war, und den Moabitern graute vor den Israeliten. 4 Und sie sprachen zu den Ältesten der Midianiter: Nun wird dieser Haufe auffressen, was um uns herum ist, wie ein Rind das Gras auf dem Felde abfrisst. Balak aber, der Sohn Zippors, war zu der Zeit König der Moabiter.

             Was geschehen ist, spricht sich herum. Auch zu Balak, einem Moabiter-König. Wie groß die Macht dieses Balak einzuschätzen ist, der womöglich nur „irgendein Kleinkönig der Frühzeit in der  Nachbarschaft der südostjordanischen Isareliten ist“ (M. Noth, Das 4. Buch Mose – Numeri, ATD 7, Göttingen 1982, S. 152), muss offen bleiben. Was ihn erreicht, sind Schreckensmeldungen. Durch die Meldungen wird das Volk Israel in ihren Augen zu einer furchteinflößenden Militärmaschine, zum Machtfaktor, der Grauen hervorruft. Moabiter und Midianiter fürchten sich. Widerstand erscheint schier aussichtslos, jedenfalls mit militärischen Mitteln. „Keine Gefälligkeitsgutachten“ weiterlesen

Sihon und Og

  1. Mose 21, 21 – 35

 21 Und Israel sandte Boten zu Sihon, dem König der Amoriter, und ließ ihm sagen: 22 Lass mich durch dein Land ziehen. Wir wollen nicht abbiegen in die Äcker noch in die Weingärten, wollen auch vom Brunnenwasser nicht trinken; die Königsstraße wollen wir ziehen, bis wir durch dein Gebiet hindurchgekommen sind.

         Der Weg ist weiter gegangen. Er hat Israel „von Bamot in das Tal, das im Feld von Moab liegt bei dem Gipfel des Pisga, der hinunterblickt auf das Jordantal“(21,20) geführt. Dort also, das Land vor Augen, muss man sich die Situation vorstellen.

Weil das Ziel zum Greifen nah erscheint, sucht man einen friedlichen Weg, um es zu erreichen. Das Volk ist keine Kämpfertruppe und die Berufung des Mose ist nicht die zu einem Kriegsherren.  So bitten sie Sihon, den König der Amoriter um Durchzugserlaubnis. Transit-Genehmigung. Unter dem Versprechen, keine Seitenwege zu benützen. Auffällig: Nicht Mose sendet die Boten, sondern Israel. Es ist durchaus sinnvoll, mit dem Amoriter in Verhandlungen zu gehen, die einen friedlichen Durchzug erlauben. „Sihon, der König der Amoriter war kein schwacher König. Er hatte die Moabiter besiegt und ihnen das Gebiet nördlich des Arnon abgenommen.“ (G.Maier, Das 4. Buch Mose, Wuppertaler Studienbibel AT 2, Wuppertal 1989; S. 297)  

23 Aber Sihon gestattete den Israeliten nicht den Zug durch sein Gebiet, sondern sammelte sein ganzes Kriegsvolk und zog aus, Israel entgegen in die Wüste. Und als er nach Jahaz kam, kämpfte er gegen Israel. 24 Israel aber schlug ihn mit der Schärfe des Schwerts und nahm sein Land ein vom Arnon bis an den Jabbok und bis zu den Ammonitern; das Gebiet der Ammoniter aber reichte bis Jaser. 25 So nahm Israel alle diese Städte ein und wohnte in allen Städten der Amoriter, in Heschbon und in allen seinen Ortschaften.

Im Bewusstsein seiner Stärke schlägt Sihon die Bitte der Israeliten ab. Ähnlich wie zuvor auch schon die Edomiter. Die hatten Israel abblitzen lassen mit ihrer Botschaft: „Edom aber sprach zu ihnen: Du sollst nicht hindurchziehen oder ich werde dir mit dem Schwert entgegenziehen.“(20,18) Darauf hatte Mose das Volk um das Gebiet der Edomiter geführt. Hofft Sihon auf einen ähnlichen Effekt?

Merkwürdig: diesmal weicht Israel nicht aus. Kann es auch gar nicht, weil Sihon offensiv gegen das Volk auszieht. Es kommt zum Kampf in der Wüste und Israel siegt mit der Schärfe des Schwerts. Es fällt auf: Kein Wort von einem Beistand Gottes, von  einem Ratschlag vor dem Kampf. Es wird dem 5. Mose-Buch vorbehalten bleiben, doch einen Auftrag  und ein Versprechen Gottes mit diesem Kampf zu verbinden. „Macht euch auf und zieht aus und geht über den Arnon! Siehe, ich habe Sihon, den König der Amoriter zu Heschbon, in deine Hand gegeben mit seinem Lande. Fang an, es einzunehmen, und kämpfe mit ihm.“(5. Mose 2, 24) Da wird das Gotteswort überliefert, das hier fehlt. „Sihon und Og“ weiterlesen