Gute Worte tun gut

Sprüche 16, 18 – 33

18 Wer zugrunde gehen soll, der wird zuvor stolz; und Hochmut kommt vor dem Fall. 19 Besser niedrig sein mit den Demütigen als Beute austeilen mit den Hoffärtigen.

            Es klingt nach fremder Verfügung – aber es ist wohl so etwas wie eine Eigengesetzlichkeit gemeint. Wer zugrunde gehen soll… Der überzogene Glaube an die eigenen Möglichkeiten trägt häufig schon die Ursachen eines Absturzes in sich. Es gibt  Selbstvertrauen, das sich als hohl erweist, als nicht tragfähig. So wie es Kumpanei gibt, die bei der ersten Probe zerbricht.  

20 Wer auf das Wort merkt, der findet Glück; und wohl dem, der sich auf den HERRN verlässt! 21 Ein Verständiger wird gerühmt als ein weiser Mann, und liebliche Rede mehrt die Einsicht. 22 Klugheit ist ein Brunnen des Lebens dem, der sie hat; aber die Strafe der Toren ist ihre Torheit. 23 Des Weisen Herz redet klug und mehrt auf seinen Lippen die Lehre.

    Unermüdlich wiederholt: Das Wort achten ist gute Wege finden.  Gemeint ist sicherlich im Vordergrund zunächst „die Belehrung der Weisen“. (W. Dietrich, Das Buch der Sprüche, Wuppertaler Studienbibel AT, Wuppertal 1985, S. 152) Man wird nicht dümmer, wenn man auf die hört, die vor einem selbst Vorsprung an Lebenserfahrung haben. Es gehört zur Sichtweise der Umwelt des Spruchdichters, dass der Weg zu einem guten Leben durch das Achten auf die Erfahrungen früherer Zeiten geahnt wird, die die Weisen vermitteln.

            Diese Überzeugung steht nicht nur hinter den Sprüchen – sie steht auch hinter den Geschichtsbüchern Israels. Auf sie verweist auch Paulus zurück. „Denn was zuvor geschrieben ist, das ist uns zur Lehre geschrieben, damit wir durch Geduld und den Trost der Schrift Hoffnung haben.“(Römer 15,4) Das ist von Paulus her gewiss keine Einladung zu fundamentalistischem Glauben an die Bibel, wohl aber eine Einladung, aus der Weisheit dieser Schriften zu schöpfen.

24 Freundliche Reden sind Honigseim, süß für die Seele und heilsam für die Glieder.

  Das kennt wohl jeder: Gute Worte tun gut. So mancher wird durch einen Besuch aufgerichtet, durch freundliche Worte. Das ist nicht als Therapie einsetzbar – aber es ist manchmal mehr als eine medizinische Therapie vermag. Es gibt ein Gesundwerden an Leib und Seele, das aus dem Hören freundlicher Worte Kraft gewinnt.    

25 Manchem scheint ein Weg recht; aber zuletzt bringt er ihn zum Tode.

            Selbst-Täuschung. Nicht jeder Weg ist ein guter Weg. Nicht immer ist es ein guter Rat: „Geh, wohin dein Herz dich führt.“ Es gibt bei Wanderungen Wege, die sich als Sackgassen erweisen. Es gibt auch Lebenswege, die sich als Sackgassen entpuppen. Der Spruchdichter würde sicher auch nicht zustimmen: „Der Weg ist das Ziel.“ An manchem Ziel gibt es ein böses Erwachen. Es fällt nicht gleich auf – hier wird schlicht wiederholt, was schon früher gesagt ist – der inhaltlich gleiche Satz steht schon in 14,12.  Es ist ein pädagogisches Mittel, das in den Sprüchen verwendet wird: Stete Wiederholung führt irgendwann – vielleicht – zur Einsicht. 

26 Der Hunger des Arbeiters arbeitet für ihn; denn sein Mund treibt ihn an.

            Was bringt Menschen dazu zu arbeiten? Eine leicht idealistische Antwort unserer Zeit: Sie wollen sich in ihrer Arbeit selbst verwirklichen. Hinter der Idee eines bedingungslosen Grundeinkommens steht dieser Gedanke: Menschen würden noch viel lieber arbeiten, wenn sie nicht irgendwelchen ökonomischen Zwängen unterworfen wären, wenn ihr Lebensunterhalt sozusagen von vornherein auskömmlich gesichert würde.  

            Die Sprüche zeigen sich skeptisch: Es ist der Hunger, der zum Arbeiten führt. Es ist die Sicherung der eigenen Existenz, die Leute schaffen lässt. Oder, wie Bert Brecht sagt: „Erst kommt das Fressen, dann die Moral.“ Das ist weit entfernt von einer Sicht, die Arbeit als eine Art Sinnstiftung für den Menschen sieht.  Es geht schlicht ums Sattwerden, ums Überleben.     

            Ich habe von Soziologen gelernt: Frühere Zeiten folgten dem Konzept einer Überlebensgesellschaft. Dahinein gehört auch das Denken der Sprüche Salomo. Wir dagegen heute folgen dem Konzept einer Erlebnisgesellschaft. Darauf kommt es an, ob etwas ein Mehrwert als Erlebnis bringt – die Tasche von Gucci, der PKW von BMW, der Wein vom Rheingau, die Kreuzfahrt zum Nordkap. „Heute treibt uns in unseren Breiten weniger der Hunger als vielmehr das Streben nach Luxus.“(W. Dietrich, aaO. S. 154) Das Ergebnis dieses Wandels schlägt sich auch im ungehemmten Anstieg des Verbrauchs von Lebensgütern nieder. Wir verzehren die Zukunft unserer Enkel. Man gönnt sich ja sonst nichts!    

27 Ein heilloser Mensch gräbt nach Unheil, und auf seinen Lippen ist’s wie brennendes Feuer. 28 Ein falscher Mensch richtet Zank an, und ein Verleumder macht Freunde uneins. 29 Ein Frevler verlockt seinen Nächsten und führt ihn auf keinen guten Weg. 30 Wer mit den Augen winkt, denkt nichts Gutes; und wer mit den Lippen andeutet, vollbringt Böses.

            Es ist ein Kontrast-Bild: eben noch hat der Sammler die wohltuende Wirkung guter Worte ins Blickfeld gerückt. Jetzt zeigt er, was Worte alles anrichten können: Unheil, Zank,  sie sind Brandbeschleuniger. Sie entzweien Menschen. Sie verlocken auf die schiefe Bahn. Manchmal genügt ein Blick-Kontakt. Worte können heilen und Worte können zerstören. Rufmord braucht keine Messer – es genügen gezielt gestreute Gerüchte.

 „Als gesuchter Beichtvater, der täglich bis zu zwölf Stunden im Beichtstuhl verbrachte, habe Philipp Neri Bußen auferlegt, die „nicht nur sehr originell“, sondern auch von hohem „glaubenspädagogischen Wert“ waren, schrieb Wodrazka. Als Contessa Bianchi bekannte, sie habe wiederholt schlecht über andere Menschen gesprochen, trug ihr der weise Beichtvater Folgendes auf: „Zur Buße wirst du dir am Markt ein Huhn besorgen und dann damit zu mir kommen. Unterwegs musst du es so gut rupfen, dass dabei auch nicht eine Feder übrigbleibt.“

Die Contessa führte dies folgsam aus, sehr zum Amüsement der römischen Bevölkerung. Angesichts des gerupften Huhns verlangte Philipp Neri von der stadtbekannten Adeligen jedoch, alle Federn wieder einzusammeln und keine dabei zu vergessen. Darauf die Contessa bestürzt: „Das ist doch nicht möglich! Der Wind hat die Federn bereits in ganz Rom verweht.“ Daraufhin Philipp: „Daran hättest du vorher denken müssen. So wie du die einmal ausgestreuten Federn nicht mehr aufsammeln kannst, weil der Wind sie verweht hat, so kannst du auch die bösen Worte, die du einmal ausgesprochen hast, nicht wieder zurücknehmen.“

            Man wird schon darüber nachdenken dürfen (und müssen), wie viele Menschen in Zeiten von Facebook, Instagram, Twitter Opfer von bösartig verbreiteten Unwahrheiten und Halbwahrheiten geworden sind. Sich wehren gegen den unsichtbaren Denunzianten, gegen den Intriganten, gegen den Gerüchte-Streuer?  Umso wichtiger ist es, zu sehen, was einer sagt, wie er es sagt. An Gesichtern Gedanken abzulesen. Die Mimik, die Körpersprache eines Menschen zu erkennen. Da sind die Sprüche voll auf der Höhe der Zeit.  

31 Graue Haare sind eine Krone der Ehre; auf dem Weg der Gerechtigkeit wird sie gefunden. 32 Ein Geduldiger ist besser als ein Starker und wer sich selbst beherrscht, besser als einer, der Städte einnimmt.

     Graue Haare sind mehr als ein Alterszeichen. Sie sind, unsere Zeit würde hier wohl zögern zuzustimmen, eine Krone der Ehre. Man altert in Ehren und man altert überhaupt und ehrenhaft auf den Weg der Gerechtigkeit. Es ist die Überzeugung, die wiederholt an anderer Stelle in den Sprüche verhandelt wird: Unrecht hat lebensverkürzende Wirkungen, Gerechtigkeit aber ist eine lebensverlängernde Maßnahme.

     Das Glück kommt zu dem, der warten kann. Man kann es nicht erjagen – es entzieht sich. Aber man kann sich selbst und die eigenen Süchte und Sehnsüchte beherrschen lernen und so den Weg zu einer tiefgegründeten Zufriedenheit finden.

       Warum der Schäfer jedes Wetter liebt

Ein Wanderer: „Wie wird das Wetter heute?“ Der Schäfer: „So, wie ich es gerne habe.“ „Woher wisst Ihr, dass das Wetter so sein wird, wie Ihr es liebt?“ „Ich habe die Erfahrung gemacht, mein Freund, dass ich nicht immer das bekommen kann, was ich gerne möchte. Also habe ich gelernt, immer das zu mögen, was ich bekomme. Deshalb bin ich ganz sicher: das Wetter wird heute so sein, wie ich es mag.“

33 Der Mensch wirft das Los; aber es fällt, wie der HERR will.

            Wir sind nicht die Herren unseres Schicksals. Auch die nicht, die sich auf ein günstiges Los verlassen. Es gehört über lange Zeit hin zur Kultur und zur religiösen Praxis Israels, Entscheidungen durch das Los herbei zu führen. Vielfältige Geschichten werden darüber erzählt. Urim und Thummim sind Los- und Orakel-Steine des Hohenpriesters in Israel. Das Los hilft bei der Zuteilung der Siedlungsräume in Israel. Das Los hilft, Missetäter zu stellen. Das Los entscheidet über Kriegszüge.

            Der Satz hier erinnert daran: Es ist nicht der das Los werfende Mensch, der entscheidet, wie es fällt. Das ist Einspruch gegen jede Los-Manipulation. Es ist der HERR, der auch im Los mit seinem Willen zugegen ist. Nicht das Los, Gott entscheidet!    

 

Heiliger Gott, davon lebt die Welt, dass Du sie ins Leben gerufen hast, dass Du über ihr Dein Wort gesagt hast, dass Du sie in Deinem Wort geordnet hast. Davon, Du gnädiger Gott, leben wir, dass wir gute Worte füreinander finden, dass wir einander Mut zusprechen, die Traurigen trösten, die Verzagten aus ihrer Angst holen. Davon leben wir, dass Du uns freigesprochen hast in Deinem Sohn – Jesus Christus – und alle Anklagen damit Null und Nichtig geworden sind.

Ich bete Dich an, Du Wort ob allen Worten. Amen

Gott gibt keinen auf

Sprüche 16, 1 – 9

1 Der Mensch setzt sich’s wohl vor im Herzen; aber vom HERRN kommt, was die Zunge reden wird. 2 Einen jeglichen dünken seine Wege rein; aber der HERR prüft die Geister. 3 Befiehl dem HERRN deine Werke, so wird dein Vorhaben gelingen.

            Wir hätten es wohl gerne so, dass wir die Herren unserer Tage sind. Dass wir unsere Pläne umsetzen, dass wir unser Geschick leiten und lenken – wie es uns gefällt. wir unsere Pläne umsetzen, dass wir unser Geschick leiten und lenken – wie es uns gefällt. Das große Zauberwort unserer Epoche – Autonomie – gehört nicht zum positiven Wortschatz der Sprüche. Wir sind nicht die Herren unserer Zeit. Jesus erinnert daran: „Wer ist aber unter euch, der seiner Länge eine Elle zusetzen könnte, wie sehr er sich auch darum sorgt?“ (Matthäus 6,27)  Wir leben mehr, als wir es uns meistens eingestehen, vom Empfangen als aus unserer eigenen Fähigkeit. Wir sind nicht die Meister unseres Lebens. Das einzusehen ist ein Schritt auf de Weg zu lebensgerechter Demut.  

            Es zieht sich wie ein roter Faden durch die Schriften: Befiehl dem HERRN deine Werke, so wird dein Vorhaben gelingen. Wer sich in der Bibel auskennt, hört es sozusagen synchron: „Befiehl dem HERRN deine Wege und hoffe auf ihn, er wird’s wohlmachen.“ (Psalm 37,5) Oder aus dem Neuen Testament: „Wenn der Herr will, werden wir leben und dies oder das tun.“(Jakobus 4,15) Es ist Gott, der die Wege öffnet.

4 Der HERR macht alles zu seinem Zweck, auch den Frevler für den bösen Tag.

            Was für eine Herausforderung an unser Denken. Das klingt nach Vorherbestimmung, aus der es kein Ausweichen gibt. „Mag es der letzte, jäh über den Gottlosen hereinbrechende Unglückstag sein oder das Jüngste Gericht, deutlich wird, dass Gottlosigkeit nicht immer ungestraft bleiben wird.“ (W. Dietrich, Das Buch der Sprüche, Wuppertaler Studienbibel AT, Wuppertal 1985, S. 147) So gelesen verliert das Wort seine Schärfe. Auch der andere Ausleger weicht zurück: „Alles ist zu einem bestimmten Zweck von Gott gemacht worden. Als eine etwas überspitzte Formulierung dieses allgemeinen Satzes kommt uns die Behauptung vor, der Frevler sei nur geschaffen, damit die Vergeltung Gottes an ihm offenbar werden könne.“(H. Ringgren, Sprüche, in ATD 16, Göttingen 1967, S. 68) Diese überspitzte Folgerung aber liegt in der Logik des allgemeinen Satzes und hat kirchengeschichtlich ihre – nur zu oft verhängnisvollen – Auswirkungen in der Lehre von der doppelten Prädestination. Der zum Heil und der zum Unheil.    

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Das Herz – die Person-Mitte

Sprüche 15, 13 – 18

13 Ein fröhliches Herz macht ein fröhliches Angesicht; aber wenn das Herz bekümmert ist, entfällt auch der Mut.

            Man kann es einem Menschen ansehen, wie „drauf“ ist. Den meisten jedenfalls. Nu denen mit einem Pokergesicht nicht. Es gibt einen Zusammenhang zwischen unserer inneren Verfassung und unserem Gesichtsausdruck. Wobei es schon stimmt, dass die Aufforderung „Mach ein anderes Gesicht“ in der Regel ins Leere läuft. Wir können nicht „ein anderes Gesicht machen“. 

            Es ist gut, dass aus diesen Einsichten keine Aufforderung abgeleitet wird: „Wir sind dazu aufgerufen, jede Gelegenheit zum Freuen zu nützen und dem Kummer nicht allzu viel Raum in unserem Denken zu lassen.“(W. Dietrich, Das Buch der Sprüche, Wuppertaler Studienbibel AT, Wuppertal 1985, S. 140f.) Genau das steht nicht da! Die Sprüche beschreiben, sie befehlen nicht.   

14 Des Klugen Herz sucht Erkenntnis; aber der Toren Mund geht mit Torheit um.

            Zum dritten Mal steht hier das Herz im Blick – lēb. „In der geläufigsten Form lēb kommt es im hebräischen Alten Testament 598 mal, in der Form lēbāb 252 mal vor.“(H. W. Wolff, Anthropologie des Alten Testamentes, München 1974, s. 66)  Das Interesse gilt dabei nicht dem Organ, das medizinisch betrachtet so wichtig ist. Es gilt dem Wesen, der Personmitte, die sich im Herzen finden. „In den weitaus meisten Fällen werden vom Herzen intellektuelle, rationale Funktionen ausgesagt, also genau das, was wir dem Kopf und genauer dem Hirn zuschreiben.“(H. W. Wolff, aaO. S. 77)  Im Herzen fallen die Entscheidungen über die Wege des Menschen.

            Vielleicht darf man von daher so übertragen: Kluge Menschen wissen, dass sie viel mehr nicht wissen als sie wissen. Toren dagegen glauben, sie wüssten schon alles und müssten nichts mehr dazu lernen. Darum sind kluge Herzen auch offen für Kritik. „Jede Kritik ist eine kostenlose Unternehmensberatung. … Wer sich kontinuierlich Kritik gegenüber immunisiert und keinen Rat von außen einholt, wird wie ein Messer sein, das schon lange nicht mehr geschliffen wurde, stumpf, ineffektiv und irgendwie unbrauchbar.“(V. Kessler, Kritisieren ohne zu verletzen, Lernen von den Sprüchen Salomos, Giessen 2019, S. 29)Man könnte auch sagen  und würde bei dem Spruchdichter wahrscheinlich Zustimmung finden: „Wer mich nicht (mehr) kritisiert, liebt mich nicht.“

15 Ein Betrübter hat nie einen guten Tag; aber ein guter Mut ist ein tägliches Fest. 16 Besser wenig mit der Furcht des HERRN als ein großer Schatz, bei dem Unruhe ist. 17 Besser ein Gericht Kraut mit Liebe als ein gemästeter Ochse mit Hass.

            Es ist die innere Verfassung, die darüber entscheidet, wie wir die äußerlichen Lebensumstände wahrnehmen. Wenn einer neben der Spur ist, freut ihn nichts. Wenn einer festsitzt im Gefängnis seiner trüben Gedanken, gibt es keinen Hoffnungsschimmer. Nicht einmal das Essen schmeckt mehr. Und der eigene Besitz löst nur Ängste aus – weil er ja von überall her bedroht ist. Es scheint, diese Haltung hat Jesus vor Augen, wenn er mahnt: „Sammelt euch aber Schätze im Himmel, wo weder Motten noch Rost sie fressen und wo Diebe nicht einbrechen und stehlen.“(Matthäus 6,20)    

            Es ist ein Appell an die Einsicht, an das Einfühlungsvermögen, an die Urteilsfähigkeit der Leser*innen. Besser, wenig – besser, nur…. Wer würde nicht zustimmen, dass die Qualität eines Festmahles nicht an der Menge der Speisen hängt sondern an der Atmosphäre, am Miteinander. wo Streit und Hass ist, verschlägt es einem auch den Appetit. „Für einen Gast ist es angenehmer, gern gesehen und zu einem Teller Suppe eingeladen zu werden als bei einem Festmahl offensichtlich lästig zu sein.“(W. Dietrich, aaO. S. 142) Wer würde da nicht zustimmen?

18 Ein zorniger Mann richtet Zank an; ein Geduldiger aber stillt den Streit.

            Was ist gefährlich am Zorn? Es gibt doch auch den „heiligen Zorn“, so wie er Jesus ergreift, als er den Tempel reinigt. Gefährlich ist der Zorn wohl vor allem, weil er häufig keine Distanz mehr kennt.  Nur noch Aufregung, nur noch Impulsivität. Da ist kein Raum mehr zum Abwägen der eigenen Worte, zum Überlegen, was sie anrichten könnten. Man haut seine Sätze raus – und schüttet Öl ins ohnehin schon brennende Feuer. Es kommt dazu, der andere hört nicht mehr nur Worte, sondern Angriffe, Kränkungen.

            Zuhören. Noch einmal zuhören – nicht den Friedensapostel geben – das signalisiert allzu leicht Überlegenheit, die nur umso mehr aufregt. Ein Geduldiger kann auch nach der Wahrheit des Anderen fragen und auf sie zu antworten suchen. Das ist nicht einfach und auch nicht immer von Erfolg gekrönt, so dass sich die Gemüter beruhigen. Aber manchmal gelingt es und der Streit verlöscht wie ein Feuer, dem man die Luft entzogen hat.   

Herausforderung an unser Denken und Glauben

            Vor über dreißig Jahren die Frage an mich: „Brauchst du eigentlich immer die negative Folie, damit das Evangelium zum Leuchten kommen kann?“ Weil ich mir auf dem falschen Fuß erwischt vorkam, hat sich mir die Frage so eingeprägt  und ich geben sie weiter an die Sprüche. Es würde doch reichen, die positiven Sätze über die Gerechten zu sagen: Sie erhalten, was sie begehren. Ihre Hoffnungen und ihr Warten erleben Erfüllung. Sie sind vor Unwetter in Sicherheit. Sie werden alt. Ihr Leben ist in Ordnung.

            Reicht das nicht, weil der Vorwurf nahe liegt: Nur Wunschbilder. Nur schöner Schein, erkauft durch Ausblenden der harten Realität. Reicht es nicht, weil die Warnung fehlt, was werden wird, wenn man den Weg der Gerechtigkeit verlässt? Braucht es die Warnungen wie die Bilder auf der Zigarettenschachtel, möglichst schrill, weil die Anziehungskraft des guten Lebens zu gering ist? Heile Welt – da ist nichts los.

            Weit darüber hinaus gefragt: Geht es, darauf zu verzichten, mit der Hölle zu drohen, nicht die Angst vor dem Verlorengehen zu schüren? Frohe Botschaft ohne Drohbotschaft. Evangelium ohne die dunkle Folie des Gerichtes. Es ist eine ernsthafte Frage. Mir persönlich liegt es nahe, so zu denken: Die Ungerechtigkeit trägt in sich selbst schon genug Strafpotential. Da muss nicht noch Drohung mit einem zornigen Gott und dem ultimativen Gericht dazu kommen.  

 

Du heiliger Gott, Du willst uns als eine Wohltat für andere, mit einem frohen Herzen, mit einem langen Atem. Du willst uns als Menschen, die dem Frieden dienen, die anderen einen Raum zum Leben öffnen, die sich freundlich um die mühen, die es schwer haben, mit sich selbst und mit dem Leben.

Du willst, dass wir Deine Güte ausstrahlen, die Du uns schenkst, grundlos einfach so. Amen

Die vergessene Übung: Geduld

Sprüche 14, 29 – 34

29 Wer geduldig ist, der ist weise; wer aber ungeduldig ist, offenbart seine Torheit. 30 Ein gelassenes Herz ist des Leibes Leben; aber Eifersucht ist Eiter in den Gebeinen.

            Es klingt wie ein Einspruch gegen unsere schnelle Zeit, gegen die Ungeduld, die heute auf allen Ebenen zu herrschen scheint. Ein Lob der Geduld. Ein Lob der Langsamkeit. Damit etwas tief in uns verankert ist, raucht es Zeit,  oftmals viel Zeit. Die Geduld ist die Weisheit hinter allen Ritualen. sie leben davon, dass sie nicht eilig sind, sondern wieder und wieder wiederholt werden.

       Es gibt eine Fülle von Sprüchen aus anderen Zusammenhängen und Kulturen, die alle um das Thema Geduld kreisen: „Das Gras wächst nicht schneller, wenn man daran zieht.“ (Sprichwort aus Sambia) – „Man kann nicht heute Apfelbäume pflanzen und schon im nächsten Jahr die Früchte ernten.“(Berthold Beitz) – „Geduld ist der Schlüssel zur Freude.“
(Arabisches Sprichwort)

„Man darf nie weniger geschwind tun, wenn etwas geschehen soll, als wenn man auf die Stunde einhalten will. Ein Fußgänger auf der Baslerstraße drehte sich um und sah einen wohlbeladenen Wagen schnell hinter sich hereilen. „Dem muß es nicht arg pressieren“, dachte er. – „Kann ich vor Torschluß noch in die Stadt kommen?“ fragte ihn der Fuhrmann. – „Schwerlich“, sagte der Fußgänger, „doch wenn Ihr recht langsam fahrt, vielleicht. Ich will auch noch hinein.“ -„Wie weit ist’s noch.“ „Noch zwei Stunden.“ – „Ei“, dachte der Fuhrmann, „das ist einfältig geantwortet. Was gilt’s, es ist ein Spaßvogel. Wenn ich mit Langsamkeit in zwei Stunden hineinkomme“, dachte er, „so zwing ich’s mit Gechwindigkeit in anderthalben, und hab’s desto gewisser.“ Also trieb er die Pferde an, daß die Steine davonflogen und die Pferde die Eisen verloren. Der Leser merkt etwas. „Was gilt’s, denkt er, „es fuhr ein Rad vom Wagen?“ Es kommt dem Hausfreund auch nicht darauf an. Eigentlich aber, und die Wahrheit zu sagen, brach die hintere Achse. Kurz der Fuhrmann mußte schon im nächsten Dorf über Nacht bleiben. An Basel war nimmer zu denken. Der Fußgänger aber, als er nach einer Stunde durch das Dorf ging und ihn vor der Schmiede erblickte, hob er den Zeigfinger in die Höhe. „Hab ich Euch nicht gewarnt“, sagte er, „hab ich nicht gesagt: Wenn Ihr langsam fahrt?“            (J. P. Hebel, Der verachtete Rat, 1815)

            Es ist ein Gedanke, der einem schon kommen kann: mit dem Verlust der Ewigkeit als dem weiten Horizont des Lebens hat die Ungeduld die Oberhand gewonnen. Alles muss in die wenigen Jahren hineingepackt werden, die wir da sind. Nichts darf versäumt werden, denn nichts kann wiederholt werden. Für das Leben gibt es keine Reset-Taste und keine Repeat-Taste, nur die Echtzeit. Kein Wunder, dass alles eilig geworden ist. 

            Geduld lernen – das ist zuallererst ein Lernprogramm für den Umgang mit sich selbst. Das fängt sehr klein und bescheiden an: „Mir zugestehen, dass ich ein Leben lang ein Anfänger bleiben darf.  Ich fange heute neu mit mir an. Ich weiß, dass ich dazu geduldig werde sein müssen – mit mir selbst, weil ich mich ja zu kennen glaube, weil ich nicht aus dem Gedächtnis streichen kann, woran ich gestern und vorgestern Schiffbruch erlitten habe. Und wenn ich mir selbst eine zweite und dritte Chance geben möchte, dann stehen meine Erinnerungen und Erfahrungen da und flüstern mir zu: Es wird nichts werden. Es wird nur wieder die Wiederholung des ewig Gleichen sein. Da fängt der Kampf der Geduld an – in der Form des Ringens um das Vertrauen auf die Gnade des Neuanfangs.“(P.-U. Lenz, Tiefe Wurzeln wachsen langsam, Giessen 2008, S. 61) Geduld ist der Versuch, so etwas wie Gelassenheit zu lernen. 

            Gelassenheit kann wohl nur da wachsen, wo eine*r sich mit allem, auch mit den Versäumnissen des eigenen Lebens in den Händen Gottes geborgen weiß.  Wo eine*r glauben lernt, dass es genug ist, dass jeder Tag seine eigene Plage hat, sein eigenes Maß, seine eigenen Aufgaben. Und dass von Gott her nicht mehr verlangt ist, als sein Tagwerk redlich zu verrichten. Gott hält nichts von den Programmen zur Arbeitsverdichtung.  

31 Wer dem Geringen Gewalt tut, lästert dessen Schöpfer; aber wer sich des Armen erbarmt, der ehrt Gott.

            Es ist ein Satz, wie er nicht in das Denken der Zeiten passt – damals wohl nicht und heute auch nicht. Der Einwand liegt so rasch auf der Hand: Was ist Gewalt? Wir sind doch keine Leute, die durch die Straßen laufen und andere verprügeln. So entschuldigen sich Leute, die sich irgendwie angesprochen fühlen. Aber es gibt nicht nur diese rohe Gewalt der Schlägertrupps, der Hooligans.

            Es gibt die andere, die strukturelle Gewalt. Die den einen unten im Elend festhält und den anderen immer höher steigen lässt. Die dem einen den Zugang zu Wasser, Brot, Arbeit versperrt, weil Andere daraus ihren Gewinn ziehen. Es gibt die Gewalt, die der öffentlichen Meinung nicht nur die Themen,  sondern auch die  Wertungen zuschreit und andere sind vom Zugang zu den öffentlichen Medien ausgegrenzt. Es gibt diese Art Gewalt, die sich verkleidet, die sich der eilfertigen Handlanger bedient, die sich nie die Hände schmutzig machen muss. 

Es gibt die emotionale Gewalt, die sich schlicht in Sprüchen zeigt. ein Lehrer lässt seine Schülerin hundertmal schreiben: „Ich bin eine Gans, nur ohne Federn.“ Das ist pädagogischer Machtmissbrauch, emotionale Gewalt in ihrer übelsten Form. Geeignet, Selbstbewusstsein zu zerstören. Nur gut, dass das Mädchen eine Mutter hatte, die ihr beigestanden hat mit den Worten: „Das schreibst du nicht. Ich habe keine Gans geboren.“

            Das Urteil der Sprüche aber geht weit über den Satz hinaus: das ist unfair und ungerecht. vielleicht auch undemokratisch. „Wer den Geringen unterdrückt, versündigt sich nicht nur, weil er das Gebot der Nächstenliebe übertritt, sondern auch, weil er Gott verhöhnt, der den Armen seinen Mitmenschen anbefohlen hat.“(W. Dietrich, Das Buch der Sprüche, Wuppertaler Studienbibel AT, Wuppertal 1985, s. 136)Auf den ersten Blick geht es hier nur um Umgang mit dem einzelnen Geringen, dem einzelnen Armen. Aber wir heute lernen: es geht auch im die strukturelle Gewalt, die ganze Völker, ganze Kontinente  zu Armen macht, zu Notleidenden. Das Hören auf diese Worte wird in unserer Zeit auch so zum Ausdruck kommen müssen, dass Christ*innen sich für eine gerechtere Verteilung der Mittel engagieren, für eine gerechtere Weltordnung, für den achtsamen Umgang mit den Ressourcen, die alle nötig haben – Wasser, saubere Luft, Nahrung, Sicherheit vor Gewalt….. 

32 Der Gottlose besteht nicht in seinem Unglück; aber der Gerechte ist auch in seinem Tode getrost. 33 Im Herzen des Verständigen ruht Weisheit, und inmitten der Toren wird sie offenbar.

            Es braucht ein festes Herz, um durch Querschläge und Schicksalsschläge nicht aus der ahn zu geraten. Es braucht den festen Halt in Gott, damit einer sein Unglück tragen kann. Was hier gesagt ist, ist nahe an dem Zeugnis des Psalms:

Und ob ich schon wanderte im finstern Tal, fürchte ich kein Unglück;                     denn du bist bei mir, dein Stecken und Stab trösten mich.“           Psalm 23,4

    Vielleicht gehört das ja zum Programm der Sprüche, dass sie „fromme“ Sätze, auch Gebete so umwandeln, dass daraus allgemeine Lebensregeln werden können, mit dem ungesagten Zusatz: wer so lebt, ist richtig unterwegs. Nicht jeder ist für „Frommes“ aufgeschlossen.  Darum ist der Umweg, geistliche Einsichten in allgemeine Weisheit zu verwandeln, ein Weg hin zu denen, die dem Religiösen gegenüber skeptisch sind. 

34 Gerechtigkeit erhöht ein Volk; aber die Sünde ist der Leute Verderben. 35 Ein kluger Knecht gefällt dem König, aber einen schändlichen trifft sein Zorn.

            Was macht ein Volk zu einem „Leuchtpunkt“, zu einem Beispiel für andere? Glaubt man dem, was in Talk Shows so genannt wird, dann ist es zuerst die wirtschaftliche Leistungskraft. Der allgemeine Wohlstand. Der Erfolg als Exportnation. Vielleicht auch noch der Spitzenplatz in Sachen technischer Fortschritt und universitären Leistungen. Wie anders dagegen die Sprüche: Gerechtigkeit erhöht ein Volkşedākāʼ – die Gerechtigkeit geht allem anderen voran. Es ziert ein Volk mehr als alle Erfolge und Spitzenleistungen, dass es gerecht zugeht, dass für alle der Raum zum Leben geöffnet ist, dass niemand von der Teilhabe an der Gesellschaft ausgeschlossen wird.

            Der Apostel Jakobus buchstabiert diese so allgemein wirkenden Sätze  im Blick auf die christliche Gemeinde durch. „Hört zu, meine Lieben! Hat nicht Gott erwählt die Armen in der Welt, die im Glauben reich sind und Erben des Reichs, das er verheißen hat denen, die ihn lieb haben?“(Jakobus 2,5)  Wer um diesen Satz herum nachschaut, sieht: Dieser Umgang mit den Armen ist auch unter Christen nicht wie von selbst gegeben. Er muss geübt werden, weil er den Spielregeln der normalen Gesellschaft nicht entspricht.

            Schließlich: Tüchtige Leute sind immer gut angesehen – ob der Chef nun ein König oder einfach ein Vorgesetzter ist. Allerdings: ein kluger Knecht ist keiner, der nach oben buckelt und der nach unten tritt. Sachbezogen und fachkundig in der Arbeit, höflich und zuvorkommende im Umgang, klar in den eigenen Werten – das ist  der Mitarbeiter – so statt Knecht -, der seine Arbeit gut macht.

 

Du heiliger Gott, Du willst unsere Nachdenklichkeit. Du willst, dass wir unser Leben vernünftig ordnen, dass wir uns leiten lassen von guten Worten, hinhören auf die Weisheit, die frühere Zeiten gesammelt haben.

Lehre uns doch in unserer schnellen Zeit, dass wir für manche Einsicht Zeit brauchen, das Tempo verlangsamen müssen, weil wir in der Gefahr stehen, uns selbst zu verlieren, während wir immer eilig unterwegs sind.

Lass uns zur Ruhe kommen vor Dir. Lass uns unsere Sinne sammeln in Dir. Lass uns hören auf Dein Wort. Amen

Gutes suchen und tun

Sprüche 11, 24 – 31

24 Einer teilt reichlich aus und hat immer mehr; ein andrer kargt, wo er nicht soll, und wird doch ärmer. 25 Wer reichlich gibt, wird gelabt, und wer reichlich tränkt, der wird auch getränkt werden. 26 Wer Korn zurückhält, dem fluchen die Leute; aber Segen kommt über den, der es verkauft.   

Mit dem Besitz ist es so ein Ding. Er kann frei machen, er kann aber auch gefangen nehmen. Es ist nicht ausgemacht, dass einer, der viel hat, deshalb sorglos wird. Der ängstliche Blick auf den DAX, der allabendlich in der Tageschau gezeigt wird, ist eher bei denen, die viel haben als bei den Habenichtsen.

     Es gibt Menschen, die sitzen auf ihrem Gut und Geld. Sie haben immer Angst, dass es nicht reichen wird.  Sie halten zusammen, was sie haben. Das Seltsame ist: sie können darüber immer ärmer werden. „Es sieht wie eine empirische Feststellung aus: bisweilen geschieht es, dass die übertriebene Sparsamkeit des Geizigen ihm nichts nützt.“ (H. Ringgren, Sprüche, in ATD 16, Göttingen 1967, S. 50) Wahrscheinlich zielt das Wort auch auf sehr konkrete Wirtschaftsverhältnisse, die nicht illegal sind, aber trotzdem problematisch: Wer Korn zurückhält, dem fluchen die Leute. So sind die Verhältnisse: Wer Lagerraum besaß, konnte Getreide für „teure Zeiten“ aufheben und so die Preise hochtreiben -, sei es, bis kurz vor der Nächsten Ernte, oder gar für Jahre der Missernte.“(W. Dietrich, Das Buch der Sprüche, Wuppertaler Studienbibel AT, Wuppertal 1985, S. 116)Ein Verhalten, dass durch die Erinnerung an Joseph in Ägypten fast legal erscheinen mochte. Die wirtschaftliche Vernunft klatscht Beifall.

            Fast wie von selbst stellt sich die Erinnerung an die Beispiel-Erzählung Jesu ein: „Es war ein reicher Mensch, dessen Land hatte gut getragen. Und er dachte bei sich selbst und sprach: Was soll ich tun? Ich habe nichts, wohin ich meine Früchte sammle. Und sprach: Das will ich tun: Ich will meine Scheunen abbrechen und größere bauen und will darin sammeln all mein Korn und meine Güter  und will sagen zu meiner Seele: Liebe Seele, du hast einen großen Vorrat für viele Jahre; habe nun Ruhe, iss, trink und habe guten Mut! Aber Gott sprach zu ihm: Du Narr! Diese Nacht wird man deine Seele von dir fordern. Und wem wird dann gehören, was du bereitet hast?“(Lukas 12, 16 – 20)  Da hat einer alles im Überfluss. Nur außer ihm ist weit und breit kein Mensch in Sicht. Er sitzt zwischen toten Dingen und ist allein.

            Es ist die Warnung, die in unserer Zeit ausgewandert ist in einen Song-Text und darum –  weit über Kirchenmauern hinweg – Menschen  aller Altersgruppen und sozialen Schichten unerreicht hat

„Wenn Träume sterben, dann wirst Du alt.
Du bist Dein eigner Schatten nur und holst Dich nicht mehr ein.
Wenn Träume sterben, dann wird es kalt.
Du bist ein Mensch zwischen toten Dingen und bist allein.“ 

                                                           Phudys, CD Phudys 3, 1977

           Es will so scheinen, dass Paulus die Worte aufgenommen hat in seiner Mahnung an die Gemeinde: „Wer da kärglich sät, der wird auch kärglich ernten; und wer da sät im Segen, der wird auch ernten im Segen.“(2. Korinther 9,6) Der erste Theologe der jungen Christenheit ist einer, der sich in den Sprüchen auskennt und sie weiter sagt. 

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An Gottes Segen ist alles gelegen

Sprüche 10, 22 – 32

22 Der Segen des HERRN allein macht reich, und nichts tut eigene Mühe hinzu.

            Segen – das ist Geschehen, das sich unserer Machbarkeit entzieht. Segen des HERRN erst recht. Es kann eine*r viele Kinder haben, aber dass sie ein „Kindersegen“ sind, steht auf einem anderen Blatt. Es kann eine*r viel Geld haben, dass es jedoch ein Geldsegen ist, steht gleichfalls auf einem anderen Blatt. Gott segnet, wo und wie und wann er will. Diese Unableitbarkeit ist dem Segen eigen. „Der Segen Gottes kommt ohne menschliche Anstrengung.“(H. Ringgren, Sprüche, in ATD 16, Göttingen 1967, S. 47) Das ist gleichwohl keine Einladung zur Faulheit. Wohl aber zum Vertrauen

23 Ein Tor hat Lust an Schandtat, aber der einsichtige Mann an Weisheit. 24 Was der Frevler fürchtet, das wird ihm begegnen; und was die Gerechten begehren, wird ihnen gegeben.

            Diese Form prägt die Sprüche: Sie sind Denken in Gegensatz-Paaren. Die dunkle Folie des Gottlosen, des Narren, des Frevlers dient als Warnung und als Leuchthilfe. Sie lässt das Leben des Gerechten umso heller strahlen. Gedankenlosigkeit und Einsicht stehen einander gegenüber, die Furcht, die unfrei macht und die hoffnungsvolle Erwartung. „Der Gerechte kann auf die Erfüllung seiner Wünsche im Schlaf warten und sich ihrer Erfüllung freuen.“ (W. Dietrich, Das Buch der Sprüche, Wuppertaler Studienbibel AT, Wuppertal 1985, S. 110) Es mag sein, wir mögen solche Schwarz-Weiß-Zeichnungen nicht. Aber sie haben ihr Recht in ihrer Holzschnitt-Haftigkeit, weil sie zu Entscheidungen nötigen: Wie will ich leben? Wer will ich sein?

25 Wenn das Wetter daherfährt, ist der Frevler nicht mehr; der Gerechte aber besteht ewiglich. 26 Wie Essig den Zähnen und Rauch den Augen tut, so tut der Faule denen, die ihn senden. 27 Die Furcht des HERRN mehrt die Tage; aber die Jahre der Gottlosen werden verkürzt. 28 Das Warten der Gerechten wird Freude werden; aber der Gottlosen Hoffnung wird verloren sein. 29 Der Weg des HERRN ist des Frommen Zuflucht; aber für die Übeltäter ist er Verderben. 30 Der Gerechte wird nimmermehr wanken; aber die Frevler werden nicht im Lande bleiben.

            Es ist ein ganzes Sammelsurium an Warnungen in Richtung derer, die das Leben der Frevler nicht kritisch anschauen. Sie sind unbeständig, wetterwendisch. „Jäh und plötzlich überrascht ihn der Tod.“(H. Ringgren, aaO. S. 46)Die Lebenszeit wird verkürzt! Weil sie ihre Zeit vertun? Bis heute gibt es Todesanzeigen für Hochbetagte zwischen 85 und 100: „Plötzlich und unerwartet verstarb…“ Das zeigt etwas von der Torheit, die hier mitklingt. 

            Jedenfalls: Der Spielraum für das Leben der Gerechten wird größer! Ihre Lebenszeit hat eine andere Qualität. Womöglich gar nicht, was die Zahl der Jahre angeht. Wohl aber, was das Leben in diesen Jahren angeht. Das Warten der Gerechten wird Freude werden. Es sind subjektive Erfahrungen, die hinter solchen Worten stehen! Keine Lebensweisheiten in der Form eherner, immer gültiger Gesetze.

 31 Aus dem Munde des Gerechten sprießt Weisheit; aber die falsche Zunge wird ausgerottet. 32 Die Lippen der Gerechten wissen, was wohlgefällt; aber der Mund des Frevlers weiß Dinge zu verdrehen.

            „Da die Sprüche sich mit dem Alltag des menschlichen Lebens Beschäftigen, thematisieren sie auch Kommunikationsprobleme.“ (V. Kessler, Kritisieren ohne zu verletzen, Lernen von den Sprüchen Salomos, Giessen 2019, S. 6) Hier den Umgang mit der Wahrheit. Wir leben in einer Zeit der Fake News. Alle Tage wieder gibt es Meldungen, deren Wahrheitsgehalt gleich Null ist. Die aber wie bösartige Geschwulste wuchern und das miteinander vergiften. Kein Feuer ohne Rauch, kein Rauch ohne Feuer – es wird schon etwas dran sein: So denken Menschen und übernehmen unkritisch ungeprüft, was sie gehört, gesehen, gelesen haben.

Die Herausforderung an unser Denken und Glauben:

            Fake News sind keine Erfindung unserer Zeit – der Intrigant und Gerüchte-Verbreiter ist eine Figur aller Zeiten. Die Sprüche nennen ihn Frevler, weil er Leben aus purer Lust am Zerstören in Gefahr bringt. Gerüchte gibt es schon immer – sie laufen auch früher schon rasch. Nur das heutige Verbreitungs-Tempo ist der modernen Technik geschuldet. Es geht rasend schnell, sozusagen in Echtzeit: Halbwahrheiten, Andeutungen, Gerüchte – die ganze Palette wird bedient.  Und zurückholen, wenn sich die Gerüchte als Unwahrheit erweisen? Geht nicht. Was einmal in der Welt ist, wird nicht „gelöscht“. Das gilt nicht nur für das Internet.   

            Von Philippo Neri, Im Mittelalter Seelsorger in Rom  wird erzählt:

             „Als Contessa Bianchi bekannte, sie habe wiederholt schlecht über andere Menschen gesprochen, trug ihr der weise Beichtvater Folgendes auf: „Zur Buße wirst du dir am Markt ein Huhn besorgen und dann damit zu mir kommen. Unterwegs musst du es so gut rupfen, dass dabei auch nicht eine Feder übrigbleibt.“

            Die Contessa führte dies folgsam aus, sehr zum Amüsement der römischen Bevölkerung. Angesichts des gerupften Huhns verlangte Philipp Neri von der stadtbekannten Adeligen jedoch, alle Federn wieder einzusammeln und keine dabei zu vergessen. Darauf die Contessa bestürzt: „Das ist doch nicht möglich! Der Wind hat die Federn bereits in ganz Rom verweht.“ Daraufhin Philipp: „Daran hättest du vorher denken müssen. So wie du die einmal ausgestreuten Federn nicht mehr aufsammeln kannst, weil der Wind sie verweht hat, so kannst du auch die bösen Worte, die du einmal ausgesprochen hast, nicht wieder zurücknehmen.“

            Man wird durchaus sagen dürfen – hinter halbwahren Worten und Meldungen steckt oft Bösartigkeit. Die sie verbreiten, „kümmern sich nur darum, wie sie anderen durch Entstellungen, Verdrehungen und Falschmeldungen schaden können.“(W. Dietrich, aaO. S. 110) Der große Unterschied zur Zeit der Entstehung der Sprüche: Damals sind solche falschen Zungen in ihrer Reichweite beschränkt – sie gehen nur von Mund zu Mund. Heute laufen Meldungen in Sekunden um die Welt – und manche sind geeignet, irreparable Entscheidungen herbei zu führen. Jüngsten Beispiel: der Brexit, der mit einem Gemisch von Ressentiments, Halbwahrheiten und Lügen initiiert worden ist. Und viele sind darauf – gutgläubig, naiv – hereingefallen. 

 

Mein Gott, danke für alles Achten auf unser Leben. Danke für alles Warnen, das uns helfen will, behutsam zu sein, achtsam umzugehen mit dem, was wir tun, mit dem, was wir sagen, mit dem, der an unserer Seite unterwegs ist. Du willst, dass unser Leben in Worten und Werken anderen gut tut. . Leite Du uns dazu durch Dein Wort, durch Deinen Geist. Amen

Bewahren vor dem falschen Leben

Sprüche 10, 6 – 12

6 Segen ruht auf dem Haupt des Gerechten; aber auf die Gottlosen wird ihr Frevel fallen. 7 Das Andenken des Gerechten bleibt im Segen; aber der Name der Gottlosen wird verwesen.

            In diesem Tonfall der Gegenüberstellung Gerechter -Frevler geht es weiter. Jetzt aber nicht mehr konkret auf Fleiß und Auskommen, Armut oder Faulheit bezogen, sondern allgemein: Segen auf dem Haupt des Gerechten, die Gottlosen aber werden von ihrem Frevel eingeholt.

Man könnte auf die Idee kommen – der Psalm hat für diese Gedanken Pate gestanden:

„Aber so sind die Gottlosen nicht, sondern wie Spreu, die der Wind verstreut. Darum bestehen die Gottlosen nicht im Gericht                                                          noch die Sünder in der Gemeinde der Gerechten.                                                         Denn der HERR kennt den Weg der Gerechten,                                                            aber der Gottlosen Weg vergeht.“                Psalm 1, 4 – 6

            Es ist eine „ausgesprochen optimistische Stimmung, gebaut auf das feste Vertrauen der gerechten Weltordnung.“(H. Ringgren, Sprüche, in ATD 16, Göttingen 1967, S. 45) Gutes tun tut gut und zahlt sich aus. Gott antwortet mit Wohlergehen auf das Handeln, das sich an seinen Weisungen orientiert. Es ist eine Lebenshaltung, die sich auch in modernen Zeiten wieder finden lässt. „Ich will Ihnen ein Geheimnis verraten: Das Leben gelingt meistens einigermaßen. Nicht immer leider, aber meistens gelingt es allen Widrigkeiten und Fehlern zum Trotz. Eltern machen nicht alles falsch und trotz ihrer Fehler werden aus den meisten Kindern tüchtige Leute.“(G. Hartmann, Erfrische Geist und Sinn, Frankfurt 1997, S. 29)

            Es ist eine Eigenart dieser Wort-Sammlung, dass sie zwar nüchtern die Realität des Bösartigen in der Welt sieht, aber dennoch auf den guten Ausgang hofft, darauf, dass sich das Gute – Gottes Güte – durchsetzen wird. Dass am Ende der Segen bleibt. „Bewahren vor dem falschen Leben“ weiterlesen

Ich brauche ein besseres Gedächtnis

Philipper 4, 10 – 23

10 Ich bin aber hocherfreut in dem Herrn, dass ihr wieder eifrig geworden seid, für mich zu sorgen; ihr wart zwar immer darauf bedacht, aber die Zeit hat’s nicht zugelassen.

            Paulus ist nicht der Mann spiritueller Höhenflüge. Ganz handfest geht es zu. Die Gemeinde hat für Paulus gesorgt – durch Zuwendungen, Unterstützung. Unaufgefordert. Als sich die Gelegenheit geboten hat, sind sie aktiv geworden. Dies zu erfahren, hat Paulus gut getan. Ihn mit großer Freude erfüllt. Dieser „ausführliche und sehr persönliche Dank für die Geldzuwendung der Philipper, der erst am Schluss des Briefes seinen Ort hat, ist ein besonderes Beispiel für die liebevolle Verbundenheit zwischen Apostel und Gemeinde.“ (U. Wilkens, aaO. S. 252)   

11 Ich sage das nicht, weil ich Mangel leide; denn ich habe gelernt, mir genügen zu lassen, wie’s mir auch geht. 12 Ich kann niedrig sein und kann hoch sein; mir ist alles und jedes vertraut: beides, satt sein und hungern, beides, Überfluss haben und Mangel leiden; 13 ich vermag alles durch den, der mich mächtig macht.

                  Kein Zweifel. Paulus ist dankbar. Man tut gut daran, diese Sätze nicht als gängige höfliche Floskel zu lesen: „Das wäre doch nicht nötig gewesen.“ Auch nicht als Zurückweisung einer nicht willkommenen Fürsorge. Es tut gut, wenn andere liebevoll an uns denken, wenn sie tatkräftig und mit guten Worten unterstützen, Es tut gut, selbst wenn man geneigt ist abzuwehren. Diese Zuwendung ist wie ein Versprechen für andere Zeiten – es wird Hilfe auch dann geben, wen die eigenen Möglichkeiten erschöpft und ausgereizt sind.

Andernorts ist Paulus sorgfältig darauf bedacht, Eigenständigkeit und Unabhängigkeit zu wahren. „Als ich bei euch war und Mangel hatte, fiel ich niemandem zur Last. Denn meinem Mangel halfen die Brüder ab, die aus Mazedonien kamen. So bin ich euch in keiner Weise zur Last gefallen und will es auch weiterhin so halten.“(2. Korinther 11, 9) Nicht so hier. „Er nimmt die Unterstützung der Philipper an, selbst wenn er offenbar auch ohne sie in der Lage wäre zu überleben.“(Chr. Schluep-Meier, Der Philipperbrief/Der Philemonbrief, Neukirchen 2014, S. 150) Die Gaben freuen ihn. Sie tun ihm gut, sind sie doch Zeichen einer tiefen Verbundenheit.

            Und doch: Er hat eine andere Lektion gelernt, die ihn unabhängig hat werden lassen von seiner äußeren Situation. Ich habe gelernt, mir genügen zu lassen. „Mit allem zufrieden zu sein, auch wenn er Hunger und Durst erleiden muss, nichts anzuziehen hat und kein Quartier findet.“(G.. Friedrich, aaO. S. 173) Das ist auf den ersten Blick eine Bedürfnislosigkeit, wie sie auch in der zeitgenössischen Philosophie gelobt, empfohlen und auch praktiziert werden könnte. Allerdings nur auf den ersten Blick.

            Die Bedürfnislosigkeit des Paulus unterscheidet sich in ihrer Wurzel davon. Seine Bedürfnislosigkeit kommt daher: Ich vermag alles durch den, der mich mächtig macht. Sie ist erwachsen aus der Bindung an Christus, aus der Erfahrung: Er sorgt für mich. „Wenn ich nur dich habe, so frage ich nichts nach Himmel und Erde.“ (Psalm 73,25) Das war wohl einmal Lernstoff für den Pharisäer Paulus. Das ist Erfahrungs-Stoff für den Christus-Zeugen Paulus. „Er hat gelernt, Christus nachzuahmen. Wer das tut, beschreitet die Kurven des Weges Christi.“ (P. Wick/K. Offermann, Mit Paulus glauben, Texte zur Bibel 34, Neukirchen 2018, S. 114) Aus seiner Stärke schöpft Paulus. Keine Autarkie, keine Selbstgenügsamkeit, sondern Christus schenkt sich selbst und schenkt darin genug. 

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Meine Lehrer

Philipper 4, 1 – 9

1 Also, meine lieben Schwestern und Brüder, nach denen ich mich sehne, meine Freude und meine Krone, steht fest in dem Herrn, ihr Lieben.

            Sätze der Ermutigung. Sätze, in denen Sehnsucht mitschwingt. Keine Polemik mehr, sondern Zuneigung und Verbundensein bestimmen diese Worte. „Eine Handvoll Bitten, Wünsche, Ermahnungen, Ermunterungen, sozusagen auf gut Glück hineingeworfen in die Gemeinde.“(E. Thurneysen, Der Brief des Paulus an die Philipper, Basel 1943, s. 128)  Und in allem ist die Hochachtung zu hören. Meine Freude und meine Krone. Was ihn äußerlich schmückt und innerlich froh sein lässt – das ist die Gemeinde. Ich überlege: in wie vielen der Gemeinden, die Paulus gegründet hat, hat er Anderes erlebt – Misstrauen, Vorbehalte, Skepsis. Hier dagegen: Freude. Von ihnen hofft er, dass sie fest bleiben. Stabil,  würden wir sagen. Beständig und treu.

            Diese kurze Notiz zeigt: dass Christen stabil und treu im Glauben sind, versteht sich nicht von selbst. Es ist Herausforderung, fest zu stehen. Es geht Paulus um Festhalten am Bekenntnis. „Wozu ein Bekenntnis, wenn nicht daran festzuhalten wäre?“(Chr. Schluep-Meier, Der Philipperbrief/Der Philemonbrief, Neukirchen 2014, S. 137) Festzuhalten nach außen und auch sich selbst darin festzuhalten. Das alles ist Aufgabe und es ist Bitte zugleich. Wohl auch Teil der Fürbitte des Paulus. 

Ach bleib mit deiner Treue bei uns, mein Herr und Gott;
Beständigkeit verleihe, hilf uns aus aller Not.         J. Stegemann 1627  EG 347

2 Evodia ermahne ich und Syntyche ermahne ich, dass sie „eines“ Sinnes seien in dem Herrn. 3 Ja, ich bitte auch dich, mein treuer Gefährte, steh ihnen bei; sie haben mit mir für das Evangelium gekämpft, zusammen mit Klemens und meinen andern Mitarbeitern, deren Namen im Buch des Lebens stehen.

            Paulus bleibt bei seinem Thema: Feststehen, beständig werden. Gefährdet wird das sicher durch Druck von außen. Aber vor allem auch durch Uneinigkeit im Inneren. Gibt es Unstimmigkeiten zwischen Evodia und Syntyche, dass Paulus so ermahnt – diesmal wirklich ermahnt? „Ob die beiden Frauen zusammenarbeiten und dabei in Zwist geraten sind oder ob sich aufgrund verschiedener Ansichten ein Konflikt gebildet hat, wissen wir nicht.“(Chr. Schluep-Meier, aaO. S. 139) Nur: Die Gemeinde soll nicht zusehen, wie sich Leute entzweien, die gemeinsam für das Evangelium gekämpft haben.

            Es ist nicht die Art des Paulus, solche Unstimmigkeiten einfach als gegeben hinzunehmen.             Darum stellt er ihnen Leute zur Seite. Helfer. Friedensstifter. Weil sie gebraucht werden, auch als Prellbock zwischen Personen, die es miteinander nicht leicht haben. Es ist eine auffällige Anrede:  Σύζυγε. Jochgenosse („zusammengejocht, verbunden“. Gemoll, aaO. S. 698) – so redet er einen, den sie wohl in Philippi alle kennen, direkt an. Wie harmlose klingt die deutsche Übersetzung Gefährte! „Offensichtlich steht der Angesprochene, bildlich gesprochen, mit Paulus wie ein Ochse in einem Zweiergespann. Er zieht am selben Joch und arbeitet damit auf demselben Feld.“(P. Wick/K. Offermann, Mit Paulus glauben, Texte zur Bibel 34, Neukirchen 2018, S. 92)  Ihn, der mit ihm, Paulus, auch die Lasten des Weges wie ein Jochgenosse geteilt hat, will er einspannen für diese beiden Frauen.

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Schon vorgemerkt

Philipper 3, 12 – 21

12 Nicht, dass ich’s schon ergriffen habe oder schon vollkommen sei; ich jage ihm aber nach, ob ich’s wohl ergreifen könnte, weil ich von Christus Jesus ergriffen bin. 13 Meine Brüder, ich schätze mich selbst noch nicht so ein, dass ich’s ergriffen habe. Eins aber sage ich: Ich vergesse, was dahinten ist, und strecke mich aus nach dem, was da vorne ist, 14 und jage nach dem vorgesteckten Ziel, dem Siegespreis der himmlischen Berufung Gottes in Christus Jesus.

            Noch nicht am Ziel. Noch nicht vollkommen. Das sind vielleicht die kostbarsten Sätze dieses großen ersten Theologen der Christenheit. Er, der  den Glauben so radikal durchdacht hat, wie vor ihm keiner aus der Jüngerschar, er, der mit seinem Denken Grundlagen für alle spätere Denkarbeit in der Christenheit gelegt hat – er sagt: noch nicht vollkommen. „Er denkt von sich nicht, dass er sein Heil im Griff hat, aber er vertraut darauf, dass Christus ihn ergriffen hat.“ P. Wick/K. Offermann, Mit Paulus glauben, Texte zur Bibel 34, Neukirchen 2018, S. 77)

            Im Deutschen kann man nicht sehen, was hier mitschwingt. Οχ τι δη τετελείωμαιNicht, dass ich schon vollkommen sei steht einem anderen Satz, einem anderen Wort, gegenüber: Τετέλεσται„Es ist vollbracht.“ (Johannes 19,30) Das gleiche Wort, einmal als Signal des Sieges, der Vollendung und einmal als Hinweis: noch nicht. Es ist, als wüsste Paulus, dass dieses Wort vollbracht, vollkommen nur einem zusteht, nur dem Christus am Kreuz.   

            Paulus jedenfalls sieht sich noch auf dem Weg. Er ist „ein Wettläufer, der von Christus erfasst, auf die Parusie Christi zuläuft.“(U. Wilkens, aaO. S. 252) Dem kommenden Christus entgegen.Weil er noch unterwegs ist,ist er kein Vollkommener. Kann es ja auch gar nicht sein, solange er noch auf dem Weg ist. Noch nicht in der Ewigkeit angekommen. Es ist gut, sich vor allen zu hüten, die sich unterwegs mit der Aura der Vollkommenheit umgeben.  Das Evangelium von der Rechtfertigung der Gottlosen verträgt keine perfekten Frommen. Es verträgt Frömmigkeit nicht als Vollkommenheit, sondern immer nur als Versuch. Als Übung.

            Sich ausstrecken – ja. Sich mühen – ja. Sich festhalten in der Hoffnung, dass ich gehalten werde – ja.

 Was ist Jesus für mich?
 Einer, der für mich ist.

 Was ich von Jesus halte?
 Dass er mich hält.       L. Zenetti, Auf seiner Spur, Mainz 2000, S. 126

           In dieser Haltung lebt Paulus. „Ich bin der, der auf diese Weise unterwegs sein muss, unaufhaltsam unterwegs. Denn Jesus Christus hat seine Hand auf mich gelegt.“(E. Thurneysen, Der Brief des Paulus an die Philipper, Basel 1943, S. 116) So sieht er sich als einen, der Jesus folgt. Ihm nachläuft. In ihm das Ziel seines Lebens hat. Man kann es vermutlich gar nicht einfach genug sagen: Ich strecke mich aus nach dem, was da vorne ist. Darin sieht Paulus die Erfüllung, der er entgegen lebt: bei Jesus sein. Dazu weiß er sich berufen. Das ist die Berufung, die über die Berufung als Apostel hinaus geht, die sich auch nicht in rastlosem Einsatz erschöpft: Im Vaterhaus ankommen. Ihn sehen, wie er ist. Von ihm angesehen werden. 

15 Wie viele nun von uns vollkommen sind, die lasst uns so gesinnt sein.

            Das klingt fast ein bisschen ironisch. τέλειοι vollkommen. Aus dem Mund dessen, der gerade von sich gesagt hat: Ich jedenfalls bin nicht vollkommen. Noch nicht am Ziel. Nimmt Paulus ein Schlagwort aus den Gemeinden auf, ein Wort, das Faszination ausübt? Es könnte so sein. Vollkommenheits-Ideale haben zu aller Zeit Konjunktur. Und es gab und gibt genügend Gruppen, die ihren Leute genau das versprechen: Das vollkommene Leben, das gelingende Leben. Nur noch ein Kurs mehr. Nur noch ein bisschen Mühe mehr.

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