Wortlos gehen müssen

Jeremia 28, 1 – 17

 1 In demselben Jahr, im Anfang der Herrschaft Zedekias, des Königs von Juda, im fünften Monat des vierten Jahrs, sprach Hananja, der Sohn Asurs, ein Prophet von Gibeon, zu mir im Hause des HERRN in Gegenwart der Priester und des ganzen Volks:

             Es ist eine ganz bestimmte Zeit. Nicht ein irgendwann. Sondern geschichtlich fixiert durch den Antritt der Herrschaft des Zedekia.  Des Königs, mit dessen Namen sich schon Hoffnungen auf mehr Gerechtigkeit verbinden. Steckt doch in seinem Namen der Klang der z̕daqa, der Gerechtigkeit, mit drin. Es ist eine Zeit des Ringens um den richtigen Weg, um die richtigen Entscheidungen. Die Propheten sind an dieser Stelle gefordert. Sie sind nicht nur religiöse Wegweiser, sie sind auch in er politischen Arena gefordert.

            Wenn man so will: Was jetzt folgt, ist ein Duell vor versammelter Mannschaft, im Hause des HERRN in Gegenwart der Priester und des ganzen Volks. Im Tempel wird nicht nur gebetet. Dort fallen Entscheidungen für den Weg des Volkes.

  2 So spricht der HERR Zebaoth, der Gott Israels: Ich habe das Joch des Königs von Babel zerbrochen, 3 und ehe zwei Jahre um sind, will ich alle Geräte des Hauses des HERRN, die Nebukadnezar, der König von Babel, von diesem Ort weggenommen und nach Babel geführt hat, wieder an diesen Ort bringen; 4 auch Jechonja, den Sohn Jojakims, den König von Juda, samt allen Weggeführten aus Juda, die nach Babel gekommen sind, will ich wieder an diesen Ort bringen, spricht der HERR, denn ich will das Joch des Königs von Babel zerbrechen.

             Aus der Menge der Gegner des Jeremia tritt einer mit Namen hervor. Hananja ist ein Prophet, der zu sagen weiß, was die Menge hofft. Es kommt zur offenen Konfrontation mit Jeremia, weil er im Tempel, in der Gegenwart der Priester und des ganzen Volks seine Botschaft sagt. Er gibt den Sehnsüchten des Volkes, den Hoffnungen des Königs Worte: „Es ist wie ein böser Traum – aber wir werden erwachen und sehen, dass Gott immer noch Gott ist und auf unserer Seite und dass er die Treue hält zu diesem Ort und zu dem Königshaus und zu allen seinen Verheißungen.“

 „Die Gelassenheit und Beherrschtheit Hananjas besticht. Der Auftritt geschieht nicht aus dem Effekt heraus, sondern erinnert an ein ordentliches Verfahren. Die Art des Sprechens Hananjas ist der des Jeremia gleich.“(D. Schneider, aaO. S.251f) Auch er leitet seine Wort ein: So spricht der HERR. Seine Worte sind ein einziger Widerspruch gegen die Botschaft Jeremias, die er aufgreift und zurückweist.

Man wird es sich vor Augen halten müssen: Da steht Jeremia mit dem Joch auf seinen Schultern. Und jetzt sagt Hananja als Wort des HERRN: Ich habe das Joch des Königs von Babel zerbrochen. Und fügt hinzu, indem er wieder Worte des Jeremia zurückweist: Die ins Exil Verschleppten und die geraubten Geräte kommen innerhalb der nächsten zwei Jahre zurück. Der König von Babylon ist am Ende. Gott will es so. „Wortlos gehen müssen“ weiterlesen

Unter dem Joch – unterjocht

Jeremia 27, 1 – 22

1 Im Anfang der Herrschaft Zedekias, des Sohnes Josias, des Königs von Juda, geschah dies Wort vom HERRN zu Jeremia:

             Noch einmal ergeht das Wort des Herrn in der Startzeit des neuen Königs Zedekia an Jeremia. Da wünscht man sich doch gute Botschaften – auch wenn die Zeiten hart sind. Da sind Worte vom Neuanfang angemessen, von Hoffnungen und von Schritten in die richtige Richtung. Worte, die dem Namen des Königs entsprechen: In seinem Namen steckt der zadíq, der Gerechte, steckt die zdaq, die Gerechtigkeit. „Der israelische Historiker J. Klausner kommt daher zu dem Schluss: Im Kreis der Propheten nannte man Matanja, Josias Sohn, Gott ist unsere Hilfe (̕adonj zidqénu). Als Matanja später auf Nebukadnezars Geheiß den Königsthron bestieg, änderte er seinen Namen in das gleichbedeutende zidqijáhu.“ (R. Gradwohl, Bibelauslegung aus jüdischen Quellen, Bd. 1, Stuttgart 1986, S.199) Es sind, so könnte man denken, Hoffnungszeiten mitten in schweren Tagen.

   2 So spricht der HERR zu mir: Mache dir ein Joch und lege es auf deinen Nacken 3 und schicke Botschaft zum König von Edom, zum König von Moab, zum König der Ammoniter, zum König von Tyrus und zum König von Sidon durch die Boten, die zu Zedekia, dem König von Juda, nach Jerusalem gekommen sind, 4 und befiehl ihnen, dass sie ihren Herren sagen:

             Jerusalem wird zum Tagungsort, zum Treffpunkt. „Ägypten leitete wahrscheinlich eine Koalition der palästinensischen Kleinstaaten gegen Babylon, der sich auch Juda anschloss. Die Abgesandten der Nachbarstaaten, die sich in Jerusalem befanden, werden wohl diesbezüglich mit dem König verhandelt haben.“ (D. Schneider, aaO. S.246) Es ist der Versuch, eine neue Staatengemeinschaft zu bilden, ein Bündnis. Im Wissen: Allein gehst du ein. Nur zusammen haben wir eine Chance. Wahrhaftig keine Liebes-Verbindung. Edom und Moab gehören seit alter Zeit zu denen, die Israel das Leben schwer gemacht haben. Aber in schweren Zeiten kann man sich die Partner nicht aussuchen. So werden sie im Umfeld des jungen Königs Zedekia sagen und nüchterne Real-Politik einfordern. Mit diesem Treffen verbinden sich Hoffnungen.

In diesen Hoffnungszeiten nun dieser Auftrag an Jeremia: Lege dir selbst ein Joch auf den Nacken. Warum, um Himmels willen, in dieser Zeit das Zeichen des Ochsenjoches, wo einer gelenkt wird, wohin er nicht will, untertan sein muss, auch wenn er frei sein will. Die Botschaft des Propheten berührt ihn selbst. Wie lange er wohl mit diesem Joch auf dem Rücken herum laufen wird? Was löst das an Einfällen aus bei denen, die ihn sehen? Einer, der an schwerer Last trägt, soll sich an die Könige im Umland wenden. Einer, der gezeichnet ist von seiner Botschaft, soll Bote sein. Was man an ihm sieht, das selbst auferlegte Joch, das ist seine Botschaft. „Unter dem Joch – unterjocht“ weiterlesen

Störe uns, Du Gottesdienststörer

Jeremia 26, 1 – 19

1 Im Anfang der Herrschaft Jojakims, des Sohnes Josias, des Königs von Juda, geschah dies Wort vom HERRN:

             Etwa in das Jahr 608 führen diese Worte. Jojakim ist seinem Vater Josia, der in der Schlacht von Megiddo gegen den Ägypter-Pharao Necho gefallen ist, auf dem Thron gefolgt. Er ist jetzt König von Juda. 

  2 So spricht der HERR: Tritt in den Vorhof am Hause des HERRN und predige denen, die aus allen Städten Judas hereinkommen, um anzubeten im Hause des HERRN, alle Worte, die ich dir befohlen habe, ihnen zu sagen, und tu nichts davon weg, 3 ob sie vielleicht hören wollen und sich bekehren, ein jeder von seinem bösen Wege, damit mich auch reuen könne das Übel, das ich gedenke, ihnen anzutun um ihrer bösen Taten willen.

             Jeremia erhält einen Predigtauftrag. Mit Ortsangabe, wo er diesen Auftrag ausführen soll. Es geht um eine Predigt, die alle erreichen soll, die alle hören sollen, nicht nur die Jerusalemer, sondern auch die vom Land, die aus allen Städten Judas hereinkommen, um anzubeten aus Der Anlass für ihr Kommen wird eines der Feste Judas sein. „Am ehesten wird man an das Bundesfest im Herbst zu denken haben.“ (A. Weiser, aaO.  S.230)

             Es klingt sehr verhalten: ob sie vielleicht hören wollen und sich bekehren. Es ist eine „schwache Hoffnung Gottes (ȗlaĵ)“ (A. Weiser, aaO. S.231), die in keiner Weise vollmundig daher kommt. Aber es ist noch Hoffnung auf eine Umkehr. Es ist noch nicht zu Ende mit dem Rufen zur Umkehr. Es ist noch nicht die Zeit, nur noch Gericht anzusagen. Wenn sie hören und umkehren, kann auch Gott seinen Weg zum Gericht abbrechen.

            Die Verantwortung Jeremias liegt nicht in der Wirkung seiner Predigt, sondern in dem, was er sagt: Er soll nichts weglassen, nichts schönreden. Es ist die Treue zum empfangenen Wort, die der HERR von ihm verlangt, nicht einen Predigterfolg. „Störe uns, Du Gottesdienststörer“ weiterlesen

Vergeblich gerufen?

Jeremia 25, 1 – 14

 1 Dies ist das Wort, das zu Jeremia geschah über das ganze Volk von Juda im vierten Jahr Jojakims, des Sohnes Josias, des Königs von Juda; das ist das erste Jahr Nebukadnezars, des Königs von Babel.

            Propheten-Worte sind keine zeitlosen Worte. Sie werden in konkrete Zeiten hinein gesprochen, weil Gott immer in die konkrete Zeit hinein sein Wort gesagt haben will. Jeremia hat Zeiten, in denen er reden muss – so in dieser Zeit Jojakims. „Die Datierung des Spruchs in das vierte Jahr des Königs Jojakim führt in das Jahr 605/604, in dem die Entscheidung über die Vorherrschaft im Vorderen Orient zwischen Ägypten und Babylonien fiel.“(A. Weiser, aaO. S.217) Mit der Schlacht von Karkemisch und dem Sieg Nebukadnezars ist der Weg für die Chaldäer frei.

 2 Und der Prophet Jeremia sprach zu dem ganzen Volk von Juda und zu allen Bürgern Jerusalems: 3 Vom dreizehnten Jahr des Josia an, des Sohnes Amons, des Königs von Juda, ist des HERRN Wort zu mir geschehen bis auf diesen Tag, und ich habe zu euch nun dreiundzwanzig Jahre lang immer wieder gepredigt, aber ihr habt nie hören wollen.

             Vergeblich gepredigt. Tauben Ohren. Blinden Augen, verstockten Herzen. Was immer der Prophet sagt, es ist nur „Predigt“, es ist kein Wort, das sich irgendwer im Volk zu Herzen nimmt. Dreiundzwanzig Jahre lang. Unermüdlich hat Jeremia gewarnt, gedroht, gemahnt. Nichts hat sich bewegt. Ob es eine Entlastung ist, dass er sagen kann: ihr habt nie hören wollen.  Das heißt doch: es liegt nicht an Jeremia, an seinen fehlenden Fähigkeiten, an seinem mangelnden Vermögen, auf die Menschen einzugehen. Sondern es liegt an ihnen, zu denen er gesprochen hat und jetzt spricht. Und dennoch: Was ist das für eine niederschmetternde Bilanz, die Jeremia ziehen muss für sein Wirken. Sein Predigen und Rufen ist nicht gewollt. Nur von Gott, aber nicht von den Menschen, an die er sich wendet.

4 Und der HERR hat zu euch immer wieder alle seine Knechte, die Propheten, gesandt; aber ihr habt nie hören wollen und eure Ohren mir nicht zugekehrt und mir nicht gehorcht, 5 wenn er sprach: Bekehrt euch, ein jeder von seinem bösen Wege und von euren bösen Werken, so sollt ihr in dem Lande, das der HERR euch und euren Vätern gegeben hat, für immer und ewig bleiben. 6 Folgt nicht andern Göttern, ihnen zu dienen und sie anzubeten, und erzürnt mich nicht durch eurer Hände Werk, damit ich euch nicht Unheil zufügen muss. 7 Aber ihr wolltet mir nicht gehorchen, spricht der HERR, auf dass ihr mich ja erzürntet durch eurer Hände Werk zu eurem eigenen Unheil.

Auch das ist wahr: Jeremia ist kein Einzelfall – er ist nicht der einzige vergeblich rufende Rufer zur Umkehr. Es scheint das Schicksal der Propheten zu sein, dass sie nicht gehört werden. Jesaja hat gerufen und nichts ist geschehen. Hosea hat gerufen und nichts ist geschehen. Amos hat gerufen und nichts ist geschehen. Micha hat gerufen und nichts ist geschehen. Jeremia ruft und nichts geschieht. Nichts ändert sich, niemand kehrt um. Aber es sind nicht nur die Propheten, die nicht gehört werden. „Wer euch hört, der hört mich, wer euch verachtet, der verachtet mich.“ (Lukas 10,16) sagt Jesus Wer die Worte der Propheten nicht an sein Herz lässt, der verschließt sein Herz gegen Gott. „Vergeblich gerufen?“ weiterlesen

In wessen Auftrag treten wir auf?

Jeremia 23, 16 – 32

16 So spricht der HERR Zebaoth: Hört nicht auf die Worte der Propheten, die euch weissagen! Sie betrügen euch; denn sie verkünden euch Gesichte aus ihrem Herzen und nicht aus dem Mund des HERRN. 17 Sie sagen denen, die des HERRN Wort verachten: Es wird euch wohlgehen -, und allen, die nach ihrem verstockten Herzen wandeln, sagen sie: Es wird kein Unheil über euch kommen.

             Die Propheten – gedacht ist wohl an Tempelleute, die das „Amt des Propheten“, wenn es denn so etwas geben kann, „beruflich“ ausüben – reden nur, was sie im Herzen haben. Nach Gutdünken. Den Wünschen der Menschen entsprechend. Einmal mehr wird sichtbar, wie skeptisch der Prophet das Herz als Quelle der Einsicht einschätzt. Propheten sollen nicht sagen, was sie fühlen, was sie auf dem Herzen haben, was ihren Herzenswünschen entspringt und entspricht – sie sollen sagen, was sie gehört haben.

            Die Jeremia so angreift, haben schöne, positive Botschaften: Alles wird gut. Alles ist in Ordnung. Geh, wohin dein Herz dich führt. Sie sagen gute Zeiten an, wo doch die dunklen Wolken schon längst aufgezogen sind und der Himmel grau ist. Wo es zu greifen ist: Unheil breitet sich aus.

            Einmal mehr: Diese Skepsis des Jeremia im Blick auf das menschliche Herz ist nahe, was der Herr Jesus sagt: „Was aber aus dem Mund herauskommt, das kommt aus dem Herzen, und das macht den Menschen unrein. Denn aus dem Herzen kommen böse Gedanken, Mord, Ehebruch, Unzucht, Diebstahl, falsches Zeugnis, Lästerung. Das sind die Dinge, die den Menschen unrein machen.“ (Matthäus 15, 18 – 20) Wer wollte da widersprechen. Die meisten Probleme, die wir mit dem Glauben haben, sind Herzprobleme, weil „unser Herz ein trotzig Ding“(17.9) ist. Jeremia weiß das. Vielleicht ja auch von sich selbst.

 18 Aber wer hat im Rat des HERRN gestanden, dass er sein Wort gesehen und gehört hätte? Wer hat sein Wort vernommen und gehört?

             Das allein macht zum Propheten: dass einer sein Wort gesehen und gehört hat. Genau das aber schließt Jeremia für die falschen Propheten aus. Sie sehen nur ihre eigenen Bilder, sie kennen nur ihre eigenen Wünsche. Sie sagen nur ihre eigenen Gedanken. „In wessen Auftrag treten wir auf?“ weiterlesen

Besser keine Hirten als solche?

Jeremia 23, 1 – 8 

 1 Weh euch Hirten, die ihr die Herde meiner Weide umkommen lasst und zerstreut!, spricht der HERR. 2 Darum spricht der HERR, der Gott Israels, von den Hirten, die mein Volk weiden: Ihr habt meine Herde zerstreut und verstoßen und nicht nach ihr gesehen. Siehe, ich will euch heimsuchen um eures bösen Tuns willen, spricht der HERR. 3 Und ich will die Übriggebliebenen meiner Herde sammeln aus allen Ländern, wohin ich sie verstoßen habe, und will sie wiederbringen zu ihren Weideplätzen, dass sie sollen wachsen und viel werden. 4 Und ich will Hirten über sie setzen, die sie weiden sollen, dass sie sich nicht mehr fürchten noch erschrecken noch heimgesucht werden, spricht der HERR.

             Gerichtswort und Erbarmungs-Wort in einem ist das. Gerichtswort über die Hirten, Erbarmungs-Wort über der Herde. „Mit einen Wehrufe aus der Totenklage wird der Vasallenkönig Zidikija mit seinen Regenten und Beamten (Hirten) bedacht.“ (R. Then, aaO. S.79) Damit würde dieses Wort in die Zeit zwischen 597 und 587 gehören.

Die Hirten haben das anvertraute Volk geschunden und in die Irre geführt. Sie haben das Volk verkommen lassen. Mehr noch: „Durch der Regenten Schuld ist schließlich auch das Volk, das sich desgleichen nicht um Recht und Gerechtigkeit bemühte, schuldig geworden.“ (R. Gradwohl, Bibelauslegung aus jüdischen Quellen, Bd. 1, Stuttgart 1986 S.201) Sie haben versagt. Es ist die große Ernüchterung über das Versagen der Führungsschicht, die hier Worte findet.

   Um ein Vielfaches härter noch fällt die Kritik an den Hirten bei Hesekiel aus: „Du Menschenkind, weissage gegen die Hirten Israels, weissage und sprich zu ihnen: So spricht Gott der HERR: Wehe den Hirten Israels, die sich selbst weiden! Sollen die Hirten nicht die Herde weiden? Aber ihr esst das Fett und kleidet euch mit der Wolle und schlachtet das Gemästete, aber die Schafe wollt ihr nicht weiden. Das Schwache stärkt ihr nicht und das Kranke heilt ihr nicht, das Verwundete verbindet ihr nicht, das Verirrte holt ihr nicht zurück und das Verlorene sucht ihr nicht; das Starke aber tretet ihr nieder mit Gewalt.“(Hesekiel 34, 2 – 4) Das Volk wäre besser dran gewesen ohne Hirten zu sein als solche Hirten zu haben. Darum auch das Drohwort gegen die Hirten, das ihnen das Gericht ankündigt.

            Es ist wichtig: Hirten – das sind im Alten Testament und bei Jeremia nicht nur die geistlichen Führer, die Priesterschicht, die führenden Leute am Tempel. So verengen wir allzu leicht, vom kirchlichen Sprachgebrauch in die Irre geführt. Hirten sind für Jeremia genauso der König und seine Ratgeber, die Stadtfürsten und die Familienhäupter. Hirten sind alle, die Leitungsaufgaben für das Volk wahrnehmen, die Orientierungspunkte sein sollen für die einfachen Leute. Vielleicht sogar Vorbilder durch ihr Verhalten. Sie alle haben versagt. „Besser keine Hirten als solche?“ weiterlesen

Statt Segen: Gericht

Jeremia 21, 1 – 14

 1 Dies ist das Wort, das vom HERRN geschah zu Jeremia, als der König Zedekia zu ihm sandte Paschhur, den Sohn Malkijas, und Zefanja, den Sohn Maasejas, den Priester, und ihm sagen ließ: 2 Befrage doch den HERRN für uns; denn Nebukadnezar, der König von Babel, führt Krieg gegen uns. Vielleicht wird der HERR doch an uns sein Wunder tun wie so manches Mal, damit jener von uns abzieht.

             Eine Zeitangabe. Was wir hier lesen spielt sich in der Zeit des König Zedekia (597 – 587) ab. Zu einer Zeit, als Jerusalem schon einmal erobert ist und die ersten Judäer ins Exil geführt worden waren. Vielleicht gehört es in das Jahr 589 v. Chr. als „die Lage in Juda und Jerusalem äußerst brenzlig geworden ist.“ (D. Schneider, aaO.; S.206)

             In dieser Lage schickt der König „prominente Vertreter der politischen und geistlichen Führerschaft“ (A. Weiser, aaO.; S.177) zu Jeremia. Sie sollen ein „göttliches Orakel“ (A. Weiser, aaO, S.178) bei ihm einholen. Nicht einfach nur eine Auskunft über die Zukunft, sondern Zedekia hofft auf die Zusage seines Wunders. Das hat Gott doch so manches Mal schon getan. Das Wunder wäre, dass Nebukadnezar seine Truppen abzieht. So wie es vor über 100 Jahren – im Jahr 703 v. Chr. -Sanherib getan hat.

  3 Jeremia sprach zu ihnen: So sagt zu Zedekia: 4 Das spricht der HERR, der Gott Israels: Siehe, ich will euch zum Rückzug zwingen samt euren Waffen, die ihr in euren Händen habt und mit denen ihr kämpft gegen den König von Babel und gegen die Chaldäer, die euch draußen vor der Mauer belagern, und will euch versammeln mitten in dieser Stadt. 5 Und ich selbst will wider euch streiten mit ausgestreckter Hand, mit starkem Arm, mit Zorn und Grimm und ohne Erbarmen 6 und will die Bürger dieser Stadt schlagen, Menschen und Tiere, dass sie sterben sollen durch eine große Pest.

             Zedekia kommt in einer merkwürdigen Parallelität zu dem Moabiter Balak (4. Mose 22-23) zu stehen. Der wollte ein Fluchwort über Israel und erhielt einen Segen. Zedekia erhofft ein Wunder und empfängt ein Gerichtswort. Keine Beistands-Zusagen, sondern im Gegenteil: Gott will die Jerusalemer zum Rückzug zwingen. Er will die Chaldäer unterstützen. Ja, er selbst will gegen Jerusalem streiten mit ausgestreckter Hand. Wie von selbst stellen sich die Anklänge zum Siegeslied des Mose beim Untergang der Ägypter im Schilfmeer ein:  „HERR, wer ist dir gleich unter den Göttern? Wer ist dir gleich, der so mächtig, heilig, schrecklich, löblich und wundertätig ist? Als du deine rechte Hand ausrecktest, verschlang sie die Erde.“(2. Mose 15,11-12) Die ausgestreckte Hand Gottes – gegen Jerusalem gerichtet. Das ist das Ende. „Statt Segen: Gericht“ weiterlesen

Überwältigt

 Jeremia 20, 7 – 18

7 HERR, du hast mich überredet und ich habe mich überreden lassen. Du bist mir zu stark gewesen und hast gewonnen; aber ich bin darüber zum Spott geworden täglich, und jedermann verlacht mich. 8 Denn sooft ich rede, muss ich schreien; »Frevel und Gewalt!« muss ich rufen. Denn des HERRN Wort ist mir zu Hohn und Spott geworden täglich.

             Es kann eine Last sein, von Gott beansprucht zu werden Es ist nicht das strahlende Privileg, das jubeln lässt: Ich bin erwählt. Gott hat seine Hand auf Jeremia gelegt und es gab und gibt kein Ausweichen. Rede! Predige! Frage nicht danach, ob Du Dir Freunde damit machst, oder Widerspruch, Spott und Hass auf Dich ziehst. Jeremia hatte keine Chance zu entkommen.

Jeremia ist Opfer geworden. Opfer des göttlichen „Verführens“, seines „Betörens“ – so kann man überreden auch übersetzen. „Das Betören entspricht einem Diebstahl des Herzens.“ (R. Gradwohl, Bibelauslegung aus jüdischen Quellen, Bd. 3, Stuttgart 1988. S.312) Salopp könnte man formulieren: Du hast mich über den Tisch gezogen und ich habe mich so ziehen lassen. In dem Wort steckt aber auch „Gewalt: „Du hast mich gepackt und vergewaltigt“ (Übersetzung A. Weiser, aaO.; S.167)„Du hast mich gepackt und aufs Kreuz gelegt.“(M. Dreyer, Volxbibel. S.779) Gott ist so harmlos nicht und auch nicht so rücksichtsvoll uns gegenüber. Er weiß sich durchzusetzen! Das erfährt Jeremia am eigenen Leib und im eigenen Leben. 

 Der Auftrag ist eine schier unerträgliche Last. Seelische Belastung, die über die Kräfte geht. „Die andere Seite des prophetischen Lebens wird sichtbar, nicht allein die innere Beteiligung an der Ausführung seines prophetischen Auftrags wird jetzt deutlich, sondern gerade das Unvermögen, diesen Gottesauftrag körperlich und seelisch durchzuhalten.“ (D. Schneider, aaO. S.199) Hier ist es nichts mit Work-Life-Balance. Hier ist das Leben geradezu rücksichtslos beschlagnahmt.

            Aber dieses Leben wird zum Zerrbild. »Frevel und Gewalt!«  ist sein Thema, seine Botschaft ist der Untergang. Nicht irgendwann, sondern jetzt. Aber dieses „Jetzt“ bleibt aus. Der Untergang lässt seit geraumer Zeit auf sich warten. Seine Hörer lachen, weil sie sagen: Kennen wir alles schon. Sagst du doch immer. Für sie ist Jeremia ein „professioneller Schwarzseher“. Was Jeremia ansagt, nimmt keiner mehr ernst.

 9 Da dachte ich: Ich will nicht mehr an ihn denken und nicht mehr in seinem Namen predigen. Aber es ward in meinem Herzen wie ein brennendes Feuer, in meinen Gebeinen verschlossen, dass ich’s nicht ertragen konnte; ich wäre schier vergangen.

            Schweigen ist kein Ausweg. Jeremia hat es versucht, gesteht er sich ein: Ich bin nicht berufen. Ich weiß nichts von Gott. Ich will nicht mehr in seinem Namen predigen. Jeremia versucht, Gott vom Platz zu stellen, die Stimme Gottes in sich zum Schweigen zu bringen.  „In der Stunde der Anfechtung und Bestreitung versucht Jeremia, die Erinnerung an Gottes Beauftragung auszulöschen.“ (D. Schneider, aaO. S.200) Den Auftrag zu ignorieren. Ihn in sich selbst totzuschweigen.

Aber genau das geht nicht. „Eine Flucht vor Gott ist nicht möglich. Das erfuhr am eigenen Leib Jona in den Tagen des assyrischen Großreiches, als er der Hauptstadt Ninive die Schuld vor Augen führen sollte und vor dem Wort des Herrn zu flüchten suchte.“(R. Gradwohl, Bibelauslegung aus jüdischen Quellen, Bd. 3, Stuttgart 1988. S.315) Da fängt es in ihm an zu brennen, wie wenn ihn Fieber schüttelt. Er ist ein innerliche Getriebener und kann diesen inneren Treiber der Gottesstimme nicht zum Verstummen bringen. Selbst wenn er nichts mehr sagt – in ihm wird es weiter schreien.

10 Denn ich höre, wie viele heimlich reden: »Schrecken ist um und um!« »Verklagt ihn!« »Wir wollen ihn verklagen!« Alle meine Freunde und Gesellen lauern, ob ich nicht falle: »Vielleicht lässt er sich überlisten, dass wir ihm beikommen können und uns an ihm rächen.«

             Es sind bittere Erfahrungen, die Jeremia benennt. Sich anpassen ist kein Ausweg. Den anderen nach dem Mund reden ist kein Ausweg. Das Schweigen kann so laut werden und was ich vorher gesagt habe, ist ja nicht ungesagt. Die Anpassung wird einem ja nicht geglaubt. „Du bist doch einer von denen – deine Sprache verrät dich. Selbst wenn du gar nichts mehr sagst.“ Und wenn ich anfange zu fallen, zu wanken, mich anzupassen, dann werden sie kommen und mich in den Staub treten. Es ist ein merkwürdiger Vorgang: Der, der vom Glauben abfällt, wird für die, die nie geglaubt haben nicht zum Freund, sondern er wird ihnen zum Spott. Und er wird es zu spüren bekommen an ihrer Wut über seinem Abfall: Du bist uns die Treue zu deinem Glauben schuldig geblieben.

 11 Aber der HERR ist bei mir wie ein starker Held, darum werden meine Verfolger fallen und nicht gewinnen. Sie müssen ganz zuschanden werden, weil es ihnen nicht gelingt. Ewig wird ihre Schande sein und nie vergessen werden. 12 Und nun, HERR Zebaoth, der du die Gerechten prüfst, Nieren und Herz durchschaust: Lass mich  deine Vergeltung an ihnen sehen; denn ich habe dir meine Sache befohlen. 13 Singet dem HERRN, rühmet den HERRN, der des Armen Leben aus den Händen der Boshaften errettet!

             Es klingt wie ein Lehrsatz, wie Erinnerungen an die Katechismus-Texte, wie Predigt-Fetzen, die einem durch den Kopf gehen. Das ist gelernt. Das sitzt tief im Gedächtnis. Und wie sehr wünscht Jeremia sich, dass solche Sätze das Leben halten, wenn kein Halt mehr ist: „Der Herr ist mir ein starker Held.“ „Stern, auf den ich schaue.“ „Wenn ich nur dich habe.“ Es sind wunderbare Worte – und Jeremia  sagt sie sich vor.

 Was für ein Versuch! Ein „auffällig plötzlicher Stimmungsumschwung“.  (A. Weiser, aaO. S. 172) Ein Dankgebet, so lese ich. Eine neue Gewissheit über die Zukunft. Ich höre anderes: Es ist der Versuch eines Menschen, der völlig durch den Wind ist, sich an seine alten Gewissheiten zu klammern. Sie sich neu einzureden. Weil er weiß: Ich habe ja nichts anderes. Ich habe keinen besseren Halt als diese Worte, in die ich mit meiner Sehnsucht hinein krieche, die ich mir vor-sage, damit ich sie glaube.

            Wer nur ein bisschen Verzweiflung und Anfechtung erfahren hat im eigenen Leben, der ahnt, was hier in Jeremia vorgeht. Da steht immer beides vor Augen: Der Glaube an die Kraft Gottes und das Erschrecken über das Unheil. Die Hoffnung auf eine Wende und die Furcht, dass nichts mehr geht. Die Wellen der Verzweiflung schlagen über Jeremia zusammen und er ist nur noch ein Bündel in sich widersprüchlicher Empfindungen.

            So sagt er sich die alten, großen Worte vor. Hält sie sich vor. Sucht an ihnen Halt. Aber – so zeigt sich: Es hat keine Kraft mehr:

14 Verflucht sei der Tag, an dem ich geboren bin; der Tag soll ungesegnet sein, an dem mich meine Mutter geboren hat! 15 Verflucht sei, der meinem Vater gute Botschaft brachte und sprach: »Du hast einen Sohn«, sodass er ihn fröhlich machte

             Das ist ein Aufschrei, der ängstigt, lähmt, erstarren lässt. Wenn einer so am Leben verzagt ist, dass er sich nichts mehr traut und nichts Gutes mehr in seinem Leben sehen kann – da breitet sich nachtschwarze Verzweiflung aus. „Mein ganzes Leben ist nichts.“  Ausgelöscht alle Stunden des Glücks. Weg-gespült von einer Verzweiflung, die keine Land mehr sieht.

            Es ist eine Klage, die kein Gegenüber mehr sieht. Die in einen stummen Himmel hinein schreit. Indem Jeremia „seine Existenz verneint, ruft er auch Gott nicht mehr an, und kein Du ist mehr in Sicht..“ (D. Schneider, aaO.; S.202) Jeremia weiß, dass er die Zeit nicht zurückdrehen kann, den Tag seiner Geburt nicht ungeschehen machen kann. Aber indem er den Tag verflucht, ihn ungesegnet wünscht, sagt er, dass er nicht mehr dasein will. Der Ausweg unserer Zeit aus solcher nachtschwarzen Verzweiflung freilich, der Weg in den Suizid ist und bleibt ihm verschlossen.

            Heute würde man wohl diagnostizieren: Jeremia erfährt ein burn out. Verschließen in dem Zangengriff von äußerer Anfeindung und inneren Erschöpfung, weil Gott sin Drohwort nicht wahrmacht. Seine innere Gewissheit ist weg, verbrannt. Sie gibt keine Kraft mehr, auch keine Widerstandkraft mehr. Er ist regelrecht ausgehöhlt.  Es ist nicht so, dass Gottes Existenz ihm fraglich wäre. Aber sein Weg ist ihm fragwürdig geworden, zweifelsbelastet, ein Trugbach.

Auch das tröstet nicht, dass es Brüder in diesem Leiden gibt – Hiob ist dem Jeremia so nahe, dass ihre Worte sich gleichen. „Ausgelöscht sei der Tag, an dem ich geboren bin, und die Nacht, da man sprach: Ein Knabe kam zur Welt! Jener Tag soll finster sein und Gott droben frage nicht nach ihm! Kein Glanz soll über ihm scheinen! Finsternis und Dunkel sollen ihn überwältigen und düstere Wolken über ihm bleiben, und Verfinsterung am Tage mache ihn schrecklich!“(Hiob 3,3-5)  In diesen Worten sind Hiob und Jeremia denen so nahe, die heute an der eigenen Existenz zerbrechen. Der Sog des Verzagens ist so stark, dass er alle gelernten Glaubenssätze mit in den Strudel reißt.

16 Der Tag soll sein wie die Städte, die der HERR vernichtet hat ohne Erbarmen. Am Morgen soll er Wehklage hören und am Mittag Kriegsgeschrei, 17 weil er mich nicht getötet hat im Mutterleibe, sodass meine Mutter mein Grab geworden und ihr Leib ewig schwanger geblieben wäre! 18 Warum bin ich doch aus dem Mutterleib hervor gekommen, wenn ich nur Jammer und Herzeleid sehen muss und meine Tage in Schmach zubringe!

 Was für andere das Schrecklichste ist, eine Totgeburt im Mutterleib, ein Mutterleib, der zum Grab wird – das wünscht Jeremia sich. Kann man sich so etwas wünschen? Ist es denkbar, dass der Prophet so unter der Last seines Auftrages leidet, dass er zu solcher Selbstverneinung kommt?

Zum Weiterdenken

        Parallelen in unserer Zeit? Mir fallen die Klimaforscher ein, die von Erde-Erwärmung reden. Vom Anstieg der Meeresspiegel. Von der Zunahme der Unwetter. Von einer bevorstehenden Klima-Katastrophe. Aber sie lässt auf sich warten und deshalb gibt es nicht wenige, die sagen: alles nur Katastrophen-Gerede. Es ist die gleiche Sorte Blindheit, auf die Jeremia trifft.

Und natürlich: Corona, die Krise, die weltweit wirkt. Auch darin, dass sie Verschwörungstheorien ins Gras schießen lässt. Nichts ist so erschreckend brutal wie die Wirklichkeit. Kein wunder, dass mancher sich seine Wirklichkeit zurecht träumt. Wenn wir aus dieser Krise nur als die „Alten“, „Unverbesserlichen“ hervorgehen, haben wir nichts gelernt. Ist es nur ein optimistisches Zitat: „Vielleicht war der Virus nur ein Sendbote aus der Zukunft. Seine drastische Botschaft lautet: Die menschliche Zivilisation ist zu dicht, zu schnell, zu überhitzt geworden. Sie rast zu sehr in eine bestimmte Richtung, in der es keine Zukunft gibt.“(M. Horx, Die Welt nach Corona)

             Es wirkt wie Ironie: „Für den Ex-Kommunarden Rainer Langhans ist die Corona-Krise ein Segen: Es musste eine Krankheit kommen, die alle Menschenzwingt, sic zu ändern, zu besinnen, und runter zu fahren. Wir haben gelernt, dass es eben nicht egal ist, wenn in China ein Sack Reis umfällt. Wer nicht hören will, muss fühlen.“(Kreisanzeiger 8.6.2020, S.3) 

Es gibt den Versuch zu erklären, dass diese Konfessionen, Bekenntnisse des Jeremia nicht einfach nur sein individuelles Schicksal spiegeln. Sie entsprechen der liturgischen Form des Klageliedes eines Einzelnen. Diese Form „ermöglicht jedem gläubigen Menschen, der den Psalm spricht, sich persönlich in den gemeinschaftlichen Strom des Betens einzubetten und so für sich selber einen Weg nachzuvollziehen, den er auch für sich als gültig anerkennt.“ (Jeremia, Prophet in einer Zeit der Krise/ R. Blanchet, Bibelarbeit in der Gemeinde Bd. 6, Köln 1986, S.76)   

 Mir ist das zu kurz gesprungen. Die Analyse der literarischen Form darf nicht dazu führen, dass man das gelebte Leben hinter den Worten, dass man den Schmerz in den Worten nicht mehr ernst nimmt. Ich denke umgekehrt: Weil sich hier wirkliches Leben, wirklich Schmerz zu Wort meldet und sich das Schreien nicht verbieten lässt, sich auch nicht selbst verbietet, deshalb kann es über die Zeiten hinweg auch zur Sprachhilfe für uns werden, wenn uns die eigenen Worte ausgehen und im Hals stecken bleiben wollen.

Warum spielen diese Worte des Jeremia, seine Konfessionen, keine größere Rolle in unserer Verkündigung heutzutage? Es mag daran liegen: Sie stören die Hochglanzbilder, die gern vom Glauben gemalt werden. Dass der Glaube alles oder doch fast alles gut macht und gut werden lässt. Dass er auf jeden Fall auch Schweres leichter werden lässt. Wenn man nur auf dem Weg des Gehorsams bleibt. Bei Jeremia aber wird der Weg des Gehorsams zur unerträglichen Last. Zur völligen Überforderung.

Ich wage zu denken: das so weiterzugeben, könnte dem einen oder der anderen helfen, die eigen Situation der Überlastung durch den Glauben überhaupt erst wahrzunehmen und dann vielleicht auch anzunehmen. Sich überhaupt wahrgenommen zu fühlen: So geht es mir. Und sich dann Gott hinzuhalten: Das hast Du aus mir gemacht. Diese innere Leere. Dieser Schmerz kommt von Dir.

           Ich merke, wie ich mich beim Nachdenken über diese Worte wehren muss. Wie kann ich mich wehren gegen ein Dunkel, das nach mir greift und alle Lichter auslöschen will, weil ich sehe, wie neben mir Leben zerbricht. Das müsste ein Weg sein: Vor Gott zu Gott fliehen – ihm entgegen schreien, auch den Schmerz, auch das Dunkel, auch das zerbrochene Zutrauen. Die verzagte Hoffnung auf Gott hinhalten – ins Dunkel der Nacht.

             Ich bin nicht Jeremia. Je länger ich in diesem Buch lese sage ich: Gott sei Dank bin ich nicht Jeremia. Aber ein paar Mal in meinem Leben habe ich dieses unbedingte „Jetzt bist Du dran!“ erlebt. Kein Ausweichen mehr. Der Ruf Gottes kam und damit waren alle Entscheidungen gefallen. Gott sei Dank waren es bei mir nicht Worte, die mich in die Isolation geführt haben, nicht Aufträge, die mich in namenlose Einsamkeit gestürzt haben. Aber dass es unter der Forderung Gottes um einen herum einsam werden kann, das habe ich schon auch gespürt.

Wenn Du nur für mich bist. Wenn Du mich nur nicht fallen lässt. Wenn Du nur zu mir stehst. So habe ich oft gesagt und mich daran getröstet.

Aber dann sind die Stunden gekommen, wo Du mir fragwürdig geworden bist, Deine Nähe mir nicht mehr spürbar war, Deine Liebe mich nicht mehr umgeben hat als schützender Mantel.

Da sind die Stimmen um mich herum laut geworden, die mir doch nur gesagt haben, was die Stimmen des eigenen Herzens sagten: Wo ist dein Gott? Warum führst du seinen Namen im Mund? Warum redest du für ihn, wenn er schweigt? Was ist er ohne dich? Ist er nicht nur deine Einbildung? Und hältst du nicht nur an ihm fest, weil du sonst nichts mehr hast?

Fragen, die mich quälen, mir zusetzen, mich ängstigen, mich verstummen lassen wollen. Und doch: Ich kann nicht schweigen von Dir und schon gar nicht vor Dir. Ich will mit Dir reden. Ich muss mit Dir reden. Ich muss nach Dir rufen und mich ausstrecken nach Dir, in das bleierne Schweigen hinein, in die lähmende Stille.

Du wirst mich hören und von Deinem Antworten werde ich neu leben. Amen

Pervers

Jeremia 19, 1 – 13

 1 So sprach der HERR: Geh hin und kaufe dir einen irdenen Krug vom Töpfer und nimm mit etliche von den Ältesten des Volks und von den Ältesten der Priester 2 und geh hinaus ins Tal Ben-Hinnom, das vor dem Scherbentor liegt, und predige dort die Worte, die ich dir sage,

            Gottesdienst an ungewöhnlichen Orten – das ist eine der Ideen, mit denen wir die Leute wieder an die Kirche heranbringen wollen. Dafür suchen wir nach Orten, an denen die Menschen sind: Bahnhöfe, Fitness-Center, Messen, Schwimmbäder, Fluss-Ufer, Jahrmärkte… Immer geht es darum, die Nähe zu den Menschen zu suchen, um sie zu gewinnen.

            Ist das vergleichbar? Ich zögere. Es könnte sein, dass die ungewöhnlichen Predigtorte die Ohren öffnen?!

Jeremia geht auch einen ungewöhnlichen Weg. Statt zum Tempel, um dort zu reden ins Tal Ben-Himmon. Nicht aus taktischen Erwägungen: „Das deus dixit (so spricht der Herr) ist das undiskutierbare und unerschütterliche Fundament der prophetischen Verkündigung,“(A. Weiser, aaO. S.161) Es sind detaillierte Anweisungen: Kauf eines Tonkruges, Mitnehmen einiger Ältesten, der Weg ins Tal Ben-Hinnom, vor das Scherbentor. Gott überlässt nichts dem Gutdünken des Propheten. Es ist nicht die Idee des Propheten, sondern der Auftrag Gottes, der den Ort des Geschehens bestimmt.

3 und sprich: Höret des HERRN Wort, ihr Könige von Juda und ihr Bürger Jerusalems! So spricht der HERR Zebaoth, der Gott Israels: Siehe, ich will ein solches Unheil über diese Stätte bringen, dass jedem, der es hören wird, die Ohren gellen sollen, 4 weil sie mich verlassen und diese Stätte einem fremden Gott gegeben und dort andern Göttern geopfert haben, die weder sie noch ihre Väter noch die Könige von Juda kannten, und weil sie die Stätte voll unschuldigen Blutes gemacht 5 und dem Baal Höhen gebaut haben, um ihre Kinder dem Baal als Brandopfer zu verbrennen, was ich weder geboten noch geredet habe und was mir nie in den Sinn gekommen ist.

            Was nützen die schönsten Orte, wenn die Predigten in den Ohren gellen! Jeremia hat keine freundlichen Worte zu sagen. Seine Predigt ist eine einzige Bedrohung Jerusalems und Judas. Aus Heils-Orten sollen Unheils-Orte werden, aus Froh-Botschaften, auf die alle hoffen, werden Drohbotschaften, die keiner will. Aber Jeremia darf nicht predigen, was er möchte oder was sich seine Leute wünschen. Unheil muss er ansagen. Untergang. Er ist und bleibt ein Droh-Botschafter, nicht aus eigenem dunklen, pessimistischen Miesmachen, sondern weil Gott es ihm abverlangt! „Pervers“ weiterlesen

Eine Umkehr-Predigt an verstockte Herzen

Jeremia 18, 1 – 12

 1 Dies ist das Wort, das geschah vom HERRN zu Jeremia: 2 Mach dich auf und geh hinab in des Töpfers Haus; dort will ich dich meine Worte hören lassen. 3 Und ich ging hinab in des Töpfers Haus, und siehe, er arbeitete eben auf der Scheibe. 4 Und der Topf, den er aus dem Ton machte, missriet ihm unter den Händen. Da machte er einen andern Topf daraus, wie es ihm gefiel.

            Alles Irdische ist gleichnisfähig. Denn das Irdische ist ja Schöpfung aus der Hand des Schöpfers. Es trägt sein Markenzeichen. Jeder alte Stein ist gut genug, um zur Predigt zu werden. Erst recht ein Klumpen Ton. Und erst recht, wenn einer wie Jeremia mit der Nase darauf gestoßen wird.

            Das Wort, das zu Jeremia geschieht, schickt ihn nicht in den Tempel, sondern in eine Werkstatt, in des Töpfers Haus. Auch diesen Weg sucht sich Jeremia also nicht von selbst. Dort wird er zum Zuschauer der handwerklichen Arbeit. Und sieht auch: Manches Gerät entspricht nicht den Vorstellungen des Meisters.  „Das Missraten eines Gefäßes ist nicht so zu verstehen, dass der Meister einen völlig unbrauchbaren Gegenstand auf einmal unter seinen Händen sieht – wie könnte das einem solchen Fachmann geschehen! – sondern dass das Gefäß zwar durchaus brauchbar ist, aber eben nicht seinen Vorstellungen entspricht!?“ (D. Schneider, aaO. S.186) Darum macht der Meister einen neuen Anlauf. Zweiter Versuch. Jetzt stimmt es.

 5 Da geschah des HERRN Wort zu mir: 6 Kann ich nicht ebenso mit euch umgehen, ihr vom Hause Israel, wie dieser Töpfer?, spricht der HERR. Siehe, wie der Ton in des Töpfers Hand, so seid auch ihr vom Hause Israel in meiner Hand.

             Der Besuch in der Töpferwerkstatt wird nicht zum Auftakt einer Zeichenhandlung. Wenn, dann wäre Jeremia nur der Zuschauer. Aber er liefert das Material einer Gleichnisrede. Gott ist der Töpfer, Israel der Ton. Es ist ganz Gottes Sache, ob er das Gefäß aus Ton, das er geschaffen hat, als hinreichend ansieht. Ob er es annimmt oder verwirft. Der Schöpfer ist seinem Geschöpf gegenüber ungebunden.

Hinter den Worten mag auch die Erinnerung an die Schöpfungserzählung stehen: „Da machte Gott der HERR den Menschen aus Erde vom Acker und blies ihm den Odem des Lebens in seine Nase. Und so ward der Mensch ein lebendiges Wesen.“ (1. Mose 2,7) Der Mensch – ein belebter Klumpen Ton. Geformt aus der Erde. Die materille Substanz des Menschen entspricht der Erde. Wir sind „Sternenstaub“ (C. Bittlinger) „Eine Umkehr-Predigt an verstockte Herzen“ weiterlesen